Archiv | 22.02.2013

Mindestlohn oder warum wir uns nicht wirklich von den alten Argumenten freimachen können

Der Mindestlohn ist ein in Deutschland immer noch hoch umstrittenes Thema. Aber auch international gibt es angesichts der globalen Konsumflaute mehr und mehr Diskussion darüber, ob bei den gegebenen Lohnverhältnissen überhaupt ein Aufschwung erwartet werden kann. So Paul Krugman vor kurzem; manchmal hat er ja auch Recht.

Beeindruckend ist an der Debatte aber, dass immer nur empirisch argumentiert wird. Man sagt, es sei einfach erwiesen, dass Mindestlöhne der Beschäftigung nicht schaden. Offensichtlich tut man sich trotz aller Evidenz doch schwer, die neoklassische Arbeitsmarkttheorie fundamental in Frage zu stellen. Deswegen scheint auch ein Argument, wie das des neuen DIW-Präsidenten unwiderlegbar zu sein. Er sagte: „Der Lohn eines Arbeitnehmers sollte seine Produktivität sehr eng widerspiegeln. Dies ist unabhängig von der normativen Frage, was man als eine faire Verteilung des Mehrwerts ansieht. Sondern dies ist wichtig auch von einer Effizienzperspektive, denn gute Löhne stärken das Humankapital, die wirtschaftliche Nachfrage und damit auch Wachstum und den Wohlstand, der verteilt werden kann. Daher wäre ich vorsichtig mit einem einheitlichen Mindestlohn. Wenn man ihn zu niedrig ansetzt, bringt er kaum etwas. Setzt man ihn zu hoch an, kostet er Jobs, vor allem der Arbeitnehmer, die man eigentlich schützen wollte.“

Das ist vollkommen falsch. Und man muss dieses Denken bekämpfen, wenn man beim Mindestlohn weiterkommen will. Der Lohn spiegelt in einer funktionierenden Marktwirtschaft, wie Friederike Spiecker und ich in vielen Beiträgen gezeigt haben, gerade nicht die Produktivität des einzelnen wider, sondern die Produktivität, die die Gesellschaft als Ganzes jeweils erreicht. Wenn der Lohn eines Arbeitnehmers sehr eng seine Produktivität widerspiegelte, dann dürften Krankenschwestern, Lehrer und Polizisten niemals mehr Lohn bekommen, sondern immer nur die Arbeitnehmer der IG-Metall in den Bereichen, wo die Produktivität kräftig steigt. Man kann das schön an einer Marktwirtschaft ganz ohne nominale Lohnerhöhungen zeigen. Bleiben die ausgezahlten Löhne immer gleich, steigt aber die Produktivität, dann wird bei funktionierendem Wettbewerb früher oder später das Preisniveau zu sinken beginnen. Dann bekämen alle Arbeitnehmer mehr Reallohn, und zwar vollkommen unabhängig von individueller Produktivität, weil die Entlohnung in realen Größen dann ja vor allem daran hängt, was der Arbeitnehmer konsumiert, nicht, was er produziert. Mehr dazu in „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“, S. 51 ff.

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