Der Multiplikatorstreit zeigt vor allem eines: Die Dynamik einer monetären Marktwirtschaft ist weiterhin unverstanden

Es hat sich ein toller Streit entsponnen zwischen dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der EU-Kommission und einigen Ökonomen, darunter Paul Krugman. Es geht um den Multiplikator. Das ist eine heilige Kuh der traditionellen Keynesianer, und wenn sich jemand daran macht, sie zu verletzten oder gar zu schlachten, werden sie ausnahmsweise einmal wütend. Hintergrund des Streits sind neue Berechnungen des IWF, die zeigen, dass der negative Effekt von staatlichen Einsparungen oder Steuererhöhungen auf das Wachstum in Europa viel größer ist als bisher gedacht.

Wenn der Staat seine Ausgaben senkt, hat das negative Auswirkungen auf die privaten Unternehmen und Haushalte. Die geben in der Folge auch weniger aus, als sie sonst ausgegeben hätten, so dass die negative Gesamtwirkung auf die Wirtschaft größer ist, als es der ursprünglichen Kürzung durch den Staat allein entsprochen hätte. Die größere Gesamtwirkung im Vergleich zur kleineren Ausgangswirkung misst der Multiplikator. Ein Rückgang der Staatsausgaben in der Größenordnung von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts kann also ohne weiteres einen Rückgang desselben von eineinhalb oder gar zwei Prozent auslösen.

Diese Frage ist natürlich von großer Bedeutung, wenn man „Anpassungs-Programme“ aufstellt (wie der IWF das üblicherweise tut), in denen der Staat (wie in Südeuropa) gezwungen wird, seine Ausgaben zu kürzen, um seinen Haushalt zu konsolidieren. Ist die Gesamtwirkung der Kürzung auf das gesamtwirtschaftliche Einkommen hoch, wird der Konsolidierungserfolg gering sein, weil bei geringerer gesamtwirtschaftlicher Leistung die Steuern weniger sprudeln und der Staat höhere Ausgaben hat als zuvor, weil er zum Beispiel mehr Unterstützung an Arbeitslose zahlen muss. Ist der Multiplikator groß, kann die Kürzung vollkommen sinnlos sein, weil der Staat am Ende höhere Defizite aufweist, als er ohne die Kürzung hatte.

Nun hat der IWF in den ursprünglichen Anpassungsprogrammen mit empirisch ermittelten Multiplikatoren gerechnet, die relativ klein waren, so dass man hoffen konnte, die Kürzungsorgien in Südeuropa würden nicht voll durchschlagen und die Staaten würden ihre Konsolidierungsziele erreichen. In jüngster Zeit zeigte sich jedoch, dass die Multiplikatoren deutlich größer ausfielen, als ursprünglich angenommen, der IWF musste seine Einschätzung korrigieren. Das aber rief den für Wirtschaft und Finanzen zuständigen EU Kommissar Olli Rehn auf die Bühne, der sich beim IWF darüber beklagte, dass dieser „nicht hilfreiche“ Berechnungen anstelle. Darauf reagierten einige Ökonomen heftig; Karl Whelan sprach von „Olli’s follies“, und viele andere schlossen sich zu Recht der Kritik an.

In diesem Streit ging aber leider ein zentraler Aspekt vollkommen unter, weil sich die Ökonomen, progressiv oder nicht, meist eine Modellwelt stricken, die genau einen Tick zu einfach ist, um die wirtschaftliche Wirklichkeit erklären zu können. Bei den Multiplikatorrechnungen unterstellt man üblicherweise – stillschweigend oder nicht –, dass sich die Welt ansonsten nicht ändert. Dieses auch ceteris-paribus-Klausel genannte Vorgehen ist in diesem Fall sehr problematisch. Während nämlich der Staat seine Kürzungen beschloss, wurden in die Anpassungsprogramme auch sogenannte strukturelle Maßnahmen hineingeschrieben, was vor allem heißt, es wurden direkte und indirekte Lohnkürzungen verordnet, die ihrerseits massive negative Wirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung hatten. Das aber kommt im Kanon der herrschenden Ökonomik (leider auch bei vielen Keynesianern) gar nicht vor, weil solche Lohnkürzungen nicht als exogene Eingriffe in das Marktgeschehen gewertet werden, sondern als endogene (also systemimmanente) Reaktionen auf die vom Staat (exogen) verordneten Sparmaßnahmen – getreu dem Motto „Löhne kommen am Markt zustande, Lohnpolitik im eigentlichen Sinne gibt es ja gar nicht„. Wenn etwas aber endogen abläuft, dann muss es nicht extra im Modell, das man der Multiplikatorenberechnung zugrunde legt, berücksichtigt werden, sondern es ist bereits im Modell mit abgebildet. Da es aber Lohnkürzungen in dieser Dimension in früheren Anpassungsprogrammen nicht gegeben hatte – die Länder haben ja zumeist ihre Währung abgewertet, um wieder wettbewerbsfähig zu werden –, waren die Erfahrungen des IWF nicht auf Südeuropa anwendbar und die von ihm ursprünglich erwarteten Multiplikatoren zu klein.

Die mechanische Korrektur des IWF ist also vollkommen berechtigt, sie geht allerdings inhaltlich nicht weit genug. Man muss begreifen, dass mit der Kombination von staatlichen Kürzungsprogrammen und Lohnkürzungen eine Dynamik nach unten in Gang gesetzt worden ist, die mit der üblichen komparativ-statischen Logik (also dem einfachen Vergleich vorher-nachher) nicht erfasst wird. Wenn in der ersten Runde der vorgeschriebenen Maßnahmen Arbeitslosigkeit entsteht, übt das schon Druck auf die Löhne aus. Kommt gleichzeitig oder in der zweiten Runde noch zusätzlicher Druck auf die Löhne von außen hinzu, löst das eine Spirale von Lohnverzicht und immer mehr Arbeitslosigkeit und neuem Lohnverzicht aus, weil es – anders als neoklassisch orientierte Ökonomen erwarten – keine normale Marktreaktion gibt, die den Lohndruck in steigende Beschäftigung umwandeln würde: Die für neue Jobs benötigte steigende Auslastung der Kapazitäten oder zumindest die Aussicht darauf will sich einfach nicht einstellen.

Hinzu kommt, dass in früheren Krisen der IWF derlei Anpassungsprogramme für einzelne Länder beschlossen hat, während die Weltwirtschaft relativ normal weiter wuchs und der schrumpfenden Volkswirtschaft wenigstens von außen positive Impulse vermittelte. Werden gleichzeitig viele Länder, die enge Handelsbeziehungen unterhalten, einem solchen Programm unterworfen, zudem noch in einer globalen Schwächephase, muss auch wegen der fehlenden positiven Impulse von außen mit größeren Multiplikatoren gerechnet werden.

Die Dynamik solcher Prozesse ist im Grunde leicht zu verstehen, ist aber nicht Bestandteil der herrschenden ökonomischen Lehre, weshalb von prominenter wirtschaftswissenschaftlicher Seite keine wirklich klärende Orientierung erfolgt. Es geht schlicht um Folgendes: Kommt in einer Krise nicht zu irgendeinem Zeitpunkt von irgendwoher ein positiver Nachfrageimpuls, der seinem Umfang nach einen echten Kontrapunkt zum wirtschaftlichen Einbruch darstellt und nicht lediglich ein bisschen Kosmetik (siehe Europäische Kommission zum Programm gegen Jugenarbeitslosigkeit und Europäische Investitionsbank zu stärkerer Innovations- und Infrastrukturfinanzierung), kann eine Volkswirtschaft bei einem solchen Anpassungsprogramm extrem tief abstürzen, ohne in politisch erträglicher Zeit einen Boden zu finden. Immer können nachfragebedingte Schwächephasen nur überwunden werden, wenn positive Nachfrageeffekte die Auslastung der Kapazitäten der Unternehmen verbessern und sich die Zukunftsaussichten der Konsumenten aufhellen, weil sie mehr und/oder besser bezahlte Jobs erwarten.

Kritiker unserer Position werden spätestens hier einwenden, dass es sich eben nicht um eine ursprünglich nachfragebedingte Schwächephase handelt und daher Therapieversuche aus dem Bereich Nachfragestärkung bzw. Beenden der Sparversuche grundsätzlich zum Scheitern verurteil seien und allenfalls ein Strohfeuer entfachen könnten, das die Menschen am Ende nur in noch größere Schwierigkeiten stürzen werde. Ein schmerzhafter Bereinigungsprozess sei einfach unumgänglich zur Beendigung der Krise und, je schneller und radikaler er vorgenommen werde, desto schneller und umfassender werde auch der Erholungsprozess in Gang kommen.

Diese Position ist aus drei Gründen falsch. Erstens war der der Finanz- und Wirtschaftskrise vorausgehende Nachfrageboom nicht bedingt durch massive Lohn- und Staatsausgabensteigerungen, sondern Folge der Entfesselung der Finanzmärkte – riesige kreditgeschöpfte Geldsummen suchten verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten und fanden sie in von Preisblasen getriebenen Märkten. Zweitens lieferten zu geringe Löhne in den Ländern wie Deutschland, die die merkantilistische beggar-thy-neighbour-Strategie zur wirtschaftspolitischen Doktrin erhoben hatten, die Grundlage für die Handelsungleichgewichte, die den Nachfrageboom begleiteten und der internationalen Ausbreitung fauler Kredite Vorschub leisteten. Und drittens verkennt die Vorstellung, eine schrumpfende Nachfrage werde irgendwann auf so stark reduzierte Kapazitäten treffen, dass es automatisch zu einer Auslastungssteigerung komme und sich das abstürzende System deshalb irgendwann von selbst fangen werde, die Dynamik einer monetären arbeitsteiligen Marktwirtschaft: Die einzelwirtschaftlichen Akteure handeln gemäß den konkreten Signalen, die sie von den Märkten erhalten, auf denen sie tätig sind. Das wichtigste Signal sind der Absatz und die Absatzerwartungen. Weil aber schrumpfende Nettoinvestitionen und schließlich entfallende Ersatzinvestitionen nicht nur allmählich die Kapazitäten reduzieren, sondern immer auch einen sofortigen Nachfrageausfall für die Investitionsgüterindustrie darstellen, ist der Nachfrageeinbruch der Kapazitätsschrumpfung regelmäßig eine Nasenlänge voraus. Das System stabilisiert sich nie von selbst.

Wenn es um den umgekehrten Fall einer sich aufschaukelnden Konjunktur geht, sind sich interessanterweise alle Fachleute einig, dass dem System von außen eine Schranke gesetzt werden muss, damit es nicht überhitzt: Die Geldpolitik muss den kurzfristigen Zinssatz erhöhen, um die boomende Nachfrage so einzuschränken, dass keine starke oder gar Hyperinflation entsteht. Von selbst kommt diese Schranke nämlich nicht zustande, weil es einzelwirtschaftlich rational ist, der gesamtwirtschaftlichen Tendenz zu folgen (d.h. im Boomfall seine Nachfrage und ggf. seine Preise zu steigern), auch wenn damit eine für alle zusammen schädliche Entwicklung (Inflation) gefördert wird.

Warum fällt es Wirtschaftswissenschaftlern wie verantwortlichen Politikern so schwer, den zur Überhitzung umgekehrten Fall, den der Rezession nämlich, spiegelbildlich zu begreifen? Ohne von außen gesetzte Schranke nach unten fällt das System ins Bodenlose. Alle Schranken, die das System in vielen Ländern bisher kannte – automatische Stabilisatoren wie die Sozialversicherungen, Mindestlöhne, verbindliche Flächentarifverträge ohne Ausnahmeklauseln, ein einigermaßen stabiles Ausland –, sind zumindest in den Krisenländern bewusst demontiert worden. Die Geldpolitik ist längst am Ende, da sie die Folgen der deregulierten Finanzmärkte, den Zusammenbruch des Finanzsystems dank Unmengen fauler Kredite, mit einer Niedrigzinspolitik und Liquiditätsschwemme bekämpfen musste, die ihr praktisch jeden weiteren Spielraum nach unten und jegliche realwirtschaftliche Wirksamkeit genommen haben.

Wer sich dieser Zusammenhänge bewusst wird, der muss auch zwingend Abschied nehmen von der simplen Vorstellung, Arbeitslosigkeit sei mittels Lohnsenkung erfolgreich zu bekämpfen. Dann wird klar, dass der bislang beschrittene Weg, die Eurokrise zu lösen, niemals zum Erfolg führen wird.

Wenn sich europäische Politiker und vorneweg die Europäische Kommission weiter weigern, die hier beschriebene fundamentale Logik zu verstehen und dementsprechend zu handeln, und sich statt dessen auf Zensur kritischer Befunde verlegen, ist Europa verloren. Olli’s follies klingt lustig, ist aber todernst. Der Multiplikator ist wichtig, aber nicht der Kern der Geschichte.

 

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