Archiv | 18.06.2013

Der SPIEGEL– oder wie unsere Leitmedien das Denken der Menschen fehlleiten wollen

Vor einiger Zeit erhielt ich eine Anfrage von einem Herrn Willeke vom SPIEGEL, der mit mir über verschiedene Themen, darunter auch über den Euro reden wollte. Obwohl es bei dem Herrn offensichtlich kein ernsthaftes inhaltliches Interesse gab, ließ ich mich darauf ein, ihn zu treffen. Was der Herr nicht wissen konnte, mein journalistisches Interesse an diesem Treffen war mindestens so groß wie seines, denn ich wollte herausfinden, was jemand, der kein inhaltliches Interesse hat, von mir will bzw. auf welche Weise er mich in die Pfanne hauen möchte. Man kennt ja seinen SPIEGEL!

Nun ist das Ergebnis meines Experiments erschienen und es ist klar, worauf es hinausläuft. Man macht Stimmung, indem man ganz unterschiedliche Menschen, die sich aus ganz unterschiedlichen Motiven und mit ganz unterschiedlichen Argumenten für ein Nachdenken über den Euro einsetzen, alle in einen Sack steckt, ihnen Stimmungsmache vorwirft und damit Stimmung gegen sie macht. Ich habe bewusst im Gespräch mit dem Herrn durchweg nur sachlich argumentiert, weil ich wissen wollte, wie er daraus „seine“ Geschichte macht. Dass es so primitiv werden könnte, übertrifft allerdings selbst meine Erwartungen.

Ein Ressort, das sich beim Spiegel „Gesellschaft“ nennt, glaubt, es könne durch persönliche Diffamierung Argumente ersetzen oder Argumente aus der Welt schaffen. Ich will gar nicht auf die lächerlichen Mittel eingehen, mit denen man diese Diffamierung vorantreibt (Nudeln mit Trüffeln waren das Tagesgericht in dem Lokal, in das der Herr einlud), aber man kann sich vorstellen, wie eine Redaktionskonferenz beim Spiegel zusammengesessen hat, wo überzeugte Europäer, die sich in ihrem Leben noch nie mit Wirtschaft befasst haben und auch nicht befassen wollen, sich entschieden, nun einmal eine Bresche für Europa zu schlagen. Das Mittel der Wahl war, wie könnte es anders sein, all denen, die in der Öffentlichkeit Zweifel an den Entscheidungen der Troika oder des Europäischen Rates hinsichtlich der Rettung des Euro äußern, die falsche Mentalität, die falsche Agenda oder einfach ein falsches Spiel vorzuwerfen.

Das muss man dann ja auch nicht belegen, es genügt, wenn man „gefühlvoll“ den Eindruck beim Leser hinterlässt, die Eurokritiker seien nicht ernst zu nehmen, weswegen er sich mit deren Argumenten auch gar nicht beschäftigen müsse. Warum ist in die „Erzählung von Europa“, die mindestens so großspurig wie dumm gegen den Sachverstand der „Taschenrechner“  gestellt wird, nicht eingegangen, dass Deutschland und seine Medien in  den vergangenen Jahren auf der Basis einer falschen Therapie mehr politisches Porzellan in Europa zerschlagen haben, als Politiker in den nächsten einhundert Jahren kleben können? Mir vorzuwerfen, ich wolle ausnutzen, dass ich „natürlich schon lange geahnt hatte, dass Europa in die Krise gerät“, ist von Seiten des SPIEGEL mehr als dumm. Ja, ich habe seit 15 Jahren vor den jetzt eingetretenen Fehlentwicklungen in Europa und vor globalen Finanzkrisen gewarnt – und ich habe mich dabei viele Male gegen die Ignoranz und die Infamie des SPIEGEL und seiner Mitarbeiter zur Wehr setzen müssen.

Das Ganze ist weniger ärgerlich als lächerlich. Es zeigt aber, wie wenig die sogenannten Leitmedien in der Lage und willens sind, der Bevölkerung dabei zu helfen, sich eine Meinung zu bilden, die auf den gesunden Menschenverstand aufbaut und sachliche Argumente so weit wie irgend möglich zu Rate zieht. Man sitzt in Elfenbeintürmen und fühlt sich politisch mächtig, weil man glaubt, die Meinung im Lande drehen zu können, wie man es gerade will. Das geht heute noch, das wird sich aber mehr und mehr als Irrtum erweisen, weil es eine neue Generation geben wird, die ihre eigenen Kommunikationswege findet und sich unabhängig macht von den veralteten Medienstrukturen.

Wir werden hier unsere „Erzählung über Europa“ fortsetzen, ohne Vorurteile gegen andere Europäer, mit Begeisterung für Europa, aber auch mit dem Sachverstand, der denen fehlt, die vielleicht einen europäischen Traum träumen, aber gar nicht sehen können, wie dieser Traum gerade von einer wirtschaftlichen Ideologie, die eigentlich längst gescheitert ist, zerstört wird.

 

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