Archiv | 05.04.2013

Auch die neue deutsche Selbstgerechtigkeit ist kein Zufall

Wolfgang Lieb hat in den Nachdenkseiten von gestern schon vieles Wichtige gesagt zu einem unsäglichen Kommentar in der SZ. Anmerken muss man allerdings noch, dass diese Art Kommentar durchaus System hat. Von Beginn der Krise an haben die deutschen Printmedien fast (Ausnahmen bestätigen die Regel) durch die Bank jede kritische Analyse (auch aus Deutschland und in Deutsch!) zur deutschen Rolle ignoriert. Der überwiegende Teil der Berichterstattung, darunter auch die im öffentlich rechtlichen Rundfunk und Fernsehen, war und ist bis heute so unter die Käseglocke der Vorurteile der Meinungsmacher gestellt, dass die Wahrnehmung anderer Positionen und erst recht eine informative, objektive Auseinandersetzung mit ihnen auf der Strecke geblieben sind.

Das hat, wie man zugeben muss, viel mit der Monokultur an den deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühlen zu tun. Die führt dazu, dass man zu einem Zeitpunkt in Vorträgen, Interviews und Talkrunden von Seiten der Fachleute zu 90% mehr oder weniger das Gleiche zu hören bekommt, was den Grundtenor der Problemanalyse angeht, und später dann wieder von denselben Fachleuten mehr oder weniger etwas anderes. Denn die Fachleute schlingern den einzelnen Krisenherden hinterher wie die Politiker selbst, jedes Mal überrascht von den gerade neu auftauchenden Problemen, die sie nicht voraussehen können, weil es ihnen an einer konsistenten Basis für ihre Analysen fehlt. Man denke nur an die Bezeichnung der Euro-Krise als Staatsschuldenkrise mit dem Fiskalpakt als empfohlener Therapie, später dann als Bankenkrise mit dem Ausweg europaweit einheitlicher Kontrolle durch eine Bankenunion. Da ist es kein Wunder, wenn Journalisten offenbar irgendwann den Maßstab dafür verlieren, was eine ausgewogene Berichterstattung angeht, und, schlimmer noch, was konsistente Erklärungen sind.

Ein weiteres Beispiel: Vor der Finanzkrise 2008 wurde der hohe Nettokapitalzufluss der südeuropäischen Staaten als Ausdruck von deren Euro bedingter Investitionsfreudigkeit angesehen und umgekehrt der hohe Nettokapitalabfluss aus Deutschland (oft als Kapitalflucht tituliert) als Zeichen investorenfeindlicher Rahmenbedingungen. Am Anfang der Finanzkrise waren viele Medien voll des Lobes über die spanischen Banken, die anders als die deutschen Banken nicht in amerikanische Schrottpapiere investiert hatten. Dass der wesentliche Grund dafür der war, dass Spanien dank hoher Auslandsverschuldung keine Überschüsse im Ausland anzulegen hatte, interessierte nicht. Als dann im Zuge des Platzens der spanischen Immobilienpreisblase der spanische Bankenapparat ins Wanken geriet, war von den viel zu niedrigen Zinsen die Rede, die der Euro Spanien beschert habe und die den dortigen Bausektor zu stark stimuliert hätten.

Kaum ein Journalist fragte nach dieser Kehrtwende in der Beurteilung von Investitionstätigkeit und Zinsen in Südeuropa nach, wie denn der gleiche nominale Zinssatz in dem einen Land einen Bauboom auslösen könne, in anderen jedoch, wie etwa in Frankreich, nichts dergleichen stattgefunden habe. Hätte man diese Frage gestellt, wäre man möglicherweise viel früher auf die unterschiedliche Entwicklung der Preisniveaus, der Lohnstückkosten und Arbeitseinkommen gestoßen und damit auf die zentrale Frage der Wettbewerbsfähigkeit ganzer Länder einschließlich der Nettokapitalströme zwischen ihnen.

Spätestens als der deutsche Finanzminister im Oktober 2011 im Rahmen der „Sixpack“ genannten Regelungen durchsetzen konnte, dass Handelsdefizite ab 4% des BIP eines Landes geahndet würden, Handelsüberschüsse aber erst ab einer Größe von 6% des BIP, hätte es kritischer Nachfragen der deutschen Presse auf breiter Front bedurft. Doch nichts dergleichen fand statt. Der Traum vom ewigen Reichtum durch große und möglichst wachsende Exportüberschüsse war einfach zu schön, als dass man diesen merkwürdig asymmetrischen Beschluss der Finanzminister zu hinterfragen bereit gewesen wäre.

Nun sind die meisten Berichterstatter konsterniert, dass sich angesichts des offenkundigen Versagens der deutschen Therapien in anderen Ländern kritische Analysen dort schneller herumsprechen als in Deutschland selbst und vor allem, dass die ihre Wirkung in der öffentlichen Wahrnehmung Deutschlands im Ausland entfalten. Man ist sozusagen überrascht von der eigenen Ignoranz.

In den wichtigen englischsprachigen Medien wie etwa der Financial Times wird schon seit Jahren die deutsche Rolle im Wettkampf der Nationen und in der Eurozone in aller Ausführlichkeit problematisiert. Dass man das nicht zur Kenntnis genommen hat oder nehmen wollte, rächt sich jetzt, wo daraus eine breite politische Debatte in Europa wird, und führt zu der Art von beleidigten Kommentaren wie in der Süddeutschen Zeitung vom 2.4.2013. Und dass in denen nun auch noch davor gewarnt wird, Kritik an Deutschland werde hierzulande zu Europafeindlichkeit führen, zeigt, wie meilenweit entfernt die deutsche Presselandschaft davon ist, an einer konstruktiven Lösung der Krise mitzuarbeiten.

Statt das eigene Versagen zu bedauern und die Leser endlich aufzuklären, stürzt man sich wieder wie schon zu Anfang der Krise anklagend auf die Partnerländer und wirft denen mangelnde Einsichtsfähigkeit, Deutschfeindlichkeit oder andere Absurditäten vor. Genau wie der SZ-Kommentator machen viele andere deutsche Korrespondenten gerade in Brüssel die beleidigte Leberwurst, als Übersprungshandlung gewissermaßen, weil sie nicht wissen, wie sie die Kurve kriegen und ihrem Publikum sagen sollen, sorry, was wir euch seit über vier Jahren erzählt haben, war leider weniger als die halbe Wahrheit, es war zum großen Teil verkehrt, wir fangen noch mal von vorne an.

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