Archiv | 23.04.2013

Produktivität und Löhne pro Stunde – worum es innerhalb und außerhalb einer Währungsunion geht

Immer wieder werde ich bei meinen Vorträgen gefragt, ob es denn ganz grundsätzlich überhaupt gut gehen kann, wenn Länder mit völlig unterschiedlichem Lebensstandard Mitglied ein und derselben Währungsunion sind. Die Antwort ist ja. Warum das so ist, kann man sich klar machen, wenn man den Fall mit unterschiedlichen Währungen zuerst betrachtet. Denn dass dann Handel zwischen armen und reichen Ländern möglich ist, ist empirisch offensichtlich. Doch woran liegt das? Und was ändert sich, wenn sich arme und reiche Länder in eine Währungsunion begeben?

In der Realität gleichen sich die tatsächlichen Lebensstandards armer und reicher Länder, die miteinander Handel treiben und eigenständige Währungen haben, nicht über mittlere Zeiträume hinweg an und schon gar nicht kurzfristig (man denke z.B. an Polen und Deutschland). Der Wechselkurs zwischen den Währungen dieser Länder beseitigt also genau das nicht, was manche als Problem einer Währungsunion ansehen. Der Wechselkurs dient lediglich dem Ausgleich der Preisniveaus zwischen diesen Ländern bzw. ihrer Preissteigerungsraten im Zeitverlauf. Arme Länder können hohe Inflationsraten haben und reiche Länder niedrige und umgekehrt. Wenn die Währungsrelationen dies richtig widerspiegeln, können die Preise von vergleichbaren Gütern beider Ländergruppen, ausgedrückt in einer einheitlichen Währung, aber dennoch gleich sein.

Was in den Preisen zum Ausdruck kommt und weswegen arme Länder mit niedrigen Löhnen Handel mit reichen Ländern mit hohen Löhnen treiben können, ist die einfache Tatsache, dass in beiden Ländern in der Regel das Niveau der Löhne in nationaler Währung dem Niveau der Produktivität entspricht. Arme Länder sind ja deswegen arm, weil sie nicht über einen Kapitalstock, also Maschinen und Ausrüstungen vor allem, verfügen, der in Kombination mit der national vorhandenen Arbeit einen hohen Output pro Person oder pro Stunde, die eine Person arbeitet, erlaubt. In einer Volkswirtschaft mit einem kleinen Kapitalstock können auch nur geringe Löhne gezahlt werden. Denn die ganze Volkswirtschaft ist ja auf ihre existierenden Verhältnisse angewiesen: Sie kann sich einfach nicht mehr leisten, als sie selbst produziert, jedenfalls dann, wenn sie keine Hilfe von außen bekommt.

Insofern entsprechen sich Produktivität der Arbeit und Lohniveau in der Regel recht gut, was wiederum heißt, dass die sogenannten Lohnstückkosten (also die Arbeitskosten pro Stunde im Vergleich zur Gesamtleistung von Arbeit – kombiniert mit Kapital – pro Stunde), die hier so oft erwähnt werden, zwischen den Ländern gleich hoch sein können, egal ob es sich um arme oder um reiche Volkswirtschaften handelt. Die größte Schwierigkeit im internationalen Handel ergibt sich daraus, dass jedes Land zwar real (also in Gütern gemessen) nicht mehr verbrauchen sollte, als es produziert, dass genau das aber immer wieder in unterschiedlichem Maße versucht wird und daraus unterschiedlich hohe Inflationsraten entstehen. Wenn die Löhne über einige Zeit deutlich stärker wachsen als die Produktivität, also die Lohnstückkosten kräftig steigen, dann wird sich das in einer höheren Inflationsrate niederschlagen.

Die im Vergleich zu anderen Ländern höhere Inflationsrate ist aber, wenn sonst nichts geschieht, ein Hindernis ersten Ranges für einen ausgeglichenen internationalen Handel. Auseinanderstrebende Preisniveaus bedeuten nämlich, dass in einem Land alle Unternehmen höhere Preise verlangen müssen als die Unternehmen in einem anderen Land. Das Land mit der höheren Inflationsrate wertet, wie es manchmal genannt wird, real auf, d.h., es verliert an Wettbewerbsfähigkeit, weil seine Produkte zu teuer geworden sind im Vergleich zu den Produkten der ausländischen Mitbewerber. Bleibt ein auch nur kleiner jährlicher Inflationsunterschied gegenüber den Handelspartnerländern über längere Zeit bestehen, kumuliert sich die Abweichung der Preisniveaus sehr rasch zu einer großen Lücke in der Wettbewerbsfähigkeit auf.

Zwischen Ländern mit jeweils unabhängigen nationalen Währungen sind solche Lücken kein gewaltiges Problem, weil das Land mit dem kumulierten Verlust an Wettbewerbsfähigkeit seine Währung abwerten kann (auf welche Weise das geschieht, dazu ein anderes Mal mehr), was bedeutet, dass in internationaler Währung gerechnet seine Löhne und Preise wieder sinken, was seine Exporte verbilligt, während sich seine Importe verteuern. Der Reallohnverlust für die im Inland Beschäftigten durch die Importpreissteigerung hält sich normalerweise in Grenzen, weil die eigenen Bürger entweder auf heimische Produkte oder auf Produkte aus Ländern ausweichen können, deren Währung nicht aufgewertet hat gegenüber der eigenen, die also ähnlich hohe Inflationsraten hatten.

In einer Währungsunion ist eine solche Lücke dagegen ein fast unüberwindliches Problem, weil die Länder, die zu hohe Löhne haben, ihre Löhne senken müssten, um auf das niedrigere Preisniveau der ausländischen Konkurrenz zu gelangen. Da man aber nicht nur die Löhne der im Außenhandel (also Export und Importsubstitution) Beschäftigten senken kann, muss das gesamte Lohnniveau sinken, was die Binnenkonjunktur schwer schädigt, wie wir schon einige Male dargelegt haben.

Sehr schön lässt sich die Veränderung der Verhältnisse und der Wettbewerbsfähigkeit am Beispiel Frankreichs und Deutschlands in den letzten zehn Jahren zeigen. In dem Schaubild haben wir die Entwicklung der nominalen Löhne (also ausbezahlter Lohn) pro Stunde vergleichen mit der auf nominaler Basis (also mit dem nominalen Bruttoinlandsprodukt statt wie sonst üblich mit dem realen) gerechneten Produktivität pro Stunde.

Nominallohn pro Stunde und Produktivität (nominal) pro Stunde in Frankreich und Deutschland

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Der Lohn pro Stunde (ausbezahlter Lohn, also nominal) ist in Deutschland laut neuesten Angaben von Eurostat von 24 Euro im Jahre 1999 auf 30,4 Euro im Jahr 2012 gestiegen. Im gleichen Zeitraum hat sich die nominale Produktivität, also so etwas wie der Umsatz pro Stunde, von knapp 35 Euro pro Stunde auf etwas mehr als 45 Euro erhöht. Die Differenz zwischen beiden, also das, was die Kapitalseite an nominaler „Entlohnung“ erhält, ist deutlich gestiegen. Auch Frankreich begann die Währungsunion mit einem Produktivitätsniveau von fast genau 35 Euro. Der nominale Lohn stieg von einem leicht tieferen Niveau als in Deutschland (23,6 Euro) im Jahre 1999 auf ein doch erheblich höheres Niveau im Jahre 2012 (34,2 Euro). Da die nominale Produktivität in Frankreich deutlich stärker als in Deutschland zugelegt hat (auf 51,3 Euro), hat Frankreich eigentlich kein fundamentales Problem, weder mit den Löhnen noch mit den Umsätzen. Die französischen Unternehmen haben, getragen vor allem von einer guten Binnenkonjunktur, auch deutlich mehr real investiert als ihre Kollegen von der anderen Rheinseite.

Reale Bruttoanlageinvestitionen (zu Preisen von 2005) in Frankreich und Deutschland

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In Frankreich ist allerdings der Nominallohn wie gesagt stärker gestiegen als in Deutschland und die nominale Produktivität pro Stunde weist auch ein erheblich stärkeres Wachstum als in Deutschland auf. Da genau entsteht das Problem in einer Währungsunion. Über den ganzen Zeitraum hinweg gesehen bedeutet das, dass die Unternehmen in Frankreich ihre Preise stärker erhöht haben, um ihre Gewinnmargen zu halten, während die deutschen Unternehmen zu geringeren Preisen bei etwa gleichen Gewinnmargen anbieten konnten. Folglich haben die deutschen Unternehmen im internationalen Markt Anteile gewonnen und die französischen haben ihre Marktanteile wegschmelzen sehen.

Nun stellt sich wieder die Frage, was die angemessene Lohnsteigerung in der Europäischen Währungsunion (EWU) war, die französische oder die deutsche. Die Antwort darauf haben wir schon oft gegeben: Es war eindeutig die französische. Die EWU war nämlich nicht angetreten, um die Preise absolut konstant zu halten, wie es der deutschen Lohnsteigerung entsprach, sondern die Preise sollten um etwa zwei Prozent zunehmen, aus Gründen, die wir vor kurzem erläutert haben. Die deutsche Lohnsteigerung war zu moderat, um für alle Mitgliedsländer der EWU die Voraussetzung für erfolgreichen Außenhandel zu schaffen. Nur wenn alle erfolgreich sein können, kann aber auch eine solche Gemeinschaft insgesamt erfolgreich sein.

Wenn nun alle dem deutschen Beispiel folgen, führt das eindeutig zu Deflation für alle, löst aber das Problem, das die Eurokrise ausmacht, nicht. Lohnsenkung in allen Ländern außer Deutschland bedeutet Depression bei der Binnennachfrage in all diesen Ländern. Das auszugleichen würde selbst einem Deutschland nicht gelingen, das seine Wirtschaftspolitik vollständig umstellt und auf heimische Expansion setzt. Bleibt Deutschland bei seiner Linie, auf den Export zu bauen, ist der Versuch der anderen, das Gleiche zu tun, von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Man muss es immer wieder sagen: Der Schlüssel zur Lösung der Eurokrise liegt in der Hand Deutschlands und nicht in den Händen der kleinen Länder, die verzweifelt versuchen, sich an die Auflagen der Troika zu halten, und doch niemals erfolgreich sein können.

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