Die FAZ über die Schere zwischen Lohn und Produktivität oder: Was denkt Mario Draghi wirklich?

Die FAZ, das muss ich zugeben, ist schon meine Lieblingszeitung, obwohl ich nie die zwei Euro zehn habe, die sie kostet, und sie immer nur anschaue, wenn ich sie im Flugzeug kostenlos bekomme. Aber niemand ist bei so hohem intellektuellen Anspruch so ideologisch und versteht es vor allem im Wirtschaftsteil so geschickt, die Leser in die Irre zu führen, wie dieses Flaggschiff der deutschen Meinungsführer. Holger Steltzner ist der Anführer dieser Truppe, und letzte Woche hat er wieder besonders geschickt zugeschlagen. Aber das wäre kaum der Rede wert, wenn Steltzner nicht behauptete, die Graphiken, die in der FAZ gezeigt wurden, seien vom Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, den europäischen Staatsoberhäuptern letzte Woche auf ihrem EU-Gipfeltreffen so vorgelegt worden. Wenn das tatsächlich der Fall gewesen sein sollte, dann haben weder Frankreich noch die EZB begriffen, was Sache ist, oder sie wollen es nicht begreifen, weil sie Angst vor Deutschland haben. Beides wäre gleich fatal.

Die FAZ zeigt tatsächlich eine Lohnschere zwischen Überschuss- und Defizitländern, also Ländern mit Leistungsbilanzüberschüssen und solchen mit Defiziten in der Europäischen Währungsunion (EWU). Das ist relativ neu für die FAZ, weil sie bisher versucht hat, das Thema Löhne unter der Decke zu halten, denn es ging ja darum, die Krise als „Staatsschuldenkrise“ zu verkaufen. Jetzt, wo alle Welt über diesen Punkt, der mit der Wettbewerbsfähigkeit zusammenhängt, redet, den ich zusammen mit Friederike Spiecker seit vielen Jahren als den Kern des Europroblems identifiziert habe, kann das Blatt dieser Problematik nicht mehr ausweichen. Aber die Fakten werden so verdreht ausgelegt, dass man weiterhin behaupten kann, Deutschland habe alles richtig gemacht und die anderen seien die Sünder, die sich nun dringend am deutschen Vorbild zu orientieren hätten.

Die FAZ gibt den EZB-Chef folgendermaßen wieder: „Länder wie Deutschland seien wettbewerbsfähig und kostengünstig. In anderen lasse die Produktivität zu wünschen übrig, seien die Lohnkosten zu hoch. In der Eurozone entwickeln sich seit 1999 die Defizit- und Überschussländer wirtschaftlich immer weiter auseinander. Das zeigt etwa der Vergleich von Deutschland mit Frankreich und Italien. In Frankreich stiegen die Löhne doppelt so stark; in Italien blieb die Produktivität fast stehen. Die Lösung könne nicht sein, dass gesunde Länder wie Deutschland mehr ausgäben. Die Schere zwischen Lohn und Produktivität müsse geschlossen werden, indem andere Länder die Arbeitskosten senken.“

Was Draghi laut FAZ vergleicht, sind die nominalen Lohnkosten und die Produktivität. In Deutschland sind die Löhne und Gehälter kaum stärker als die Produktivität gestiegen, während es in Frankreich umgekehrt war: Dort hat sich eine Schere ergeben. Das genau aber ist das Problem, das die EWU mit Deutschland hat. In einer Währungsunion, die sich ein Inflationsziel von knapp zwei Prozent gegeben hat, müssen nämlich die Nominallöhne immer um knapp zwei Prozent stärker steigen als die heimische Produktivität. Tun sie das nicht, wie in Deutschland, können die Preise nicht um ca. 2% zulegen. Denn der Abstand zwischen Nominallohnanstieg und Produktivitätszuwachs bestimmt die Steigerung der Lohnstückkosten und diese wiederum bestimmt die Inflationsrate, wie wir in dieser Grafik hier vor einigen Tagen gezeigt haben. Also verstößt ein Land wie Deutschland seit Jahren klar gegen die Regeln der EWU (in einer Berechnung dieser Werte pro Arbeitsstunde statt pro Arbeitskraft ist übrigens dieser deutsche Verstoß noch viel verheerender). Nur sieht das der FAZ-Leser nicht auf den ersten Blick, weil die FAZ die Kurve „Produktivitätszuwachs plus 2% Preissteigerungsziel“ in ihre Grafik zu Deutschland nicht eingezeichnet hat.

Frankreich dagegen hat alles richtig gemacht, weil dort die Löhne wie die Produktivität plus der vereinbarten Inflationsrate gestiegen sind — eine Tatsache, die der FAZ-Leser wiederum nicht direkt erkennen kann, weil die FAZ auch die Grafik zu Frankreich nicht mit dieser Information ausgestattet hat. Die Daten belegen, dass Deutschland der Sünder Nummer eins in Sachen Eurokrise ist. Und sie belegen, was das vollkommen ungelöste Problem der EWU ist, nämlich dass man ohne Deflation und Depression aus der verfahrenen Lage nur heraus kommen kann, wenn in Deutschland die Löhne von nun an über lange Zeit sehr viel stärker steigen als in den vergangenen zehn Jahren.

Wenn es stimmt, was die FAZ behauptet, dass nämlich Mario Draghi aus den angeblich vorgelegten Grafiken die genannten Schlüsse gezogen hat und zu Deflation rät, und dass François Hollande einer so primitiven Fehlinterpretation der Fakten nicht sofort und energisch entgegentreten ist (FAZ: „Draghi sagte ausdrücklich, wo der Reformbedarf besonders groß ist: in Frankreich. Hollande schwieg.“), dann ist der Euro verloren. Man fragt sich kopfschüttelnd, warum der französische Präsident so schlecht beraten in solche Treffen geht. Und noch mehr rätselt man, warum sich Mario Draghi zum Handlanger der deutschen shock and awe Strategie macht. Ist es die pure Angst vor Deutschland? Dann ist auch er schlecht beraten, denn durch diese Politik schafft er sein Amt selbst ab: Eine langjährige Deflation in Europa wird der Euro nicht überleben.

Anmelden