Was schreibt die Konkurrenz?

Wirtschaftsbücher gibt es viele, und bei Verwendung der Funktion Blick-ins-Buch von Amazon las ich jetzt folgendes:

„Die enormen Exporteinnahmen führten dazu, dass China geradezu im Geld schwamm. Und was tat es mit diesem Geld? Ein demokratisches Land hätte sich wohl verpflichtet gefühlt, die riesige Summe an Yuan zu nehmen, die ins Land strömte, und sie in Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Forschung, Infrastruktur, medizinische Versorgung, höhere Löhne für Staatsbeamte, höhere Versorgungsleistungen und was es sonst noch alles gibt zu investieren. Ein nicht-demokratisches Land ist einem solchen Druck nicht ausgesetzt, jedenfalls nicht in gleicher Weise. China nahm seinen beispiellosen Handelsüberschuss und investierte Unsummen in die USA – vor allem in die amerikanischen Staatsschulden. Die Chinesen kauften US-Schatzwechsel für die gigantische Summe von 699 Milliarden Dollar, und das sind nur die offiziell registrierten Käufe. Darüber hinaus gab es noch unzählige Ankäufe von Wertpapieren und Anleihen, die ebenfalls in US-Dollar notiert waren. Statt also das eigene Geld auszugeben, entschied sich China dafür, die Ausgaben der USA zu finanzieren. Man kann sich darüber streiten, inwieweit das für die Kreditblase verantwortlich war, aber der grundsätzliche Verlauf liegt klar zu Tage. Die chinesischen Fabriken drückten die amerikanische Inflation nach unten, indem sie dafür sorgten, dass die Waren billig blieben, und das in einer Zeit, in der die Preise normalerweise gestiegen wären, und gleichzeitig erlaubten die chinesischen Investitionen der US-Regierung, günstig an Kredite zu kommen und noch mehr Geld auszugeben.“

Das ist ein Auszug aus einem populärwissenschaftlichen Buch von John Lanchester: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt. Klett-Cotta, 3. Auflage 2013, S. 135.

Sie werden beim Lesen gemerkt haben, wo es hier hakt. John Lanchester beschreibt die chinesischen Handelsüberschüsse und den dazu parallelen Aufbau von Währungsreserven und hinterfragt dann kritisch, was die „undemokratischen Chinesen“ mit diesem Geld gemacht haben. Sie haben Kredite vergeben, also Wertpapiere und Anleihen gekauft, darunter vor allem US-amerikanische Staatsanleihen.

Das Problem ist, dass ein Leistungsbilanzungleichgewicht zwingend zu einer solchen Kreditvergabe führt, wenn ich als Land nicht gerade vorhabe, meine Überschüsse zu verschenken. Aber niemand hat John Lanchester das erklärt. Liegen Überschüsse im Handel für den betrachteten Zeitraum vor, so geht es bei der Verwendung dieser Überschüsse nicht um eine Frage des guten oder schlechten Willens auf dieser oder auf jener Seite des Stillen Ozeans, sondern die Kredite sind eine unvermeidliche Folge buchhalterischer Logik. Dass von der Zentralbank angehäufte Devisenreserven nicht einfach im Inland ausgegeben werden können, diesen Zusammenhang haben auch bessere Ökonomen nicht verstanden und wir werden demnächst im Detail darauf eingehen.

Da wäre es schon interessanter gewesen, John Lanchester hätte uns beschrieben, woher die chinesischen Leistungsbilanzüberschüsse in den fraglichen Jahren gekommen sind, also der große Überschuss der Exporte über die Importe. Wie haben sich in dieser Zeit die chinesischen Löhne und die Produktivität entwickelt, wie die Preise für die Exportgüter? Welche Rolle spielt die chinesische Zentralbank und ihr Eingreifen am Devisenmarkt? Das sind alles interessante Fragen, aber davon sehe ich hier nichts.

Wir nehmen diesen Ausflug in die Wirtschaftsliteratur als Gelegenheit für eine uns sonst natürlich fern liegende Werbung in eigener Sache. Sparen Sie sich die 19,95 Euro, die dieses Buch kostet, und bei dem weder Autor noch Lektor je von den genannten und eigentlich einfachen saldenmechanischen Zusammenhängen gehört haben. Lesen Sie besser flassbeck-economics.de – wo die meisten Artikel, wie z.B. dieser hier, zudem kostenlos sind.

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