Warum es so schwer zu verstehen ist, dass in einer Währungsunion die Reallöhne immer der Produktivität folgen müssen

Viele argumentieren gegen die von uns hier vertretene Lohnregel (Reallöhne müssen wie die Produktivität steigen), auch in einer Währungsunion müsse es doch möglich sein, eine nationale Lohnpolitik im Sinne der Neoklassik zu betreiben (also durch Lohnzurückhaltung oder anders geartete „Flexibilisierung“ des Arbeitsmarktes), wenn die Arbeitslosigkeit in den Ländern der Währungsunion unterschiedlich hoch sei. Wäre das nicht so, sei doch die ganze Idee einer Währungsunion (oder absolut fester Wechselkurse) von vorneherein hinfällig und dann sei nur ein System flexibler Wechselkurse geeignet, eine nationale Beschäftigungspolitik zu erlauben.

Das klingt auf den ersten Blick einleuchtend, aber die Dinge sind leider nicht so einfach. Es gibt sozusagen kein Naturgesetz in einer monetären Marktwirtschaft, nach dem man auf neoklassische Art und Weise Arbeitslosigkeit bekämpfen können muss. Nehmen wir zunächst den Fall einer vollkommen geschlossenen Volkswirtschaft, also der Welt als Volkswirtschaft ohne Außenbeziehungen. Senkt man wegen vorherrschender Arbeitslosigkeit (die mit mangelnden Investitionen wegen unterausgelasteter Kapazitäten einhergeht) die Nominallöhne in einer solchen Wirtschaft – das haben wir schon einige Male dargelegt –, dann sinken wegen gewisser Preisrigiditäten vermutlich zunächst die Reallöhne der Arbeitnehmer und die Preise erst etwas später.

Der Rückgang der Reallöhne und damit der Realeinkommen führt zu einem Rückgang der Nachfrage, was verhindert, dass der neoklassische Nexus (also eine Ausweitung der Beschäftigung über eine Substitution von Kapital durch Arbeit) überhaupt zum Zuge kommt. Die Idee, dass zeitgleich mit dem Reallohnrückgang die Beschäftigung steige und es deshalb nicht zu einem Rückgang der Realeinkommen insgesamt komme, ist falsch, da der Ausgangspunkt ja bereits eine Unterauslastung der Kapazitäten war; die Unternehmen brauchen erst mal ein positives Absatzsignal, bevor sie Leute neu einstellen. Vermutlich ist daher in puncto Beschäftigung das Gegenteil des Angestrebten der Fall: Nach der Lohnsenkung dürfte die Beschäftigung unmittelbar sinken, wie derzeit in Südeuropa zu beobachten.

Gibt es kaum Preisrigiditäten, d.h. fallen die Güterpreise in Reaktion auf die Nominallohnsenkung sehr schnell – das ist der andere mögliche Fall –, dann kommt es gar nicht zu einer Reallohnsenkung und die Neoklassik, die ja explizit auf den Zusammenhang Reallohn – Beschäftigung abstellt, hat schon ausgedient, bevor man sie überhaupt eingesetzt hat.

Wenn aber ein bestimmter Ablauf schon in einer geschlossenen Wirtschaft nicht möglich ist, warum sollte er dann in einer Währungsunion funktionieren? Man kann ja dann nicht mehr argumentieren, dass nationale Wirtschaftspolitik dieses Mittel doch erfolgreich einsetze und man folglich an Autonomie und Handlungsfreiheit verliere, wenn man es in einer Währungsunion nicht einsetzen dürfe. Nein, nationale Wirtschaftspolitik würde vielleicht versuchen es einzusetzen, aber es würde nicht gelingen. Oder konkreter: Die deutsche Wirtschaftspolitik hat dieses Mittel eingesetzt und es hat ausweislich der Eurokrise nicht funktioniert bzw. nur zu dem Preis, dass wir jetzt vor einem europäischen Scherbenhaufen stehen. Was also ist verloren, wenn man dieses Mittel von vorneherein als unzulässig bezeichnet? Wenn die Neoklassik nur eine Fiktion ist, macht es keinen großen Sinn, darauf zu beharren, man müsse eine Fiktion einsetzen dürfen.

Bei flexiblen Wechselkursen ist es nicht besser. Wenn das System funktioniert, folgt der Lohnsenkung auf dem Fuße eine Aufwertung der eigenen Währung, die jeden außenwirtschaftlichen Effekt zunichte macht und Bedingungen wie in einer geschlossenen Volkswirtschaft schafft. Wenn man Pech hat, kommt es aber zum Überschießen des Wechselkurses und man verliert noch mehr an Beschäftigung als im Fall der geschlossenen Wirtschaft; und auf jeden Fall endet man in Deflation.

Damit kommen wir zu einem völlig paradoxen Ergebnis: Nationale Beschäftigungspolitik im neoklassischen Sinne ist überhaupt nur in einer Währungsunion möglich und zwar nur auf Kosten der Währungspartner. Nur in einer Währungsunion kann man durch relative Lohnsenkung die eigene Beschäftigung zu Lasten der Nachbarn ausweiten, zumindest so lange, wie die stillhalten und nicht das Gleiche versuchen.

Wie so oft schlägt uns unser angelernter einzelwirtschaftlicher Verstand auch bei dieser Frage ein Schnippchen, weil er uns suggeriert: Ich brauche eigentlich nur Handlungsfreiheit, dann kann ich tun, was ich tun muss, um erfolgreich zu sein, aber die Währungsunion nimmt mir diese Handlungsfreiheit. Das ist wohl ein Überbleibsel aus der Steinzeit, jedenfalls aus der Zeit, in der jeder auf sich allein gestellt das Mammut jagte. In einem größeren Team, in einer Jagdgesellschaft wie in einer Fußballmannschaft, muss man – tatsächlich mühsam und über Jahre – lernen, wie man mannschaftsdienlich und damit für alle zusammen erfolgreich spielt. Den eigenen Freiheitsdrang gilt es hintanzustellen. Nur die Allerkleinsten rennen alle immer sofort zum Ball.

Anmelden