Handelskrieg China – Europa?

Wie Meinungsmacher in vielen anderen Zeitungen auch entrüstet sich „Der Ökonom“ (so heißt die Kolumne) in der letzten ZEIT (S. 33) über die Gefahren für den Freihandel, die sich aus dem jüngsten Streit zwischen China und Europa ergeben könnten. „Die Idee des Freihandels ist, dass sich jedes Land auf die Herstellung der Güter spezialisiert, die es am günstigsten produzieren kann. Der Überschuss an Gütern kann exportiert und für den Erlös können andere Waren importiert werden. … China zum Beispiel sollte demnach arbeitsintensive Produkte wie Kleidung anfertigen, denn Arbeit ist in Asien relativ günstig. Europa, das höhere Löhne hat, sollte stattdessen Güter herstellen, für die große Produktionsanlagen gebraucht werden“.

Man fasst es nicht, aber das Dogma der komparativen Kostenvorteile ist wohl auch in den nächsten tausend Jahren nicht aus der Welt zu schaffen. Da werden in Asien und in China mittlerweile seit Jahrzehnten mit modernster westlicher Technologie alle Arten von Produkten hergestellt, vom T-Shirt bis zu hochmodernen technischen Produkten, und die Ökonomen faseln immer noch über die arbeitsintensive Produktionsweise, auf die sich die Entwicklungsländer gefälligst zu beschränken hätten.

Beiliegend dazu ein Auszug aus meinem Buch: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts aus dem Jahre 2010 (Seite 58 ff.):

Der freie Handel als Dogma

Nichts ist dem Unternehmer und dem liberalen Politiker so heilig wie der freie Handel. Man darf alles Mögliche sagen, man darf sogar eine der heiligsten aller Kühe, die immer währende Preisstabilität, schlachten, aber man darf niemals etwas gegen den freien Handel sagen. Der Freihandel ist das wichtigste aller Gebote, weil er das Einzige ist, was die liberalen Ökonomen in den letzten 200 Jahren aufgeboten haben, um den Wohlstand zu erklären.

Das klingt seltsam, und ist doch kaum zu bestreiten, wenn man sich die übrigen Elemente anschaut, die in der herrschenden Ökonomie eine Erklärung des Wohlstands bieten sollen. Da ist die Wachstumstheorie, die mit Wachstum allerdings nichts zu tun hat, sondern nur die Aneinanderreihung jener Faktoren ist, die in bestimmten Modellen Wachstum erklären sollen. Das tun sie allerdings nicht, weil sie nur das Modell erklären, aus dem sie stammen. In den neoklassischen Wachstumsmodellen, die sich durchgesetzt haben in den letzten Jahren, gibt es Arbeit und Kapital, die beide, wie könnte es anders sein, entsprechend der (relativen) Preise von Arbeit und Kapital miteinander im Austausch stehen, in denen aber ansonsten der technische Fortschritt vom Himmel fällt. Doch auch in den früheren Modellen war das nicht besser. In dem so genannten, manchmal gar „keynesianisch“ genannten Harrod-Domar-Modell entsteht Wachstum, weil es Investitionen gibt. Investitionen aber gibt es, weil es Ersparnisse gibt. Warum es Einkommen und Ersparnisse gibt und wie diese Ersparnisse zu Investitionen werden, kann das Modell leider nicht erklären.

Diese Tautologien wären ein leicht erkennbarer Offenbarungseid für diese so genannte Wissenschaft, gäbe es nicht das Konzept des freien Handels. Der Freihandel ist es, der dem Fach den Anschein einer Wissenschaft verleiht. Denn er erklärt scheinbar, wie durch den Austausch der Völker Wohlstand geschaffen wird. Es ist die einzige Theorie, die wenigstens vorgibt, steigenden Wohlstand erklären zu können. Die Grundidee: Weil immer neue Völker dem System des freien Handels beitreten, vermehrt sich die Möglichkeit eines produktiven Austausches zwischen ihnen. Das ist zwar auch endlich, weil wir sonst irgendwann Völker vom Mars oder von der Venus bräuchten, die neu in die globalisierte Wirtschaft einbezogen werden, aber im Moment funktioniert es noch.

Doch schaut man diese Theorie genauer an, offenbaren sich sofort ihre Schwächen. Diese Theorie basiert im Kern nämlich immer noch auf einem Theorem, das der englische Ökonom David Ricardo vor 200 Jahren in die Welt gesetzt hat. Die damals vorherrschende Befürchtung war, dass der Handel einseitig werden könnte, weil ein Land gegenüber einem anderen bei praktisch jedem handelbaren Produkt im Vorteil wäre. Um solche absoluten Vorteile auszugleichen, müsste das unterlegene Land durch Protektionismus dafür sorgen, dass auch seine Produzenten eine Chance zum Überleben haben. Dagegen stellte David Ricardo sein berühmtes Prinzip, wonach es im internationalen Handel auf die komparativen Vorteile und nicht auf die absoluten Vorteile ankäme. Wenn also, das ist ein Beispiel von Ricardo, in einem Land ein Produzent besonders gut Schuhe herstellt, der Produzent in einem anderen Land aber besonders effizient ist in der Herstellung von Tuch, dann können die beiden miteinander Handel treiben, selbst wenn der Hersteller von Schuhen auch Tuch günstiger herstellen könnte, da die Spezialisierung, also die Fixierung des Schuhherstellers auf die Schuhe und die Konzentration des Tuchherstellers auf Tuch insgesamt ein besseres Ergebnis erwarten lässt.

Schon an diesem Beispiel wird unmittelbar deutlich, wie realitätsfern Ricardos Idee ist. Denn offenbar unterstellt er, dass der Schuster vollständig ausgelastet ist mit der Herstellung von Schuhen, so dass er nicht auf die Idee kommen könnte, Schuhe und Tuch zugleich herzustellen. Übertragen wir das auf eine Volkswirtschaft, sieht man sofort, dass das Beispiel absolut aus der Welt ist. Es gibt keine voll ausgelastete Volkswirtschaft, wo man nicht, wenn man denn absolute Vorteile hätte, diese Vorteile auch nutzen könnte durch die Nutzung vorhandener Kapazitäten, die Schaffung neuer Kapazitäten durch Investitionen und die bessere Auslastung des Arbeitskräftepotenzials. Unterstellt ist also in der heilen Welt der neoklassischen Handelstheorie, dass alle Produktionskräfte jederzeit voll beschäftigt sind.

Sind sie das nicht, stimmt natürlich auch die Annahme nicht mehr, dass die Entlohnung der Arbeitskräfte jederzeit und in allen beteiligten Ländern die jeweilige Knappheit von Arbeit und Kapital widerspiegelt. Auch das ist an Naivität kaum zu überbieten. In der Wirklichkeit gibt es nirgendwo so etwas wie einen Markt für Kapital, auf dem quasi unabhängig von dem, was Zentralbanken tun, ein Zins rein von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Dass die Löhne nicht rein von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, ist ebenso offensichtlich. Hinzu kommt, und dadurch wird Ricardos Theorie noch abwegiger, dass natürlich für den Handel im internationalen Bereich nominale Größen zählen, weil sie zusammen mit den Wechselkursen die ausgehandelten Preise bestimmen. Selbst wenn es also am Arbeitsmarkt so etwas wie eine richtige Findung des Arbeitslohnes im Sinne eines Reallohnes gäbe, so könnten doch in Ländern mit völlig unterschiedlichen Inflationsraten die Nominallöhne weit auseinander laufen.

So ist es auch in der Vergangenheit immer gewesen. Aber dann müsste es wenigstens einen Mechanismus geben, der dafür sorgt, dass die weit auseinander laufenden Nominallöhne, also Löhne, die sich vollständig von der Produktivität im jeweiligen Land lösen, durch einen anderen Mechanismus ausgeglichen werden. Dieser Mechanismus könnte die Wechselkursbildung in verschiedenen Währungen sein. Der Wechselkurs zwischen Währungen tut aber auch über lange Fristen genau das nicht, was die Theorie von ihm erwartet. Währungen sind heute zum Spielball von Spekulationen geworden, und werden über Jahre in die vollkommen falsche Richtung betrieben, da Spekulanten die Existenz von Inflation und Zinsdifferenzen ausnutzen, um immer wieder kurzfristige Gewinne zu machen.

Damit aber nicht genug, die neoklassische Theorie des internationalen Handels unterstellt in ihrer Fixierung auf die relativen Preise von Arbeit und Kapital, dass auch Investitionen, die von Produzenten aus Ländern mit hoher Produktivität in Ländern mit niedriger Produktivität und niedrigen Löhnen getätigt werden, sich jederzeit dem Diktat der relativen Preise beugen. Das bedeutet dann, dass man unterstellt, dass der Produzent eines mobilen Telefons, der seine Produktion nach China verlagert, für die Produktion in China eine völlig neue Technologie erfindet, die wesentlich arbeitsintensiver als in Deutschland ist, um dem relativen Preis von Arbeit und Kapital Genüge zu tun. Das ist mehr als lächerlich. Da fehlen einem die Worte.

Auf diese mehr als erstaunliche Deutung verfällt die neoklassische Gleichgewichtstheorie, weil sie unterstellt, dass Unternehmen keinen Gewinn machen. Vor allem dürfen die Unternehmen keinen Gewinn machen, der monopolistischen oder sonstigen Vorsprüngen entspringt. Wenn also der deutsche Produzent eines mobilen Telefons nach China geht, dann schmeißt er, nach dieser Vorstellung, seine in Deutschland erfolgreich angewendete Technologie weg, erfindet für China eine neue arbeitsintensive Technologie, mit der er das gleiche Produkt in gleicher Qualität herstellen kann, und bietet dann mit der niedrigen Produktivität das Produkt zu genau dem gleichen Preis und ohne Zusatzgewinn an, zu dem er es in Deutschland produziert hätte.

Damit verzichtet er – laut neoklassischer Theorie – natürlich auf den wunderbaren Gewinn, den er  gemacht hätte, wenn er die hohe deutsche Produktivität mit den niedrigen chinesischen Löhnen verbunden hätte. Dann hätte er nämlich seine Lohnstückkosten, also die Produktivität dividiert durch die Löhne deutlich senken können…

Aber auf diese Zusatzgewinne verzichtet der Unternehmer laut Neoklassik, denn er soll (!) ja keinen Gewinn machen. Nach der Theorie, die die gesamte Volkswirtschaftslehre seit 200 Jahren beherrscht, darf er keinen Gewinn machen. Und wenn er doch Gewinn macht, dann wird er nicht von dieser Theorie erfasst, und der Unternehmer ist kein richtiger Unternehmer und der Markt ist kein richtiger Markt. Wenn Sie jetzt lachen, hoffe ich, dass Ihnen das Lachen im Halse stecken bleibt. Das ist nämlich todernst. Auf der Basis einer solchen Theorie basiert immer noch die gesamte Freihandelsideologie dieser Welt. Wenn wir nämlich nur beginnen würden, die unglaublichen Monopoleffekte, die durch ausländische Direktinvestitionen erzielt werden, in die Überlegungen zur internationalen Handelstheorie einzubeziehen, dann müssten wir unmittelbar diese Theorie und das gesamte auf ihr errichtete ideologische Gebäude vom freien Handel sofort und für immer über Bord werfen.

Direktinvestitionen haben heute so gewaltige Effekte, dass man zum Beispiel den chinesischen Handel in keiner Weise mehr mit dem Handel eines der westlichen Industrieländer vergleichen kann. Der chinesische Handel besteht nämlich zum großen Teil aus dem Handel von westlichen Unternehmen, die ihren Standort in China haben. Man schätzt, dass 60-70 % der gesamten Exporte Chinas nicht Exporte chinesischer Unternehmen sind, sondern Exporte solcher ausgelagerter westlicher Unternehmen. Das ist horrend, zeigt es doch, dass wir das chinesische Wunder mit ganz anderen Augen betrachten müssen.

Der hohe Anteil des Handels fremder Unternehmen in China zeigt aber auch, dass die Begründung für Freihandel auf völlig anderen Füssen stehen muss. Man kann Freihandel durchaus prinzipiell bejahen, wie ich das tue, man muss allerdings die Prinzipien des Freihandels als viel weniger heilig und unumstößlich betrachten, wenn man die Theorie des Handels auf Zusammenhängen aufbaut, die realistisch sind.

Nimmt man alles zusammen, bleibt ehrlicherweise nur eine einzige Schlussfolgerung: Der internationale Handel mag frei sein, wir wissen jedoch nichts darüber, ob er effizient ist. Genau die Gleichsetzung von Effizienz und Freiheit ist es aber, die den Studenten der Ökonomie schon im ersten Semester eingetrichtert wird. Lösen wir uns davon, müssen wir überprüfen, ob irgend ein Eingriff in den freien Handel, gemessen an ganz anderen Prinzipien als sie bisher zu Grunde lagen, effizient oder nicht effizient ist. Die einfache Überlegung, die den Ökonomen und den Politikern das Leben so leicht gemacht hat, dass nämlich jeder Eingriff in den freien Handel schädlich und ineffizient ist, müssen wir zu den Akten legen. Ein Land, das sich gegen den massiven Import aus einem anderen Land wehrt, in dem Unternehmen mit extrem hohen Monopolgewinnen hohe Produktivität mit niedrigen Löhnen kombinieren, ist nicht ohne Weiteres zu verurteilen. Diese Maßnahme kann insgesamt die Situation der Welt verbessern, weil sie verhindert, dass durch solche Monopolgewinne im Prinzip gesunde Unternehmen im Inland geschädigt werden.

Das wunderbar harmonische Bild des Freihandels wird in Deutschland auch dadurch gestört, dass man dauernd in der Zeitung liest, welches deutsche Unternehmen gerade wieder mal Weltmarktführer geworden ist und die Konkurrenz gnadenlos abgehängt hat. Auch die klammheimliche oder sogar offen zur Schau getragene Freude, dass ein Land mit 80 Millionen Einwohnern „Exportweltmeister“ in absoluten Größen war und lange Zeit ein 1,3 Milliardenvolk niederhielt, müsste eigentlich Anlass zum Nachdenken darüber sein, ob die von der Freihandelsdoktrin vorgegaukelte Harmonie irgendeine Entsprechung in der realen Welt hat.

Noch schlimmer ist, dass einige Länder versuchen, nur zu exportieren und nicht zu importieren. Globale Ungleichgewichte heißt dieses Phänomen seit einigen Jahren. China, Deutschland, Japan und die Schweiz, um die wichtigsten zu nennen, tun so, als ob sie auf Dauer die Welt mit ihren Produkten beglücken können, ohne selbst jemals ihre Importe so stark steigern zu müssen, dass die defizitären Handelspartner irgendwann einmal ihre Schulden zurückzahlen können.

Wie absurd die traditionelle Freihandelsideologie ist, zeigt auch eine einfache Modellrechnung, die aber auf vollkommen realistischen Verhältnissen beruht. Nehmen wir einmal an, im Jahr 1999 hätten alle vergleichbaren amerikanischen und deutschen Produkte im Durchschnitt einhundert US-Dollar gekostet, was ein gewisses Gleichgewicht im Handel dargestellt hätte. Danach aber sanken die Preise der deutschen Produkte, bis sie im Jahr 2002 ein Drittel niedriger waren, also bei 66 Dollar lagen, während die amerikanischen weiter stiegen und im gleichen Jahr 115 Dollar erreichten. Folglich gewannen die deutschen Exporteure und die heimischen Produzenten in erheblichem Maße Marktanteile zulasten der amerikanischen Wettbewerber. An dieser dramatischen Auseinanderentwicklung war aber keineswegs, wie man auf der Basis der Freihandelslehre glauben könnte, die Handelspolitik beteiligt, sondern einzig und allein der damals fallende Wechselkurs des Euro und die in Deutschland unter erheblichem politischen Druck zustande gekommene Lohnzurückhaltung.

Beides aber, Wechselkursänderungen und Lohndumping eines Landes, hat nach allen offiziellen Bekundungen auf beiden Seiten des Atlantiks überhaupt nichts mit Handelspolitik zu tun, obwohl es für die Handelsströme tausend Mal wichtiger ist als alles, was man in einer ähnlich kurzen Zeit in der Handelspolitik veranstalten könnte.

Im Gegensatz zu handelspolitischen Maßnahmen oder dem Drohen mit denselben, sind weder gewaltige Wechselkursänderungen noch Lohndumping Gegenstand der Freihandelsideologie oder irgendeiner internationalen Verhandlung über fairen Handelsaustausch. Im Klartext: Handelspolitiker oder solche, die über Handelspolitik reden, treffen üblicherweise ihre Urteile aufgrund einer Doktrin, die mit der realen Welt praktisch nichts zu tun hat. Heute mit der Handelspolitik die Handelsströme steuern zu wollen, ist so, als ob man mit Uhrmacherwerkzeug ein Auto reparieren will. Über die eigentlich relevanten Fragen wird überhaupt nicht gesprochen. Was die globalisierte Wirtschaft viel dringender braucht als eine doktrinäre Auseinandersetzung über Handelspolitik, ist eine Wechselkurssystem, das verhindert, dass sich einzelne Länder über Lohndumping oder ähnliche Maßnahmen über lange Zeit ungerechtfertigte Vorteile verschaffen. Oder, und das ist die andere Seite der gleichen Medaille, dass von Spekulanten am Kapitalmarkt getriebene Wechselkurse, wie vor der Krise in vielen Ländern Osteuropas, die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften auf eine Weise zerstören, dass nur durch eine große nationale Krise und eine massive Abwertung der Währung die Dinge wieder ins Lot zu bringen sind.

Aber stellen wir uns vor, wir würden tatsächlich den Mut besitzen, dies alles offen auszusprechen, dies den Politikern ins Gesicht zu sagen, was für ein Chaos würde ausbrechen. Einmal der einfachen Marktideologie entronnen, wird die Welt tatsächlich komplex, sie wird schwer durchschaubar, sie wird offen für Machtverhältnisse, die ganz anderer Art sind als diejenigen, die wir durch die herrschende Ideologie gefördert haben. Davor fürchten sich alle. Davor fürchten sich die Ökonomen so sehr, dass sie in dieser Gefahr den Versuch, Wissenschaftler zu sein, sofort aufgeben. Lieber wollen sie eine ideologische Leere verteidigen, als über das Chaos nachzudenken. Lieber wollen sie an eine heile Welt glauben, als jeden Tag aufs Neue sich mit der Frage auseinandersetzen zu müssen, ob das, was da draußen geschieht, vernünftig oder unvernünftig ist.

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