Archiv | 07.02.2013

Das deutsche Wunder – oder warum die Welt uns nicht versteht

 

HF - Das deutsche Wunder - 07-02-2013

Diese Zeitreihe beschreibt besser als alle anderen, die wir kennen, die deutsche Konjunktur. Es handelt sich um den Auftragseingang in der deutschen Industrie insgesamt (also In- und Ausland), saisonbereinigt und real, gestern aktualisiert bis Dezember 2012 auf der Basis 2005 als 100. Da die Industrie der zyklische Teil der Gesamtwirtschaft ist, kann man mit dieser Reihe auch die Bewegung in der Gesamtwirtschaft sehr gut einschätzen.

Da haben wir es, das deutsche Wunder. Würde man dem Bürger öfter eine solche Reihe zeigen, könnte er sich selbst ein Bild davon machen, was in Deutschland geschieht und wie es um ihn selbst steht. Nach einem tiefen Einbruch im Zuge der Finanzkrise ist es Deutschland in der Tat besser als vielen anderen Ländern gelungen, zurück in einen Aufschwungmodus zu gelangen und einen erhebliche Teil der Verluste wieder wett zu machen. Das lag zunächst an einer richtigen Reaktion der Wirtschaftspolitik, die weltweit den Absturz der Konjunktur mit zusätzlichen schuldenfinanzierten Staatsausgaben stoppte. In Deutschland verstärkte sich die Erholung rasch, weil der Export, genauer, der Exportüberschuss und damit die schuldenfinanzierte Nachfrage aus dem Ausland, zunächst nach China und dann in die USA, alle Rekorde brach und selbst der Rest der Eurozone weiter munter deutsche Güter auf Pump kaufte.

Das ging aber nicht lange. Nur zwei Jahre später, Mitte 2011, war der Aufschwung schon zu Ende. Seither befindet sich die deutsche Industrie in einer Abwärtsbewegung, um nicht zu sagen, im Abschwung. Ganz gleich, welche Jubelarien die deutschen Medien jeden Monat anstimmen, weil hier oder da ein Häkchen nach oben zeigt, ganz gleich, wie sich die „Stimmungsindikatoren“ entwickeln, von einem Aufschwung kann nicht die Rede sein.

Das würde, wenn in Deutschland die Bereitschaft bestünde, sich ernsthaft und sachlich mit den Dingen auseinanderzusetzen, als eine schlimme und gefährliche Entwicklung angesehen, weil vollkommen unklar ist, woher, von welchen Impulsen ausgelöst also, ein neuer Aufschwung kommen soll. Ein Umschwung fällt nämlich nicht vom Himmel, sondern wird von der Bereitschaft irgendeines wichtigen Sektors in der Wirtschaft ausgelöst, bei zunächst unverändertem Einkommen mehr auszugeben als zuvor, also Schulden zu machen oder weniger zu sparen. Welcher Sektor sollte das sein? Die Unternehmen, die schon 2012 ihre Investitionen heruntergefahren haben in Reaktion auf die Schwächephase? Die privaten Haushalte, deren Einkommenserwartungen auch 2013 nicht anders als 2012 sein werden, nämlich nahe einer Stagnation der realen Einkommen? Der Staat, der auf allen Ebenen auf Teufel kommt raus spart, um die Vorgaben der Schuldenbremse einzuhalten?

Wenn alle die nicht, dann bleibt nur die immerwährende deutsche Hoffnung auf das schuldenerprobte Ausland. Irgendwo auf der Welt wird sich doch ein Fleckchen finden, das noch deutsche Güter auf Pump kaufen und damit die deutsche Konjunktur ankurbeln wird. Dass in Deutschland jemand mehr Schulden machen wird oder weniger spart, schließen wir jederzeit und kategorisch aus und wir fordern von anderen sogar, genauso strikt solide zu sein. Aber das geht logisch nicht auf: Wenn keiner Schulden macht und viele versuchen zu sparen, bricht die Wirtschaft zusammen, Kollaps statt Aufschwung.

Doch was kümmert uns die Logik, wenn wir Recht haben. Die Financial Times berichtet heute von einem Besuch des Bundeswirtschaftsministers in Paris: „Speaking on a visit to Paris, Philipp Rösler, Germany’s vice-chancellor and economy minister, said the eurozone’s top priority must be ´strengthening competitiveness, rather than weakening the currency“. Der Mann ist Arzt, das ist ihm zugute zu halten. Wenn ich sagen würde, ich breche dem Patienten jetzt den Arm, um seine Knochen zu reparieren, würde er mir sicher auch zugute halten, dass ich ein blutiger Laie bin.

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