Archiv | 20.06.2013

Abenomics: Noch immer keine Lösung in der Arbeitsmarktfrage

Abenomics, die expansive ökonomische Strategie, die nach Premierminister Abe benannt ist, verweist auf erste Erfolge. So ist Japan aus der Rezession entkommen und der Export hat kräftig angezogen. Allerdings hat das in erheblichem Maße mit der Schwäche des Yen zu tun, die mit dieser Strategie von Anfang an verbunden war. Abwertung der eigenen Währung ist aber natürlich nicht ausreichend, um dauerhaft erfolgreich zu sein, und steht unter permanentem Generalverdacht des beggar-thy-neighbour, bei dem die Handelspartner ganz schnell hellhörig werden und Gegendruck machen.

Nun will die Regierung Abe offenbar als „dritten Pfeil“ ihrer Strategie auch „Strukturreformen“ umsetzen, die die Wirtschaft beweglicher machen sollen. Ins Visier vieler Strategen ist dabei der japanische Arbeitsmarkt geraten, der traditionell ein hohes Maß an Beschäftigungsschutz für die Arbeitnehmer bietet, was so weit geht, dass auch in privaten Firmen eine Lebensanstellung durchaus die Regel ist.

So schrieb die Financial Times vor einiger Zeit: Some experts even blame strict worker protections for exacerbating deflation, since companies with too many workers are loath to increase wages. “Foreign countries choose wages, Japan chooses employment,” says Akihiko Suzuki, chief economist at Mitsubishi UFJ Research and Consulting. “As a result, unemployment is low but we have deflation.” Besonders die Aussage, andere Länder würden Lohnerhöhungen wählen, Japan aber Beschäftigung, ist interessant und gefährlich zugleich. Wieso hat China höhere Löhne und höhere Beschäftigung wählen können? Wieso sinken in Südeuropa die Löhne und die Beschäftigung zur gleichen Zeit?

In der Tat sind in Japan die nominalen Löhne seit vielen Jahren nicht mehr gestiegen und häufig sogar gefallen. Das hat vor allem die kaum noch aus dem System zu beseitigende hartnäckige Deflation hervorgebracht. Daraus aber zu folgern, Japan sichere wegen oder mit seiner schwachen Lohnentwicklung die Beschäftigung, ist bestimmt falsch. Ganz am Anfang dieses Prozesses, also zu Beginn der neunziger Jahre, als Japan von dem Platzen seiner Spekulationsblasen getroffen in eine tiefe Rezession zu stürzen drohte, hat sicherlich die hohe Flexibilität der Löhne für kurze Zeit mitgeholfen, den Gewinndruck auf die Unternehmen zu verringern und so mehr Beschäftigung zu halten, als es sonst möglich gewesen wäre. Das aber geht, wie wir wissen, immer nur auf Kosten der Inlandsnachfrage und damit auch wieder indirekt auf Kosten der Beschäftigung. Wenn eine Blase platzt, die nichts mit dem Arbeitsmarkt zu tun hat, aber Arbeitslosigkeit produziert, ist Lohnsenkung einfach niemals eine angemessene Antwort, wie wir u.a. in einem unserer ersten Beiträge auf dieser Seite gezeigt haben.

Besser wäre es in einem solchen Fall, man würde, selbst um den Preis einer temporär steigenden Arbeitslosigkeit, die Lohnentwicklung auf der mittelfristig richtigen Linie weiterfahren und damit die Dynamik der Inlandsnachfrage schützen. Dann fällt es der Wirtschaftspolitik wesentlich leichter, die einmalig entstandene Arbeitslosigkeit durch expansive Geld- und Fiskalpolitik zu bekämpfen. Deflation ist dann ebenso ausgeschlossen wie eine lang anhaltende Schwäche der Inlandsnachfrage, und genau das hilft dabei, die Beschäftigung zu stabilisieren.

Sobald man sich aber auf die Neoklassik mit ihrer Arbeitsmarktflexibilisierung (was immer auf Lohnsenkung oder -mindersteigerung im Vergleich zur Produktivität hinausläuft) verlässt, ist man verlassen. Es besteht die große Gefahr, dass man in Japan die ersten Erfolge von Abenomics durch „strukturelle“ Anpassungen schnell wieder zunichte macht. Den traditionellen Beschäftigungsschutz im Falle großer konjunktureller Schocks etwas zu lockern, mag notwendig sein. Ohne aber für die Zukunft die Löhne in dem Sinne zu sichern, dass man eine stabile Erhöhung entsprechend der Produktivität und der Zielinflationsrate vereinbart, kann man nichts gewinnen, sondern wird sich die Verunsicherung der Arbeitnehmer nur noch einmal vergrößern. Der Deflation wird man so niemals entrinnen.

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