Die deutsche Agenda und das schwere Schicksal Europas oder: Zehn Jahre alt und immer noch kein Grund zum Feiern

Man ist ja manchmal mit Sachen geschlagen, für die man einfach nichts kann. Sie kaufen oder mieten ein Haus oder eine Wohnung und plötzlich stellen Sie fest, Ihre Nachbarn sind einfach nicht zum Aushalten. Nicht nur, dass sie die Nachtruhe nie einhalten, sie mähen auch noch den ganzen Sonntag Rasen und schmeißen alles, was sie nicht mehr gebrauchen können, über den Zaun. Schlimm, da kann man Streit anfangen, vor Gericht gehen oder sich nach einer neuen Wohnung umsehen. Letzteres ist immer die beste Wahl, wenn man sich das eigene Leben nicht für lange Zeit vermiesen lassen will.

Genau das ist Ländern leider verwehrt, sie können nicht einfach mal umziehen. Sie müssen auf Teufel komm raus mit ihren Nachbarn leben. Ist so ein Nachbarland darauf aus, seinen eigenen Bürgern den Gürtel so eng zu schnallen, dass die kaum noch etwas zu Hause verbrauchen, aber mit allem, was sie superbillig produzieren, über die Grenze drängen, ist es schwer, den eigenen Bürgern zu erklären, dass sie das billige Zeug vom Nachbarn besser nicht kaufen, weil sie damit ihre eigenen Arbeitsplätze gefährden. Schließlich leben wir in einer Marktwirtschaft, und da kann man niemandem verwehren, sich bei seinen Einkaufsentscheidungen nach dem Preis zu richten.

Plötzlich sieht sich ein Land, obwohl es nichts Böses getan hat außer, dass es die eigenen Leute nicht um ihren verdienten Anteil am Produktivitätsfortschritt gebracht hat, in die Ecke gedrängt oder auf jeden Fall in die zweite Reihe, weil es Schulden machen musste, um die Importe vom billigen Nachbarn zu finanzieren. Normalerweise müsste man dann die eigene Währung abwerten und auf diese Weise dafür sorgen, dass die eigenen Leute weniger von den ausländischen Produkten kaufen und wieder mehr von den eigenen, weil sonst die eigene Wirtschaft den Bach runter geht.

Da ist es wirklich tragisch, wenn man gerade mit dem Nachbarland ausgemacht hat, man wolle die Währungsrelationen nie mehr ändern, weil es ja viel praktischer sei, wenn alle das gleiche Geld benutzen und dann die lästige Umtauscherei an der Grenze entfällt. Folglich muss man jetzt dem Nachbarn erklären, dass da etwas grundlegend schief gelaufen ist, weil der Wegfall des Umtauschs zwar praktisch ist, aber nicht zur Folge haben sollte, dass man selbst nichts mehr produzieren kann und für die Schulden, die man macht, um das Zeug vom Nachbarn zu kaufen, auch noch beschimpft und an die Kandare  genommen wird, als hätte man etwas Schlimmes verbrochen.

Also gehen Sie mal rüber, um mit dem Nachbarn zu reden, man wird die Sache ja klären können unter vernünftigen Menschen. Aber der Nachbar hat keine Zeit, der feiert gerade. Der feiert sich selbst, weil er so klug gewesen ist, die eigenen Leute mal ordentlich zum Hungern zu bewegen, auf dass sie die Nachbarn in die zweite Reihe drängen und er nun selbst ganz alleine in der ersten Reihe steht. Einer der Anwesenden sagt der versammelten Partygemeinde gerade: „Wenn Schröder (das war der, der die Hungerorgie begann) damals so mutlos regiert hätte wie Angela Merkel (das ist die neue Besitzerin) heute, stünden wir jetzt in einer Reihe mit Italien, Frankreich und Spanien vor deutlich größeren Problemen inmitten der Euro-Krise“. Da stockt Ihnen der Atem und Sie bekommen kein Wort heraus. Sie stehen ja nur in der zweiten Reihe, weil er sich in die erste gedrängt hat. Mutig war das also von denen, den Nachbarn die billigen Güter vor die Nase zu halten und die billigen Kredite dafür noch hinterher zu werfen.

Da gehen Sie wieder nach Hause und fragen sich, ob das mit der einheitlichen Währung wirklich eine gute Idee war. Vielleicht sollte man doch wieder Grenzen haben und jedes  Mal Geld tauschen, wenn man rüber fährt? Dann würde man jetzt abwerten, die Produkte vom Nachbarn wären plötzlich sauteuer und keiner käme mehr auf die Idee, dort etwas zu kaufen. Die eigene Wirtschaft würde wieder laufen und Sie würden wieder Ihr eigenes Geld drucken und auch sonst das machen, was Sie vernünftig finden, ohne dass dauernd irgendwelche Delegationen kommen, die der Nachbar geschickt hat, die einem erklären, man müsse es nur genauso machen wie der Nachbar selbst, dann ginge es einem auch gleich oder doch bald wieder gut.

Da fragen Sie sich als vernünftiger Mensch (oder Regierungschef) doch, wie das sein kann. Wenn der sich in der Währungsunion in die erste Reihe gedrängt hat, war das ja nur erfolgreich, weil ich Idiot mich habe in die zweite drängen lassen, oder? Wenn ich jetzt das Gleiche versuche, muss ich doch wieder noch größere Idioten auf der Welt finden, die sich von mir in die zweite Reihe drängen lassen. Außerdem müsste ich die überreden, mit mir eine Währungsunion zu machen, was bestimmt in den nächsten hundert Jahren keiner mehr machen wird nach dem, was mir passiert ist. Wenn ich den größeren Idioten aber nicht finde, dann müssen meine Leute hungern ohne jeden Sinn und Verstand.

Das müssten Sie ihrem Nachbarn doch erklären können, und Sie würden sich mit ihm darauf einigen, dass er aufhört mit dem Gürtel-enger-Schnallen, damit Sie auch mal etwas verkaufen und Ihre Schulden zurückzahlen können. Also wieder rüber. Die feiern aber immer noch und gerade sagt jemand, auch in Zukunft ginge es nur mit Bescheidenheit, weil ja sonst die Nachbarn irgendwann zum Zuge kämen. Da kommen Ihnen die Tränen, weil Sie wissen, dass mit denen nichts zu machen ist. Sie müssen raus aus dieser dämlichen Währungsunion, selbst wenn Sie dafür die Grenzen völlig dicht machen müssen. Denn mit denen gutnachbarliche Beziehungen zu haben, das geht offenbar nicht, die wollen das einfach nicht. Die wollen höchstens, dass Ihre besten Leute, nämlich mit öffentlichen Mitteln gut ausgebildete junge Arbeitskräfte, umziehen zu ihnen.

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