Japanische Deflation: Verwirrung in der Deutschen Bundesbank auf höchstem Niveau

Wir haben vor einiger Zeit schon darauf hingewiesen, dass die Ursachen für die Deflation in Japan – wie in allen Ländern der Welt – in der Lohnentwicklung zu suchen sind, genauer: in der Entwicklung der Lohnstückkosten. Doch auch ein Zusammenhang, der empirisch vollkommen eindeutig ist, kommt deswegen noch lange nicht in der Denkwelt der herrschenden Ökonomie vor. Ein beeindruckendes Beispiel dafür hat gerade der Präsident der Deutschen Bundesbank gegeben, der sich ja auch in anderer Hinsicht dadurch auszeichnet, dass er dem ökonomischen Mainstream treu ergeben ist.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte Jens Weidmann auf die Frage nach der Deflation in Japan: „… zunächst mal ist es auch in Japan so, dass die Ursachen der deflationären Entwicklung dort und der verhaltenen Wirtschaftsentwicklung ja nicht in einer mangelnden Versorgung mit Liquidität liegen, sondern eben struktureller Natur sind, demografischer Natur beispielsweise, aber auch in der hohen Staatsverschuldung liegen. Und da muss meines Erachtens eine sinnvolle Politik ansetzen“.

Das ist eine mehr als erstaunliche Aussage. Denn den Europäern wird seit Jahren erzählt – in der Presse, von Wissenschaftlern, der Deutschen Bundesbank und auch von Jens Weidmann –, dass eine hohe Staatsverschuldung langfristig inflationär wirke, weswegen man ja auch im Vertrag von Maastricht und in der Behandlung der Eurokrise der Bekämpfung der Staatsverschuldung Priorität einräumt. In Japan ist die Staatsverschuldung (vgl. Abbildung 1) inzwischen mehr als doppelt so hoch wie im Euroraum, und sie liegt auch schon seit 18 Jahren oberhalb des für das Wirtschaftswachstum angeblich kritischen Wertes von 90% des Bruttoinlandsprodukts, hätte also genügend Zeit gehabt, ihre inflationäre Wirkung zu entfalten.

Abbildung 1

Staatsverschuldung JDEWU

Doch nichts dergleichen ist zu sehen: Japans Preisentwicklung ist seit über 15 Jahren deflationär (vgl. Abbildung 2). Wie aber kann ein Phänomen, das von der herrschenden Lehre in Europa eindeutig als inflationstreibend angesehen wird, in Japan Deflation hervorrufen? Ist es vielleicht einfach so, dass Staatsverschuldung immer für all das Böse in der Welt verantwortlich ist?

Abbildung 2

Preise JDEWU

Man merkt auch hier, dass die Weigerung der Verantwortlichen, auf die wenigen harten Erkenntnisse, die es in der Volkswirtschaftslehre gibt, systematisch zurückzugreifen und sie in der Wirtschaftspolitik einzusetzen, zu einem erheblichen Teil ihre Unfähigkeit erklärt, die Probleme zu lösen. Denn wer sagen würde, dass in Japan die Löhne steigen müssen, damit man dort der Deflation entfliehen kann, müsste ja zugeben, dass es eben nicht in der Macht der Notenbank liegt, eine Deflation zu beenden. Damit hätte er aber de facto die Unfähigkeit der Notenbank zugegeben, ihr wichtigstes Ziel zu erreichen, wenn es sozusagen von unten angesteuert werden muss, also aus einer Deflation heraus. Er müsste auch sagen, dass es unmöglich ist, über sinkende Löhne die Beschäftigung zu erhöhen, weil sinkende Löhne nach allem, was wir wissen, auch zu sinkenden Preisen führen. Dann sinken aber die Reallöhne weniger, als sich das die herrschende Lehre zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit wünscht, bis hin zu gar nicht. Auch das würde eine der wichtigsten Doktrinen der herrschenden Lehre in Frage stellen, nämlich die Doktrin von der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes als Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit.

Weil so viele grundlegende Zusammenhänge, die in Wirklichkeit existieren, in den Köpfen der politischen Entscheider nicht vorkommen, sind sie so hilflos in ihrem Agieren in dieser komplexen Krise. Nur wenn man aus makroökonomischer Sicht zwingende Zusammenhänge vorbehaltlos anerkennt und sie mit empirisch gesicherten Fakten verbindet, kann ein Bild der Wirklichkeit entstehen, das zielgerichtetes und erfolgreiches Handeln der Wirtschaftspolitik erlaubt. Wer aus ideologischen oder sonstigen Gründen meint, die makroökonomische Logik und die wenigen gesicherten empirischen Zusammenhänge einer Marktwirtschaft ausblenden zu können, bastelt sich ein Weltbild, das nichts zur Lösung von Problemen beitragen kann und, schlimmer noch, die Probleme verschärft, weil seine Anhänger dauernd falsche Schlüsse ziehen.

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