Archiv | 13.05.2013

Thomas Mayer über Austerität in einer Welt ohne Gewinne

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 12.5.2013 ist eine leicht gekürzte Fassung meines folgenden Artikels erschienen.

Thomas Mayer hat letzten Sonntag in der FAS den Kritikern der Austeritätspolitik erklärt, warum ihre Angriffe das Ziel verfehlen. Wenn man Austeritätspolitik, also den Versuch des Staates just dann zu sparen, wenn alle anderen Sektoren auch sparen wollen, mit einer Politik verbinde, die dafür sorgt, dass Löhne und Preise flexibler werden, dann führe eine höhere Ersparnis in der Regel zu höherem Wachstum. Seine Argumente zeigen allerdings, dass es keine wirklich guten Argumente für Austeritätspolitik gibt.

Wie üblich führt Thomas Mayer einen Zinsmechanismus an, der vermehrte Ersparnis in Investitionen umsetzen soll. Daher stelle die Ersparnis kein Problem für Wachstum und Vollbeschäftigung dar. Zwar würden bei einer sparbedingt geringeren Konsumnachfrage Arbeitnehmer in den Konsumgüterindustrien freigesetzt, das vermehrte Angebot an Sparkapital aber drücke den Zins und das stimuliere Investitionen, die nicht nur die ausgefallene Konsumnachfrage ausglichen, sondern auch das Wachstumspotenzial für die Zukunft erhöhten. Man brauche allerdings flexible Preise und Löhne, um diesen Wandel reibungslos zu realisieren.

Diese Argumentation ist falsch. Spart ein Sektor in der Volkswirtschaft mehr, fällt unmittelbar Nachfrage für die anderen Sektoren aus. Wenn die privaten Haushalte weniger konsumieren, sinken bei den Unternehmen Umsätze und Gewinne und der Staat verzeichnet geringere Einnahmen. Daraufhin investieren die Unternehmen weniger, was auch beim Investitionsgütersektor negativ zu Buche schlägt und wieder den Staat trifft. Der Staat gibt ebenfalls weniger aus, was die Nachfrage bei den Unternehmen entweder direkt reduziert, wenn der Staat seine Rolle als Investor zurückfährt, oder indirekt, wenn der Staat Transfereinkommen verringert und die Nachfrage der privaten Haushalte drückt.

Diesem Nachfrageausfall steht kein steigendes Kapitalangebot gegenüber, das für sinkende Zinsen sorgen könnte. Warum? Weil die Sparversuche der einen die Einkommen der anderen reduzieren. Versuchen die privaten Haushalte und der Staat zu sparen, dann sinken zunächst die Gewinne, d.h., das Einkommen der Unternehmen. Halten diese (was bei sinkender Auslastung unwahrscheinlich ist) an ihren bisherigen Investitionsplänen fest, können sie das dafür notwendige Kapital jetzt nur noch zu einem Teil aus dem Gewinn aufbringen – das unternehmensinterne Kapitalangebot ist  gesunken. Sie müssten also bei den Banken mehr Kapital nachfragen für die gleiche Investitionstätigkeit wie in dem Fall ohne zusätzliche Ersparnis. Was die Sparer mehr gespart und zur Bank getragen haben, trifft folglich auf eine höhere Kapitalnachfrage. Der Effekt auf den Zins ist Null: er kann nicht sinken und deshalb steigen die Investitionen nicht. Folglich gibt es keinen automatischen Nachfrageersatz für die geringere Konsumnachfrage.

Doch die Wirkung der Sparbemühungen ist tatsächlich viel schlimmer. Denn der Fall gleich bleibender Investitionen im Falle erhöhter Sparanstrengungen ist vollkommen unrealistisch. Warum sollten die Unternehmen bei gesunkener Nachfrage nach ihren Produkten genauso viel investieren wollen wie vorher? Sie werden weniger investieren und weniger Kapital nachfragen, weil ihre Kapazitätsauslastung geringer ist und sie möglicherweise Verluste machen. Das könnte dann zwar dazu führen, dass die Zinsen doch sinken. Das wäre dann aber die Folge der geringeren Investitionstätigkeit und erzeugte keinen positiven Impuls für mehr Investitionen. Wahrscheinlich käme es daher gleichzeitig zu niedrigeren Zinsen und sinkenden Investitionen.

Das ist der Fall, der die Zentralbank auf den Plan ruft, die mit ihrer Liquidität dafür sorgt, dass die Zinsen noch weiter sinken, also einen echten Impuls darstellen. Manchmal wirkt so ein Impuls, manchmal nicht. Derzeit haben die Zentralbanken in der ganzen Welt die Zinsen auf nahe Null geschleust, doch die Investitionstätigkeit springt nicht an. In einer solchen Situation kann der gesamte Mechanismus, den sich Thomas Mayer vorstellt, ohnehin nicht zum Zuge kommen, selbst wenn das Argument eines positiven Impulses sinkender Zinsen durch mehr Sparen richtig wäre, was es nicht ist.

Doch für den Misserfolg der Austeritätspolitik versucht Thomas Mayer eine Erklärung zu finden. Er führt den Wirtschaftseinbruch in Südeuropa darauf zurück, dass die positive Wirkung des Zinsmechanismus durch rigide Löhne und immobile Arbeitskräfte konterkariert werde. Das ist – empirisch wie theoretisch – ein erstaunliches Argument. Empirisch, weil es gerade in den Ländern besonders schlecht geht, in denen die Lohnstückkosten seit 2010 absolut sinken. Ausgerechnet die Länder, in denen die Löhne noch nicht sinken, nämlich Frankreich und Italien, schneiden in Sachen Rezession nicht ganz so schlecht ab wie die anderen. Wie kann man da ausgerechnet starre Löhne und Preise für die schärfsten Rezessionen verantwortlich machen?

Die naheliegende Erklärung für den Misserfolg der Austeritätspolitik ist, dass die Lohnsenkung unmittelbar die Binnennachfrage einbrechen lässt. Weil es auf der Nachfrageseite der Privaten kein Halten mehr gibt in dem Abwärtsstrudel, greift die Geldpolitik in den Krisenländern mit ihren Zinsanregungen nicht mehr. Die einen investieren mangels Nachfrage nicht und die anderen bekommen kein Geld von den Banken. Die Sparanstrengungen verschärfen nicht deshalb die Krise, weil sie auf rigide Preise und Löhne treffen, sondern weil ihre ohnehin negative Wirkung auf die Wirtschaft durch die Anpassung von Preisen und Löhnen nach unten ins Desaströse potenziert wird.

Das Ergebnis ist einfach: Ersparnisse erschweren das Geschäft der Unternehmen. Das Sparparadox gilt, und deswegen ist Austerität falsch und gefährlich. Das erkennt man allerdings nur, wenn man die Mikroebene verlässt und makroökonomische Zusammenhänge in die Analyse einbezieht. Wer die Marktwirtschaft zu verstehen versucht, aus ideologischen Gründen jedoch einer echten gesamtwirtschaftlichen Betrachtung fern bleibt, wird die realen Abläufe nie erklären und zum Positiven wenden können. Die Neoklassik ist eine ungeeignete theoretische Basis für die Wirtschaftspolitik, weil in ihr Gewinne von Unternehmen als Finanzierungsquelle gar nicht vorkommen, sondern nur – im langfristigen Wettbewerbsgleichgewicht – eine Art „Pseudogewinn“ in Höhe der Zinsen.

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