Handelt jetzt! ‒ Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft

Ein neues Buch von Heiner Flassbeck, Paul Davidson, James Galbraith, Richard Koo und Jayati Ghosh zeigt Wege aus der Krise

In diesem Buch befassen sich fünf renommierte Wirtschaftswissenschaftler mit der aktuellen Krise und dem Versagen der orthodoxen Wirtschaftspolitik. Sie blicken auf die Probleme aus einer jeweils anderen Warte, aber alle kommen zu dem gleichen Schluss: nur ein radikales Umdenken in der Wirtschaftspolitik kann aus der anhaltenden Krise herausführen. Es geht ihnen vor allem darum, die geistigen Wurzeln der verfehlten Wirtschaftspolitik des vergangenen Jahrzehnts offen zu legen und Alternativen aufzuzeigen.

In vielen Ländern der Welt stagnieren die Einkommen der breiten Bevölkerungsschichten schon seit Jahren, und die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit, vor allem auch der jungen Generation, nimmt weiter zu. Die neoliberale Agenda, die seit drei Jahrzehnten das wirtschaftspolitische Denken dominiert, hat fundamental versagt, zu wiederholten und in ihrem Ausmaß immer schlimmeren Krisen geführt und dabei einigen wenigen zu einer obszönen Anhäufung von Reichtum verholfen. Die globale Finanzkrise brachte zwar viele Politiker und Ökonomen zum Nachdenken, aber inzwischen sind die meisten wieder zur Tagesordnung übergegangen und vertreten weiterhin die gleichen Dogmen, die in die Krise hinein geführt haben. Dagegen stemmen sich die Autoren dieses Buches.

Sie erklären, warum die Weltwirtschaft immer wieder in tiefe Krisen abstürzt, obwohl diese vermeidbar wären, wenn sich die Politik nicht von Ideologie, sondern von Pragmatismus leiten ließe, warum der Finanzsektor scheinbar so schwer zu bändigen ist, warum in einer Welt des Überflusses Arbeitslosigkeit herrscht und warum produktive Arbeit oft skandalös niedrig entlohnt wird.

Der Grundtenor aller Beiträge: Die Wirtschaftspolitik ist keineswegs machtlos dem Marktgeschehen und den Finanzmärkten ausgeliefert. Paul Davidson analysiert die Unsinnigkeit eines ökonomischen Denkens, das von einem deterministischen Weltbild ausgeht, demzufolge der Verlauf des Wirtschaftsgeschehens geradezu gesetzmäßig vorgegeben und nicht durch aktive Wirtschaftspolitik beeinflussbar ist.  James Galbraith skizziert die Entwicklung des herrschenden ökonomischen Denkens in den vergangenen dreißig Jahren und zeigt, dass die große Finanzkrise und ihre Nachwirkungen, einschließlich der Krise in der Eurozone, das gesamte orthodoxe Theoriegebäude, auf dem die gegenwärtige  Wirtschaftspolitik in den meisten Ländern aufbaut, hinfällig gemacht haben. Heiner Flassbeck demonstriert, dass die viel beschworene Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und Lohnsenkungen kontraproduktiv sind, weil es keinen einfachen Marktmechanismus gibt, der den Arbeitsmarkt stabilisieren und für den Abbau von Arbeitslosigkeit sorgen würde. Richard Koo macht deutlich, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise der Weltwirtschaft nicht um eine normale Rezession handelt, sondern dass in vielen Ländern eine „Bilanzrezession“ herrscht, in der zu viel gespart und zu wenig investiert wird; zur Überwindung dieser Situation reichen die Möglichkeiten der Geldpolitik nicht mehr aus.  Jayati Ghosh schließlich erläutert, dass auch in den Entwicklungsländern ein ökonomisches Modell, das ausschließlich auf Marktmechanismen setzt und dem Finanzsektor große Freiheiten einräumt, verfehlt ist und dass die Vorstellung, wirtschaftliche Entwicklung könne nur durch verstärkte Exportorientierung und vollkommene Integration in den Weltmarkt erreicht werden, global in eine Sackgasse führt.

Alle Beiträge machen deutlich, dass der Kapitalismus keineswegs umso besser funktioniert, je weniger Beschränkungen er unterworfen ist. Weder die Finanzkrise noch die sich erneut anbahnende Krise in der Realwirtschaft sind Naturereignisse. Sie sind von Menschen gemacht. Sie sind die Folge von ökonomischen Irrlehren, die in den letzten dreißig Jahren wiederbelebt wurden, während die wichtigen Lehren aus der Weltwirtschaftskrise ab 1929 vergessen oder verdrängt wurden.

In einem gemeinsamen Manifest verlangen die Autoren von der Politik, die alten Dogmen über Bord zu werfen und auf der Basis neuer Erkenntnisse und der Erfahrungen der Vergangenheit sofort zu handeln, weil sonst nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Ordnung gefährdet ist:  „Handelt jetzt! Der Neoliberalismus ist gescheitert. Ergreift Maßnahmen zur Belebung der Weltkonjunktur! Verhindert den Rückfall in Nationalismus und die Verfolgung nationaler wirtschaftlicher Interessen auf Kosten anderer Länder durch ernsthafte internationale Kooperation und eine sofortige Beendigung der Austeritätspolitik!“

Sie rufen die Wirtschaftspolitik dazu auf, sich gegen die gesamtwirtschaftlich völlig ungerechtfertigte Dominanz der Finanzmärkte zu wehren und deren Macht drastisch einzuschränken.  Die Arbeitsmärkte der westlichen Welt müssen nicht weiter flexibilisiert, sondern auf eine angemessene Beteiligung aller am gesamtwirtschaftlichen Wohlstand ausgerichtet werden, und zwar nicht nur aus Gründen der sozialen Fairness, sondern auch weil es auf Dauer keine Prosperität ohne Steigerung der Masseneinkommen und damit der Gesamtnachfrage im Gleichschritt mit dem Produktivitätswachstum geben kann. Die Finanzpolitik in der industrialisierten Welt muss jetzt mit zusätzlichen kreditfinanzierten Maßnahmen einer neuen Rezession gegensteuern. Das setzt eine Abkehr vom einzelwirtschaftlichen Denken bei der Gestaltung der Staatshaushalte und eine Enttabuisierung der Staatsverschuldung voraus. Die globale Wirtschaftspolitik muss auf allen Ebenen und schnell die Konsequenzen aus dem Scheitern des Neoliberalismus ziehen. Gelingt ihr das nicht, stehen nicht nur Einkommenswachstum und Beschäftigung auf dem Spiel;  der über Jahrzehnte aufgebaute Wohlstand ist dann gefährdet und mit ihm die demokratische Ordnung unserer Staaten, wie dieses Buch deutlich macht.

Lesen und weiterempfehlen: „Handelt jetzt! Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft“, Westend-Verlag, Frankfurt a.M.; Buchvorstellung am 16. April 2013 um 19h30 in der Urania, Berlin.

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