Archiv | 03.06.2013 (editiert am 25.05.2016)

Herr Mayer irrt schon wieder oder wie arm an Argumenten die Neoklassik doch ist

Thomas Mayer hatte in der FAS (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) vor einigen Wochen geschrieben, man brauche sich vor den Sparversuchen der öffentlichen Haushalte und dem Sparen generell nicht zu fürchten, weil es ja einen Zinsmechanismus gebe, der immer dafür sorge, dass ein Mehr an Ersparnissen ohne weiteres zu einem Mehr an Investitionen führe.

Ich hatte darauf in der nächsten FAS erwidert (wobei ich darauf hinweisen will, dass Friederike Spiecker mir wichtige Anregungen für meinen Text gegeben hat) und gesagt: „Diese Argumentation ist falsch. Spart ein Sektor in der Volkswirtschaft mehr, fällt unmittelbar Nachfrage für die anderen Sektoren aus. Wenn die privaten Haushalte weniger konsumieren, sinken bei den Unternehmen Umsätze und Gewinne und der Staat verzeichnet geringere Einnahmen. Daraufhin investieren die Unternehmen weniger, was auch beim Investitionsgütersektor negativ zu Buche schlägt und wieder den Staat trifft. Der Staat gibt ebenfalls weniger aus, was die Nachfrage bei den Unternehmen entweder direkt reduziert, wenn der Staat seine Rolle als Investor zurückfährt, oder indirekt, wenn der Staat Transfereinkommen verringert und die Nachfrage der privaten Haushalte drückt.

Diesem Nachfrageausfall steht kein steigendes Kapitalangebot gegenüber, das für sinkende Zinsen sorgen könnte. Warum? Weil die Sparversuche der einen die Einkommen der anderen reduzieren. Versuchen die privaten Haushalte und der Staat zu sparen, dann sinken zunächst die Gewinne, d.h., das Einkommen der Unternehmen. Halten diese (was bei sinkender Auslastung unwahrscheinlich ist) an ihren bisherigen Investitionsplänen fest, können sie das dafür notwendige Kapital jetzt nur noch zu einem Teil aus dem Gewinn aufbringen – das unternehmensinterne Kapitalangebot ist  gesunken. Sie müssten also bei den Banken mehr Kapital nachfragen für die gleiche Investitionstätigkeit wie in dem Fall ohne zusätzliche Ersparnis. Was die Sparer mehr gespart und zur Bank getragen haben, trifft folglich auf eine höhere Kapitalnachfrage. Der Effekt auf den Zins ist Null: er kann nicht sinken und deshalb steigen die Investitionen nicht. Folglich gibt es keinen automatischen Nachfrageersatz für die geringere Konsumnachfrage.

Doch die Wirkung der Sparbemühungen ist tatsächlich viel schlimmer. Denn der Fall gleich bleibender Investitionen im Falle erhöhter Sparanstrengungen ist vollkommen unrealistisch. Warum sollten die Unternehmen bei gesunkener Nachfrage nach ihren Produkten genauso viel investieren wollen wie vorher? Sie werden weniger investieren und weniger Kapital nachfragen, weil ihre Kapazitätsauslastung geringer ist und sie möglicherweise Verluste machen. Das könnte dann zwar dazu führen, dass die Zinsen doch sinken. Das wäre dann aber die Folge der geringeren Investitionstätigkeit und erzeugte keinen positiven Impuls für mehr Investitionen. Wahrscheinlich käme es daher gleichzeitig zu niedrigeren Zinsen und sinkenden Investitionen.“

Daraufhin hat Thomas Mayer unter dem Titel „Herr Flassbeck irrt“ (meine Erwiderung hieß in der FAS „Herr Mayer irrt“) geantwortet. Er stellt fest: „Herr Flassbeck konzentriert seinen Blick auf die Nachfrageseite der Volkswirtschaft und sagt, dass „die Sparversuche der einen die Einkommen der anderen reduzieren“. Er spricht dem Zins einen Einfluss auf die Investitionstätigkeit theoretisch („Er kann nicht sinken, deshalb steigen die Investitionen nicht“) und praktisch ab. Bezieht man jedoch die Angebotsseite der Volkswirtschaft in die Betrachtung ein, wird die positive Rolle von Zins und Sparen deutlich. Prinzipiell signalisiert eine erhöhte Ersparnis den Wunsch, den Konsum in der Zukunft zu steigern. Dafür wird heute investiert und Kapital gebildet, mit dem zukünftige Einkommen und Konsumausgaben erhöht werden können.

Der Zins regelt dabei die Umverteilung von der Produktion für heutige Konsumgüter zur Produktion von Kapitalgütern für den Konsum von morgen. Fällt der Zins, so zeigt dies an, dass man bereit ist, auf Konsum heute zu verzichten, um eine höhere Produktion morgen zu ermöglichen. Ein Rückgang in der Produktion und in den Einkommen in der Konsumgüterindustrie wird durch einen Anstieg in der Produktion und in den Einkommen in der Kapitalgüterindustrie ausgeglichen. Der Satz „Spart ein Sektor der Volkswirtschaft mehr, fällt Nachfrage für die anderen Sektoren aus“ stimmt nicht, wenn man die gesamte Volkswirtschaft, also Nachfrage- und Angebotsseite, betrachtet.

Herr Flassbeck versucht, seine theoretische Kritik empirisch zu stützen, indem er sagt, dass die Investitionstätigkeit nicht anspringe, obwohl „die Zentralbanken die Zinsen nahe null geschleust“ haben. Dabei erwähnt er leider nicht, dass sowohl die Unternehmen als auch die Banken in den Euro-Krisenländern noch mit vergangenen Fehlinvestitionen kämpfen. So machten zum Beispiel in den meisten Krisenländern die Bauinvestitionen in den Jahren 2004 bis 2007 mehr als 50 Prozent der gesamten Investitionen aus. Noch heute leiden die Unternehmen, Banken und Staaten daran, dass diese Investitionen buchstäblich „in den Sand gesetzt“ wurden.

Solange die Fehlinvestitionen in den Bilanzen nicht abgeschrieben sind, fällt es Banken und Unternehmen schwer, neue Investitionen zu finanzieren und zu tätigen. Dringend notwendig ist also die Umstrukturierung des Banken- und Unternehmenssektors. Dann wird es möglich, einen neuen, produktiveren Kapitalstock aufzubauen. Leider wurde bis heute von der Politik viel zu wenig getan, um eine solche Umstrukturierung möglich zu machen.“

Ein kluger Leser der FAS hat daraufhin in einem Kommentar Wichtiges zum empirischen Teil des Arguments gesagt: „Herr Mayer greift aber durchaus auf die Realökonomie zurück, wenn es in seine Argumentation passt. Dass die nahezu auf null gesenkten Zinsen die Investitionen kaum belebt haben erklärt er mit der Last der Fehlinvestitionen von vor 2008. Wie bitte? Investitionen sollen den angeblichen Zins-Investitions-Mechanismus außer Kraft gesetzt haben? Also sind, jedenfalls manchmal, die Investitionen und nicht die Zinsen entscheidend? Damit  konterkariert Herr Mayer seine Ausgangsthese von der Zinsabhängigkeit der Investitionen. Selbst wenn die internationale Banken- und Finanzkrise als besondere Ausnahme  zu deuten wäre, könnte man beliebig viele weitere „Ausnahmen“ finden, in denen sinkende Zinsen ebenfalls nicht zu steigenden Investitionen geführt haben – aus dem bekannten Grund, dass sie keineswegs alleine für die Rentabilität von Investitionen ausschlaggebend sind. Es ist kein Wunder, dass Herr Mayer nicht in der Lage ist, sich konkret mit der Kritik Flassbecks an der Austeritätspolitik auseinanderzusetzen und zu notdürftigen „Hilfs“argumenten“ (Fehlinvestitionen vor 2008, Hinweis auf pessimistische Zukunftserwartungen in Frankreich) greifen muss.“

Ich will den Kern der theoretischen Argumentation von Thomas Mayer, so weit er zu identifizieren ist, noch einmal beleuchten und erklären, warum die Neoklassik niemals einen Zugang zu den wirtschaftlichen Problemen dieser Welt finden kann.

Es ist mehr als erstaunlich, aber Thomas Mayer fällt zu meinem entscheidenden Argument, dass der Zins auf erhöhte Sparanstrengungen hin gar nicht falle, absolut nichts ein. Er sagt wieder einfach: “… Fällt der Zins…“ (vgl. 2. Absatz im obigen Zitat), ohne darauf einzugehen, dass mein Argument war, dass der Zins gerade nicht fallen kann. Das ist so, weil durch den Sparversuch zugleich sowohl das Angebot an Kapital als auch die Nachfrage nach Kapital steigt, jedenfalls dann, wie ich erläutert habe, wenn die Unternehmen versuchen würden, die Investitionen wenigstens konstant zu halten, also nicht abzusenken (was aber unwahrscheinlich ist, ein Absenken der Investitionen ist wesentlich wahrscheinlicher). Von einer Zunahme der Investitionen, die Herr Mayer ja bräuchte bei seinem Argument, kann überhaupt nicht die Rede sein.

Dann kommt ein noch erstaunlicherer Satz. Er sagt: „Der Satz „Spart ein Sektor der Volkswirtschaft mehr, fällt Nachfrage für die anderen Sektoren aus“ stimmt nicht, wenn man die gesamte Volkswirtschaft, also Nachfrage- und Angebotsseite, betrachtet.“ Das aber ist wieder nur die Wiederholung seiner Behauptung, jedoch kein Argument. Wenn es für die gesamte Volkswirtschaft keinen Nachfrageausfall geben soll, dann muss es ja einen Mechanismus geben, der trotz Nachfrageausfall in einem Sektor (dem Konsumgütersektor) dafür sorgt, dass ein anderer Sektor (der Investitionsgütersektor) mehr ausgibt. Das kann – auch laut Thomas Mayer – nur der Zinsmechanismus sein, von dem wir aber theoretisch schon wissen und empirisch dauernd vorgeführt bekommen, dass er nicht funktioniert. Gäbe es einen anderen, hätte Thomas Mayer ihn ja vermutlich erwähnt. (Dass es für Deutschland einen anderen Mechanismus lange Zeit gegeben hat, nämlich die Überschussnachfrage des Auslands, auch bekannt unter der Bezeichnung Nettoexporte, kann Thomas Mayer jetzt schlecht anführen, denn dann kann man dem Ausland das Sparen nicht gut abverlangen, ohne inkonsistent zu werden.)

Warum ist es aus neoklassischer Sicht so schwer, souverän gegen eine so einfache Überlegung wie mein Zinsargument anzugehen? Es liegt einfach daran – das kann man sich als Nicht-Ökonom wahrscheinlich nicht vorstellen –, dass sich die Neoklassiker schlicht weigern, den Prozess, der nach einer Sparanstrengung eine Rückkehr zu ihrem gedachten Gleichgewicht ermöglichen könnte, überhaupt zu beschreiben.

Die Neoklassiker übergehen diesen so ausschlaggebenden Punkt einfach nach folgendem Motto: Es gibt einen (sich irgendwann einmal ex post einstellenden) Endpunkt des Prozesses der Sparanstrengung. Wir kennen diesen Endpunkt im Prinzip von vornherein und interessieren uns deshalb nicht für den Vorgang, wie er erreicht wird. Er ist definiert als derjenige Punkt, bei dem die Ersparnis (S) und die Investitionen (I) gleich sind (S=I). Dass das immer so sein muss, wissen wir aus der Vergangenheit, denn alles, was von dem in der Vorperiode erreichten Einkommen nicht konsumiert worden ist, muss investiert worden sein. (Hier wird die tautologische Identität, also die rechentechnisch notwendige Gleichheit von S und I zum kausalen Zusammenhang in dem Sinne erhoben, dass die Ersparnis eine Investition hervorriefe bzw. zwangsläufig nach sich ziehe. Ob „Ersparnis“ in Form nicht gekaufter Konsumgüter Produktion auf Halde bedeutet, auch bekannt unter der Bezeichnung „Lagerinvestition“, und ob daraufhin die Investitionspläne der nächsten Periode spürbar zusammenschnurren, interessiert den Neoklassiker einfach nicht.) Denn das Ganze spielt sich auf dem hoch effizienten Kapitalmarkt ab, auf dem der Preis, nämlich der Zinssatz, für Markträumung, also das Gleichgewicht, sorgt. Wir beobachten, dass die Unternehmen in der Regel investieren, folglich gibt es gar keinen Grund, sich Gedanken darüber zu machen, ob und wie der Prozess im einzelnen abläuft.

Das, worauf es ankommt, nämlich ob in diesem Prozess das Gesamtergebnis von S = I zustande kommt, weil der Zins die erwartete Rolle spielt oder weil etwas ganz anderes passiert, wird einfach ausgeblendet. Aus Sicht der Neoklassiker kann es einfach nicht sein, dass der Kapitalmarkt seine Aufgabe nicht effizient erfüllt. Die andere Größe, die Sparen und Investieren wieder (ex post) zusammenbringen kann, auch wenn der Zinsmechanismus total versagt, ist das gesamtwirtschaftliche Einkommen. Diese Größe kommt als Ausgleichsvariable zwischen S und I für einen Neoklassiker nicht in Frage, weil sie als von vornherein gegeben angesehen wird: Das Verhältnis von Realzins und Reallohn bestimmt den Einsatz der beiden Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit, woraus sich mittels der gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion eine bestimmte Gütermenge ergibt. Die Konsum- bzw. Sparneigung der Haushalte legt fest, wie viele der insgesamt produzierten Güter Konsumgüter und wie viele Investitionsgüter sind. Die Investitionsgütermenge von heute (und von allen Perioden davor), also der Kapitalstock, legt fest, wie viel Güter insgesamt morgen (und übermorgen) produziert werden können. Mit echten unternehmerischen Investitionsentscheidungen, die ihrerseits das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion von morgen und die Auslastung der Investitionsgüterindustrie heute bestimmen und mit Fragen, wovon diese Investitionsentscheidungen neben dem Zins noch abhängen (nämlich von der Auslastung), hat das also nichts zu tun.

Wie aber sieht der Ausgleich zwischen S und I stattdessen aus, wenn er nicht über den Zinssatz läuft? Gibt es Sparpläne von Seiten der privaten Haushalte und des Staates, die größer sind als die Investitionspläne der Unternehmen, dann sinkt eben das Einkommen insgesamt, so dass sich die Sparpläne nicht wie gewünscht erfüllen. Ressourcen bleiben ungenutzt liegen bzw. Güter werden auf Halde produziert. Für die Unternehmen ergibt das ein Signal, ihre Investitionstätigkeit noch weiter zurück zu fahren und Arbeitskräfte zu entlassen. Eine Spirale nach unten kommt in Gang.

Der Staat beispielsweise hat vor, seine Verschuldung im Verhältnis zu dem ursprünglich erwarteten Einkommen gering zu halten, aber der unerwartete Rückgang des Einkommens sorgt dafür, dass die Verschuldung des Staates höher ist, nämlich in Relation zu dem jetzt tatsächlich realisierten geringeren Einkommen. Auch die Verschuldung der Unternehmen wird vermutlich höher sein, weil sie unerwartete Verluste machen. Die privaten Haushalte werden feststellen, dass ihre Ersparnis zwar höher ist als erwartet, nämlich auch wieder in Relation zu dem geringeren Einkommen, dass sie aber insgesamt weniger Einkommen haben. Wieder ist Sparen gleich Investieren, aber alle sind ärmer geworden (und einige arbeitslos), weil der Mechanismus, der die Wünsche, mehr als vorher zu sparen, in höhere Investitionen hätte umwandeln sollen, nicht funktioniert hat.

Blendet man die Variation des Einkommens in diesem dynamischen Prozess von vorneherein aus der Betrachtung aus, wie es viele Neoklassiker machen, kann man einfach nicht verstehen, was in der Realität passiert, und man kann natürlich auch keine vernünftigen wirtschaftspolitischen Ratschläge geben. Sagt man, der Staat dürfe auf keinen Fall zulassen, dass seine Verschuldung in diesem Prozess der Sparanstrengungen der Privaten in Relation zum Einkommen steigt, sagt man nichts anderes, als dass er seine Sparpläne während der beginnenden Rezession noch einmal nach oben korrigieren sollte, ohne dass man sicher ist, dass die Investitionspläne der Unternehmen in die gleiche Richtung, nämlich nach oben gehen. Tun die das nicht, weil sich für die Unternehmen die Lage ja dauernd verschlechtert, verstärkt der Staat mit seinem Sparversuch die Rezession sowie den Gesamtverlust an Einkommen und an Arbeitsplätzen.

In der derzeitigen globalen Lage ist es so, dass auch eine von den Zentralbanken weltweit initiierte massive Zinssenkung nicht ausreicht, die pessimistischen Erwartungen der Unternehmen hinsichtlich ihrer zukünftigen Geschäftsaussichten auszugleichen. Selbst Nullzinsen veranlassen sie nicht zum Investieren. Selbst wenn es so wäre, wie Thomas Mayer sagt, dass das daran liegt, dass sie vorher viel zu viel investiert haben (was man für die Mehrzahl der Länder sowieso ausschließen kann), müsste man doch zur Kenntnis nehmen, dass selbst ein in extremer Weise von den Zentralbanken forcierter Zinssenkungsprozess über Jahrzehnte (wie in Japan) scheitern kann. Das müsste eigentlich den Glauben, ein allein dem Markt überlassener Zinssenkungsprozess reiche in jedem Fall zur Stabilisierung der Wirtschaft aus, tief erschüttern. Dann aber noch dem Staat zu empfehlen, er könne auch in dieser Situation seine Sparversuche ruhig weiter vorantreiben, ist hanebüchen und unverantwortlich. Wenn etwas angesagt ist, dann ist es staatliches Investieren, finanziert zu Zinsen, die real unter Null liegen.

Doch in der Tat, es geht in den meisten wirtschaftlichen Fragen um den Glauben an den Markt, und der soll ja gerade nicht erschüttert werden. Es ist allerdings höchste Zeit, dass die Ökonomen, die sich auf diese Weise gegen die Realität immunisieren, von Seiten ihrer Leser auch konsequent als Glaubensvertreter angesehen werden und nicht als Wissenschaftler.

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