Archiv flassbeck-economics | 12.07.2013 (editiert am 25.05.2016)

Der Freihandel bringt Millionen neue Jobs oder wie man sich selbst in die Tasche lügt und das Volk wunderbar verwirrt

Wir haben schon im Februar die Idee eines Freihandelsabkommens zwischen den USA und Europa mit großer Skepsis kommentiert, aber der Hype um die einzige Idee, die die Regierenden dies- und jenseits des Atlantiks ihren Völkern in mageren Zeiten zu präsentieren haben, geht natürlich weiter. Und wie immer in solchen Fällen werden schnell „Studien“ aus der Tasche gezogen, die dem unwissenden Volk weismachen sollen, dass gegen ein solches Abkommen die gebratenen Tauben im Paradies nur trockene Hühner sind. Und wie so oft ist es das ifo-Institut, das sich besonders hervortut bei der Berechnung unberechenbarer Dinge – finanziert von einer „staatstragenden“ Stiftung wie Bertelsmann.

Wie berechnet die herrschende Lehre die Folgen eines Freihandelsabkommens (das mit den USA soll Transatlantic Trade and Investment Partnership, kurz TTIP, heißen)? Nun, immer auf die gleiche Weise. Man hat ein schönes Modell, ein Gleichgewichtsmodell natürlich (vgl. S. 5 der genannten Studie), weil die Welt ja meist im Gleichgewicht ist, und baut in dieses Gleichgewichtsmodell Kostenersparnisse ein, die sich bei einem solchen Abkommen ergeben könnten. Wenn also in Europa die Milch nach Abschluss eines solchen Abkommens noch billiger wird, weil die Farmen in den USA noch bessere Turbokühe züchten können als ihre europäischen Kollegen, dann ist die billigere Milch ein Handelsgewinn, der aus dem Abbau von Handelskosten resultiert, weil die über den Atlantik geflogene Milch ja weniger kostet. Oder wenn die europäischen Autobauer den letzten Standorten der amerikanischen Autoindustrie den Rest geben, ist das für die Amerikaner ein Handelsgewinn, denn sie haben dann ja billigere Autos.

Weil in einem Gleichgewichtsmodell immer alles im Gleichgewicht ist, ist auch der Arbeitsmarkt jederzeit im Gleichgewicht, und es gibt automatisch mehr Jobs, wenn Kosten sinken. Die Autoren haben das selbst sehr schön auf den Punkt gebracht: „What effect does elimination of the trade barriers in transatlantic trade have on the unemployment rate? How many jobs are created? And how do real wages change? To answer these questions, we consider first the unambitious tariff scenario and afterwards describe the effects of a deep liberalization. At this point we would like to point out that our model has intentionally removed the economy-induced changes in the unemployment rate and only investigates the long-term or accumulated effects of trade liberalization on the unemployment rate. That means that the numbers presented below are to be considered long-term results or equivalent to changes in employment independent of the economic cycle. That means, for example, that a 1 percentage point drop in the unemployment rate reduces the unemployment rate during both an upswing and a downswing of the economy by 1 per cent.“ (Seite 34 ebendort).

Das Modell betrachtet also nicht die Effekte, die Veränderungen in der Wirtschaft auf den Arbeitsmarkt haben (“economy-induced changes”), sondern lediglich die Effekte, die sich “langfristig” durch die Handelsliberalisierung ergeben, wobei langfristig nichts mit einer wirklich langen Frist zu tun hat, sondern nur mit dem Vergleich zwischen dem einen Gleichgewichtspunkt, mit dem man angefangen hat, und dem nächsten, der sich nach der Reduktion der Handelskosten ergibt.

Wie dabei Arbeitsplätze geschaffen werden, ist unklar, denn selbst wenn der Abbau von Handelsschranken einen positiven Produktivitätseffekt auf beiden Seiten hätte (was völlig offen ist), bedeutet der Produktivitätssprung ja gerade nicht mehr Arbeitsplätze, sondern bei entsprechend steigendem Einkommen im besten Fall eine unveränderte Zahl von Arbeitsplätzen. Steigen die Einkommen jedoch weniger als die Produktivität, sinkt die Zahl der Arbeitsplätze sogar.

Aber da schleicht sich dann vermutlich die Neoklassik in die Studie und das ihr zugrunde liegende Modell: Produktivitätszuwächse werden in dieser Modellwelt zwar wohl nicht voll in den Reallöhnen weitergegeben. Aber das sich so weniger verschiebende Faktorpreisverhältnis (Lohn zu Zins) verhindert, dass die Arbeitslosigkeit steigt. Denn es bewirkt eine geringere Substitution von Arbeit durch Kapital, als bei voller Weitergabe der Produktivität in den Löhnen, wodurch dann übrigens ein Teil des Produktivitätseffektes wieder zurückgenommen wird. Die Reallöhne können zwar immer noch steigen (worauf man verweist, ohne den Mechanismus genau zu benennen), aber nicht so viel, wie es eigentlich möglich wäre. Dass die Zahl der Arbeitsplätze auch, oder besser gesagt: gerade nur bei voller Weitergabe des Produktivitätswachstums in den Reallöhnen per Saldo zunähme, kommt in der Neoklassik nicht vor.

In der Welt dieses Gleichgewichtsmodells gibt es selbstverständlich auch keine Handelsungleichgewichte, wie sie das Verhältnis Deutschlands zu den USA seit vielen Jahren prägen. Deswegen kann man auch nichts dazu sagen, ob am Ende der Verhandlungen eine Lösung gefunden werden kann, bei der Deutschland seinen gewaltigen Überschuss abbaut und wie das arbeitsplatzneutral erfolgen soll. Der Großteil des Beschäftigungsaufbaus in Deutschland in den vergangenen Jahren ist ja gerade nicht einem Produktivitätseffekt im internationalen Handel zuzuschreiben, sondern den absoluten Vorteilen, die Deutschland nur deswegen erzielen konnte, weil die anderen europäischen Partner im Gefolge des deutschen Lohndumpings an Wettbewerbsfähigkeit verloren und der Euro im Verhältnis zum US-Dollar nicht die deutsche Stärke reflektierte, sondern den europäischen Durchschnitt. Versucht Europa insgesamt, den deutschen Weg zu gehen, und das ist das erklärte Ziel der Reformen in der Europäischen Währungsunion, muss der Euro früher oder später aufwerten und jedes Ergebnis, das das Freihandelsabkommen potenziell erreichen könnte, ist in Frage gestellt.

So ist das Ganze ein großes Buhei ohne einen realen Hintergrund. Schaut man die Ergebnisse an, die von den Initiatoren der Studie angepriesen werden, sieht man selbst daran, dass es sich hier um einen großen Bluff handelt. In der Pressemitteilung der Bertelsmannstiftung heißt es: „The TTIP is not a zero sum game, however, but instead generates real gains in public welfare due to the reduction of trade costs; in principal, therefore, all countries can profit from this reduction. Average per capita income throughout the world would rise by 3.3 per cent.” Also von einem Gleichgewichtspunkt zum anderen solle das durchschnittliche Einkommen (offenbar nominal) um 3,3 Prozent steigen und die Gesamtzahl der Arbeitsplätze um zwei Millionen zunehmen. Würde man das Ergebnis akzeptieren, aber über viele Jahre strecken, was auf jeden Fall unumgänglich ist, käme man nahe Null heraus. Bei 600 bis 700 Millionen Arbeitnehmern in den USA und Europa sind zwei Millionen über mehrere Jahre ein geradezu lächerlicher Zuwachs. Jedes Jahr einer normalen wirtschaftlichen Entwicklung mit im Zuge des Produktivitätsfortschritts steigenden Reallöhnen in diesem riesigen Wirtschaftsraum müsste mit der Schaffung von mindestens drei Millionen Arbeitsplätzen (0,5 Prozent Zuwachs) enden.

Würde man die Energie und die politische Aktivität statt auf dieses in vieler Hinsicht fragwürdige Projekt darauf verwenden, für Normalität in der wirtschaftlichen Entwicklung in einem so großen Binnenmarkt zu sorgen, könnte man hundertmal mehr erreichen als mit dem TTIP. Würde man gar begreifen, dass Wettbewerbsfähigkeit ein Nullsummenspiel ist, und würde man verstehen, wie die Politik bei der Schaffung der Bedingungen für eine wirtschaftliche Dynamik systematisch versagt, könnte man sich den Versuch, alles zu harmonisieren, was oft aus guten Gründen zwischen den Wirtschaftsräumen unterschiedlich ist, vollkommen sparen.

In ein paar Jahren wird man, wie immer in solchen Fällen, die „Studien“, die dem politischen Kraftakt zugrunde lagen, schnell vergessen haben. Wie viele sinnlose Studien hat es zum europäischen Binnenmarkt und zur europäischen Währungsunion gegeben, die mit der Berechnung von riesigen Einkommensgewinnen und Millionen von Arbeitsplätzen den Bürger für diese Projekte einnehmen sollten. Was ist davon geblieben? Sie waren das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt waren. Wer mit der falschen Theorie an die Dinge herangeht, wird sich immer irren, ganz gleich, wie viele Millionen Euro von interessierten Sponsoren für diese Studien aufgebracht werden.

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