Deutsche Ökonomen warnen vor französischem Merkantilismus – oder warum der Witz der Woche gar nicht zum Lachen ist

 

Deutsche Wirtschaftswissenschaftler sind zu allem fähig. Kaum hatte ich vorgestern meinen Kommentar zur konjunkturellen Entwicklung geschrieben, an dessen Ende die nahezu geniale Einlassung unseres Wirtschaftsministers stand, der Abwertungen ablehnt, aber den Kampf um Wettbewerbsfähigkeit für entscheidend hält, wurde er sofort getoppt von „Wirtschaftsexperten“ die von der FAZ zu dem Thema befragt wurden.

„Der Vorschlag entspringt typisch merkantilistischem Denken französischer Provenienz“, sagte etwa der Wirtschaftsweise Lars Feld laut FAZ. Die Europäische Zentralbank sollte sich davor hüten, dem Ansinnen Hollandes zu folgen, sagte das deutsche Sachverständigenratsmitglied.

Dem Merkantilismus liegt laut Wikipedia das Streben nach Überschüssen im Außenhandel zugrunde, zudem seien sich die Merkantilisten einig gewesen, die Arbeiterklasse zu unterdrücken. „Arbeiter und Bauern hatten am Existenzminimum zu leben, damit die Güter kostengünstig hergestellt werden konnten. Ziel war es, die Produktion zu maximieren; der Verbrauch und Genuss der Arbeiter wurde nicht berücksichtigt. Nur wenn sie durch harte Arbeit ihr Existenzminimum sichern konnten, war sichergestellt, dass eine maximale Produktion erreicht werden konnte. Höhere Löhne, Freizeit oder Bildung für die Unterschichten würden unausweichlich zu Lastern und Faulheit führen und wirtschaftlichen Schaden anrichten.“

Die Franzosen also sind die Merkantilisten! Deutschland hat zwar mehr als irgendein anderes Land in Europa seine Löhne (in Relation zur Produktivität) gesenkt, was eine massive reale Abwertung mit sich gebracht hat, in Deutschland ist die Nachfrage der Inländer weniger gestiegen als in allen anderen großen Industrieländern und Deutschland hat mehr als irgendein anderes Land in der ganzen Welt Überschüsse im Außenhandel aufgetürmt, aber die Franzosen sind die Merkantilisten.

Da fehlen einem die Worte. Und wiederum fragt man sich, kann es sein, dass jemand, der als Wissenschaftler bezahlt wird, das nur aus Unwissen tut.

Ich füge einen Text an, den ich im Mai 2007 unter dem Titel „Globalisierter Merkantilismus“ in den WSI-Mitteilungen geschrieben habe:

„Lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht und neu die Wirtschaftsmacht am Rhein. Deutschland ist wieder wer und Frankreich versteht die Welt nicht mehr. Ganz Frankreich fragt sich, was es so fundamental falsch gemacht hat in den letzten Jahren, dass es die Wirtschaftsschlacht am Rhein verloren und quasi über Nacht die Rolle des ´kranken Mannes Europas´ von Deutschland übernommen hat. Die Welt wiederum fragt sich, besser, sollte sich fragen, wie es sein kann, dass das schlimmste aller Hochlohnländer, das sozial total überreizte Land, das man mit Gewalt zum Wachstumsschlusslicht und Verlierer der Globalisierung abstempeln wollte, wie Phönix aus der Asche der europäischen Wirtschaft emporsteigen kann. Verwirrung allenthalben. Wo ist der Sinn? Wo ist der Spiegel, der die Zusammenhänge klärt? War es Hartz IV? Waren es die vielen ´Reformen´? War es der Ruck, der endlich durch die erschlaffte Gesellschaft gegangen ist?

Die Antwort ist einfach, aber keiner will sie hören. Es war so, wie es fast immer war, wenn ein Land plötzlich zu neuen Höhenflügen ansetzte. Es war so wie in Großbritannien und Schweden Anfang der 90er Jahre, oder so wie in Irland Mitte der 80er, es war wie in Holland zu Anfang der 80er Jahre oder wie in Finnland nach dem Fall des eisernen Vorhangs. Und schließlich war es ganz ähnlich wie China nach 1993, in vielen anderen Ländern Asiens nach der großen Finanzkrise, wie in Japan und der Schweiz vor fünf Jahren oder wie in Argentinien nach dem Zusammenbruch im Jahre 2001. Alle diese Länder haben eines gemeinsam: Sie alle haben dramatisch ihre Währung abgewertet, bevor der Aufschwung begann, besser sollte man sagen, sie alle haben in großem Maße real abgewertet, also ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert, ganz gleich, ob sie dabei den Wechselkurs bemühen mussten oder es über Lohndumping getan haben.

Diese Erklärung, ich weiß es, trifft auf wenig Gegenliebe. Die Nicht-Ökonomen mögen sie nicht, weil sie meist gar nicht verstehen, worum es dabei geht und daher viel lieber bei leicht verständlichen Faktoren bleiben. Was es heißt „strukturelle Verkrustungen“ zu beseitigen, ist schließlich jedem einleuchtend, der einmal seinen Wasserhahn von Kalk befreit hat. Dass Politik zur Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit internationale Rückwirkungen hat, nämlich den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit anderswo, wird einfach vergessen nach dem Motto: Die Welt ist globalisiert und das bedroht unseren Wohlstand, da wir aber in der Defensive sind, kann uns niemand einen Vorwurf machen, wenn wir uns wehren.

99 Prozent aller Ökonomen lieben diese Erklärung noch viel weniger, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Neoklassiker unter ihnen verweisen auf den freien Fluss der Ersparnisse, den man nicht behindern dürfe. Die aufgeklärten machen geltend, dass Länder gar nicht im Wettbewerb miteinander stehen sollten, weil Wettbewerbsfähigkeit gar keine makroökonomische Kategorie sei. Die Marktradikalen verweisen darauf, dass Wettbewerb der Länder genauso gut ist wie Wettbewerb der Unternehmen und deswegen das Gesamtergebnis für alle stets verbessert. Die Pragmatiker weisen darauf hin, dass Deutschland vorher (wegen deutscher Einheit) überbewertet war und dies in den letzten Jahren nur korrigiert hat. Die historisch angehauchten sagen, das wäre ja Merkantilismus und der sei lange überwunden.

Die Euro-Anhänger sagen, die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft spiele in der Währungsunion keine Rolle mehr (ein Argument, das übrigens genauso in der deutschen Währungsunion verwendet wurde: Was hat es Ostdeutschland also geschadet, dass es ein Leistungsbilanzdefizit von 50 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt hatte?). Die klügsten Ökonomen aber wissen, dass der deutschen Abwertung ja ein vergleichsweise hoher Realzins gegenübersteht, der den Abwertungseffekt jederzeit und vollständig ausgleicht.

Warum also noch die Statistik bemühen, wenn man so glasklare Argumente hat? Der deutsche Leistungsbilanzsaldo wies 1999 noch ein Defizit von 27 Mrd. US-Dollar auf. 2006 war daraus ein Überschuss von fast 160 Mrd. Dollar geworden – mit steigender Tendenz. Frankreich hat im gleichen Zeitraum einen Überschuss von 42 Mrd. in ein Defizit von 45 Mrd. Dollar verwandelt. Alle oben aufgeführten Abwertungsländer nahmen nach der Verbesserung ihrer Wettbewerbsposition rasch eine hohe Überschussposition ein. Weil aber der Leistungsbilanzsaldo der Welt insgesamt immer genau gleich Null ist, haben diese Länder andere Länder systematisch ins Defizit gedrängt und damit zu Lasten anderer auf eine nur merkantilistisch zu nennende Art und Weise ihre eigene Position verbessert. Alle angelsächsischen Länder und die Transformationsländer in Mitteleuropa haben an Wettbewerbsfähigkeit verloren und türmen Auslandschulden auf. Aber auch Spanien mit 110 Mrd. Defizit, Griechenland, Portugal und Italien haben innerhalb der Währungsunion den Kampf der Nationen verloren.

Das wäre ein schönes Thema für den Gipfel der G-8 im Juni in Deutschland: Wie verbreitet ist merkantilistisches Denken und Handeln in der globalisierten Wirtschaft und was kann man dagegen tun? Wenn es um Chinas Rolle in der Welt geht, sind wir doch gut im Anklagen. Warum nicht einmal systematisch die Überschussländer der Welt abfragen, auf welche Weise sie in so kurzer Zeit zu den Überschüssen gekommen sind.“

Anmelden