Die vermögenden Armen oder warum sich Immanuel Kant im Grabe umdreht

Es ist schon fast komisch, in Deutschland werden immer die falschen Themen hochgespielt, während man die richtigen weitgehend ignoriert. Das kann man u.a. wunderbar verfolgen anhand der Debatte um eine Studie zum Thema Vermögensverteilung in Europa, die erstaunlicherweise die Europäische Zentralbank (EZB) bzw. die zu ihr gehörenden Notenbanken durchgeführt haben. Diese Studie hat in den deutschen Medien hohe Wellen geschlagen nach dem Motto: Die Länder im Süden Europas sind ja eigentlich reich, warum müssen wir als relativ armes Land denen auch noch helfen? Die FAZ bemüht gar verschwörungstheoretische Überlegungen, die EZB habe die Daten „zurückgehalten“, bis die Rettung Zyperns beschlossen war. Der SPIEGEL macht das obendrein zur Titelgeschichte in dieser Woche. Nun ist diese EZB-Studie für sich genommen schon sehr problematisch und wenig aussagekräftig. Jens Berger hat dazu vor einigen Tagen einen lesenswerten kritischen Kommentar in den Nachdenkseiten publiziert und Stefan Dudey hat die entsprechende  http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/BBK/2013/2013_03_21_phf.html
bereits vor zwei Wochen an dieser Stelle kritisch kommentiert.

Was wieder einmal überhaupt nicht verstanden wird, ist der Zusammenhang zwischen Strömen und Beständen. Man arbeitet sich immer ungeheuer gern an den Beständen ab, also am Bestand des Vermögens, der Schulden oder der Geldersparnisse. Diese sind für die Bewältigung der Krise, wie wir schon oft gezeigt haben, weitgehend uninteressant. Wichtig ist es, die Ströme in Ordnung zu bringen, also das Einkommen (Wachstum), die Nachfrage und die Investitionen. Das heißt, selbst wenn es so wäre, dass die Länder im Süden Europas oder die privaten Haushalte dort im Schnitt reicher im Sinne des absoluten Vermögens wären als diejenigen in Deutschland, dass ihnen das bei der Bewältigung der Krise nichts nützte.

Was könnten sie tun mit ihrem Vermögen? Nehmen wir an, dort besäßen viele Haushalte teure Häuser. Kann und sollte der Staat in der Krise die Haushalte zwingen, die Häuser zu verkaufen, um seinen Staatshaushalt zu sanieren? Selbst wenn er es rein formal könnte, würde es nicht gelingen, weil sofort der Preis für Häuser in den Keller rauschen würde und die einst so teuren Häuser nicht mehr viel wert wären. Doch auch dann, wenn der Staat eine erhebliche Summe aus einer hohen Vermögenssteuer für sich selbst zustande brächte, was wäre damit gewonnen? Seine Kennzahlen, nämlich Verschuldung zu laufendem Einkommen (BIP), sähen für einen Moment besser aus, aber im nächsten Moment schon würde die Konjunktur weiter einbrechen, weil die verunsicherten Menschen natürlich versuchen würden zu sparen. Sie würden also ihre Ausgaben einschränken, das gesamtwirtschaftliche Einkommen fiele, und die Lage des Staates verschlechterte sich quasi über Nacht wieder, weil seine Neuverschuldung rapide stiege.

Vermögen und Schulden sind logischerweise Kategorien aus der Vergangenheit. Selbst wenn ein Land früher reich war (oder eine riesige Immobilienblase hatte wie etwa Spanien), kann es sich dafür im wahrsten Sinne des Wortes in einer Krise nichts kaufen. Wenn ein einzelner Reicher nichts mehr verdient, kann er seine Reichtümer vielleicht verscherbeln und noch eine Weile gut leben. Ein ganzes Land kann das aber nicht, weil der Versuch vieler, die erworbenen Vermögensgüter zur gleichen Zeit am Markt abzusetzen, zu einem Verlust des Reichtums führt. Jedes Land, ganz gleich auf welchem Einkommens- oder Vermögensniveau, muss seine Stromprobleme lösen, also sein Wachstum beleben, um aus der Krise zu kommen. Eine positive Momentaufnahme beim Reichtum hilft dabei ebenso wenig, wie eine negative Momentaufnahme bei den Schulden belastet.

Man fragt sich, was diejenigen, die diese „Studie“ in der Öffentlichkeit so hochspielen, uns damit sagen wollen. Wollen sie sagen, dass ein anscheinend an Vermögen armes Land einem anscheinend an Vermögen reichen Land nicht zu helfen braucht oder sogar nicht helfen sollte, selbst wenn das vermögende Land seine Wettbewerbsfähigkeit verloren hat und sein Reichtum in der Krise systematisch und schnell verschwindet? Wollen sie Öl ins Feuer der Krise gießen? Da fragt man sich dann weiter, warum in Deutschland so viele vor dem erwiesenermaßen sehr armen Land China große Angst haben. Wenn das zumindest im Vergleich mit China ungeheuer vermögende Land Deutschland ja nur sein Vermögen versilbern muss, um sich gegen das uns in Sachen Wettbewerbsfähigkeit vermeintlich brandgefährlich werdende China zu wehren, das uns mit seinen Produkten überschwemmt, dann haben wir ja wenigstens für dieses Problem endlich eine Lösung gefunden und können uns in Sachen China beruhigt zurücklehnen, oder?

Doch das ist ja wieder etwas ganz anderes, werden nun alle sagen, die die Vermögensstudie als Aufforderung interpretieren, den Krisenländern nach dem Motto „Zieht Euch selbst aus dem Sumpf“ noch mehr Austerität zuzumuten. Denn das eine ist ein Vergleich des Wohlstands innerhalb Europas („Den wird man ja wohl noch ziehen dürfen?!“), das andere betrifft die Frage, wie man sich Wohlstand an den internationalen Märkten „erarbeitet“. Und da muss Deutschland nun mal auf der Hut sein, sich nicht unterkriegen zu lassen, so die einhellige Meinung.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant ist nicht zuletzt wegen seines kategorischen Imperativs – auch bekannt unter der landläufigen Formel „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ – bis heute vielen Menschen ein Begriff. Er dürfte sich im Grabe umdrehen angesichts dessen, was sich seine Landsleute an geistiger Einbahnstraße leisten.

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