Archiv flassbeck-economics | 31.07.2013 (editiert am 25.05.2016)

Wie geht es weiter mit der Weltwirtschaft? – Eine Einschätzung

Prognosen sind schwierig, man weiß es, weil sie die Zukunft betreffen. Dennoch ist es wichtig, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie es weitergehen könnte, wenn man Entscheidungen zu treffen hat, die weit in die Zukunft reichen oder wenn man Fehlentwicklungen schon im Entstehen entgegenwirken will. Wir wollen hier auf flassbeck-economics keine Prognose im üblichen Sinne machen, dazu fehlen uns noch die Zeit und die Mitarbeiter, wir wollen aber jeweils vor Beginn der Sommerpause eine fundierte Einschätzung aus unserer Sicht geben, das heißt, aus der Sicht einer alternativen ökonomischen Theorie.

Das Übel bei den traditionellen Prognosen beginnt nämlich schon mit der Theorie. Seriöserweise, das werden wir weiter unten begründen, kann man überhaupt nur eine Prognose machen, die auf der Nachfrageseite der Volkswirtschaft und das heißt bei der Einkommensentwicklung der Massen ansetzt. So wurden auch jahrzehntelang praktisch alle Prognosen gemacht, bis die Angebotstheoretiker anfingen, sich davon zu distanzieren. Denn, so ihre Argumentation, wie kann man für richtig halten, das alles Wichtige auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft zu finden ist, wenn man sich bei den Prognosen hauptsächlich auf die Nachfrageseite stützt. Die Verteidigung der reinen Lehre hat dereinst beim Sachverständigenrat sogar dazu geführt, dass man die Gliederung des Gutachtens änderte, nur um deutlich zu machen, dass vor allem auf der Angebotsseite die Musik spielt.

Allerdings ist man nicht weit gekommen mit den Prognosen von der Angebotsseite. Es gibt eben keine Theorie, die uns sagen würde, wie viel die Unternehmen investieren, wenn die Angebotsbedingungen gut, die Nachfragebedingungen aber schlecht sind. Zu glauben, die Unternehmen investierten auf Teufel komm raus, wenn sie nur auf hohen Gewinnen sitzen, weil die Steuern und die Löhne niedrig sind, hat sich selbst im Exportwunderland Deutschland als falsch erwiesen, wie wir hier vor einigen Tagen gezeigt haben. Damit ist jede Prognose von der Angebotsseite schon am Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat und deswegen werden natürlich alle Prognosen auch von den härtesten Angebotstheoretikern weiter von der Nachfrageseite her gemacht, aber sie sagen es einfach nicht.

Es gibt allerdings auch bei der Prognose von der Nachfrageseite für relativ kleine offene Volkswirtschaften ein Problem, das nicht leicht überwunden werden kann, das ist der Außenhandel. Neben den inländischen Determinanten der Nachfrageentwicklung muss man auch die ausländischen kennen und man muss abschätzen, wie viel von der ausländischen Nachfrageentwicklung der eigenen Volkswirtschaft zu gute kommt. Das ist nicht einfach und die Quelle vieler Fehler in den Prognosen. Deswegen wollen wir es uns hier „leicht“ machen und gleich über die ganze Welt nachdenken. Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass die Welt eine vollkommen geschlossene Volkswirtschaft ist, die also weder Export noch Import kennt. In der Welt ist das absolut entscheidende Aggregat auf der Nachfrageseite der private Konsum und das hängt von der Einkommensentwicklung ab. Wenn man also abschätzen will, wie sich die Weltkonjunktur in den nächsten zwölf Monaten entwickelt (weiter sollte man auf keinen Fall versuchen zu schauen), muss man versuchen, die voraussichtliche Entwicklung der Einkommen der Massen, die Masseneinkommen also, zu erfassen. Wenn man das für die USA, für Europa, für Japan und China tut, hat man einen so großen Teil der Weltwirtschaft im Blick, dass man ganz große Fehler eigentlich nicht mehr machen kann.

Beginnen wir mit den USA. Wir haben einen Vergleich der letzten sechs Zyklen gemacht für die Entwicklung des realen Einkommens der privaten Haushalte. Verglichen wird die Entwicklung dieser Einkommen im Zeitablauf und zwar auf zwei verschiedene Weisen. Im ersten Bild ist die Veränderung dieses Aggregats so eingezeichnet, dass der Tiefpunkt der amerikanischen Konjunktur (gemessen an der Industrieproduktion) gleich 100 gesetzt wurde, im zweiten ist das fünfte Quartal vor dem Tiefpunkt gleich hundert gesetzt.

Abbildung 1

Abbildung 2

Man erkennt in beiden Abbildungen ohne weiteres, dass die jüngste Entwicklung, also die Entwicklung seit der großen Finanzkrise vollkommen aus dem Rahmen früherer Zyklen fällt. Nach dem Tiefpunkt sind die realen Einkommen der Haushalte noch mehrere Quartale weiter gesunken, bevor sie begannen leicht zu steigen. Besonders deutlich wird das, wenn man, wie in der zweiten Graphik geschehen, den Verlauf in die Rezession hinein und wieder heraus betrachtet. Drei Jahre nach Beginn des sogenannten Aufschwungs hat das Einkommen noch nicht wieder den Wert erreicht, von dem ab es den Abstieg begann. Bis zuletzt bleibt bei beiden Betrachtungen der Zuwachs weit hinter dem in früheren Zyklen erreichten zurück.

Nach Angaben der Economic Indicators, die vom Council of Economic Advisers herausgegeben werden, stieg das real verfügbare Einkommen pro Einwohner in den USA (also nach persönlich zu zahlenden Steuern und Abgaben) nach dem tiefen Einbruch von 2009 (-3,7 %) in den drei Folgejahren zusammen nur um etwa 2,5 Prozent und weist auch im Verlauf von Quartal zu Quartal seit Mitte 2012 keinen Zuwachs mehr auf. Bei dieser Gesamtentwicklung, die ja auch die höchsten Einkommen enthält,  muss man davon ausgehen, dass die Entwicklung der mittleren und geringen Einkommen noch wesentlich schlechter läuft. So ist es wieder einmal nur einer Verringerung der Sparquote zuzuschreiben, dass der Konsum noch leicht steigt.

Das ist unseres Erachtens der entscheidende Grund dafür, dass trotz extrem expansiver Geldpolitik auch die USA fünf Jahre nach der Finanzkrise noch nicht die Rückkehr zu einem sich selbst tragenden Aufschwung geschafft haben. Es kommt hier zum Ausdruck, was wir seit Anfang des Jahres als die entscheidende Fehlentwicklung des gesamten marktwirtschaftlichen Systems bezeichnet haben. Die von der Finanzkrise verursachte hohe Arbeitslosigkeit drückt auf die Löhne und das in einer Situation, wo die Löhne ohnehin in den meisten Ländern der Welt sehr niedrig sind oder kaum steigen, wo es jedenfalls massive Verluste in der Einkommensverteilung zulasten der Arbeiter gegeben hat. Das ist eine sehr gravierende Fehlsteuerung des Systems, weil diese Arbeitslosigkeit eben nicht, wie die herrschende Lehre üblicherweise unterstellt, lohnbedingt war. Folglich ist der Druck auf die Löhne als Folge hoher Arbeitslosigkeit unsinnig und gefährlich, weil er die wichtigste Quelle des Nachfragewachstums zum Erliegen bringt. Es ist möglich, dass die USA dank sinkender Sparquote der privaten Haushalte den leichten Aufschwung erhalten können, den sie nach der Krise in Gang gesetzt haben. Eine wirkliche Rückkehr zu dynamischem Wachstum, getragen von Investitionen in Sachanlagen, wird es nicht geben, so lange die Wirtschaftspolitik nicht begreift, dass die berühmte Flexibilität des Arbeitsmarktes ein entscheidender Nachteil ist, wenn man Finanzkrisen erlebt und als große geschlossene Volkswirtschaft nicht für immer auf die Absenkung der Sparquote hoffen kann.

In Japan ist das gegenwärtige amerikanische Szenario das Standardszenario der letzten zwanzig Jahre. Nach dem Platzen der großen Blase am Ende der 1980er Jahre hat sich das Land nie mehr aus seinem deflationären Regime lösen können, weil die Einkommen unter dem Druck drohender Arbeitslosigkeit nicht mehr stiegen. In nominaler Rechnung zeigt das Bild den Bruch mit der Vergangenheit noch deutlicher als in realer Rechnung. Ob die neue Ausrichtung der Wirtschaftspolitik das ändern wird, kann man mit guten Gründen bezweifeln. Ohne eine durchgreifende Wende in der Einkommenspolitik wird der Umschwung nicht gelingen und Japan wird weiter auf Exportüberschüsse angewiesen sein.

Für Europa insgesamt gibt es leider keine kohärente Reihe für das verfügbare Einkommen, die weit genug zurück reicht, um einen ähnlichen Vergleich wie für die USA machen zu können. Wir haben daher aus Jahreswerten eine Reihe konstruiert, die nach der deutschen Vereinigung beginnt und die wichtigsten Länder enthält. Das Ergebnis ist verheerend. Während die USA und Japan sich bei den Jahreswerten bis 2012 noch in der Nähe der Ein-Prozent-Linie halten, stürzt Europa regelrecht unter die Null-Linie ab und auch in diesem Jahr wird der Absturz weitergehen.

Abbildung 3

Das Beispiel Japans zeigt, dass das systematische Drücken der Einkommen in einer Phase der Unsicherheit, also das, was Europa gerade praktiziert, extrem gefährlich ist, weil es keinen verlässlichen Mechanismus gibt, der dafür sorgen würde, dass es wieder nach oben geht, wenn man einmal tief gesunken ist. Selbst wenn die Einkommen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter sinken, gibt es keinen einfachen Weg zurück zur Normalität, weil die Arbeitslosigkeit ja weiter sehr hoch ist und die Übermacht der Arbeitgeber in dieser Situation verhindert, dass wieder normale Einkommenssteigerungen von den noch Beschäftigten erwartet werden können. Wenn die aber keine normalen Einkommenssteigerungen erwarten, fragen sie auch nicht so viel nach, wie man bräuchte, um die Kapazitäten auszulasten. Dann krebst die Wirtschaft auf der Talsohle herum und muss darauf warten, dass ein Wunder geschieht, nämlich die Wirtschaftspolitik fundamental geändert wird, ein gewaltiger Impuls von außen kommt oder noch größere Finanzblasen die Illusion von steigendem Vermögen schaffen.

Weil das Erreichen der Talsohle (kein weiterer Rückgang der Wachstumsraten) aber immer wieder den Eindruck erweckt, das Schlimmste sei überstanden (was von den Medien in vorauseilendem Gehorsam noch verstärkt wird), wartet die Politik ab in der Hoffnung, auch ohne ihr Zutun ginge es aufwärts. Das erweist sich zwar immer wieder als Irrtum, aber bis man das verstanden hat, geht viel Zeit ins Land. In Japan hat man immerhin zwanzig Jahre und mehrere Regierungswechsel gebraucht, um zu verstehen, dass es keine automatische Aufwärtsentwicklung gibt. Wie lange wird es wohl dauern, bis man sich in Europa zu dieser Erkenntnis durchringt?

China ist unter den großen Ländern das einzige, das sich noch immer in einem Regime stark steigender Einkommen befindet. Nachdem die Regierung vor einigen Jahren mit massiven Anhebungen des Mindestlohnes die Weichen gestellt hat, steigen nach Schätzungen der Regierung selbst, aber bestätigt von unabhängigen Organisationen, die Löhne und Gehälter nominal im zweistelligen Bereich und real nur wenig unterhalb der zehn Prozentgrenze. Das dürfte über dem Tempo des Produktivitätszuwachses liegen, wenn man auch hier als Faustregel rechnet, dass vom gesamten Wachstum etwa drei Viertel dem Produktivitätszuwachs zuzuschreiben sind und ein Viertel dem Beschäftigungszuwachs. Dazu passt, dass in den vergangenen Jahren auch der Konsum stark gestiegen ist, wenngleich die Konsumquote wegen der weit übermäßig steigenden Investitionen noch immer recht niedrig ist. China hat jedenfalls mit dieser Umsteuerung der Wirtschaft auf heimischen Konsum genau das getan, was in dieser Situation notwendig war. Es hat damit seine extreme Abhängigkeit vom Export verringert, hat den Leistungsbilanzüberschuss abgebaut (was zu nachlassender internationaler Kritik geführt hat) und hat die Weichen gestellt für ein weniger dynamisches, aber dafür nachhaltigeres Wachstum seiner Wirtschaft. Für den Rest der Welt hat das aber keine große Bedeutung, da China nun, nachdem sein Leistungsbilanzüberschuss weitgehend verschwunden ist, alles daran setzen wird, seine außenwirtschaftliche Situation zu stabilisieren, was heißt, nicht in eine Defizitsituation mit der entsprechenden Abhängigkeit von ausländischen Kapitalmärkten zu geraten. China wird damit nicht zu einer Lokomotive der Weltwirtschaft, und die Chancen für die anderen großen Blöcke, durch Exporte nach China ihre wirtschaftlichen Probleme zu lösen, sind äußerst gering.

Insgesamt gesehen kann man von der Weltwirtschaft keine großen Sprünge erwarten. Die USA und Japan werden bei weiterhin extrem expansiver Geldpolitik und wenig veränderter Finanzpolitik im Bereich geringer positiver Wachstumsraten verharren. Das bedeutet, dass verdeckte und offene Arbeitslosigkeit hoch bleiben werden, was auch in den Folgejahren die Chancen, zu einem sich selbst tragenden kräftigen Aufschwung zu gelangen, erheblich vermindert. Europa droht in eine Spirale noch höherer Arbeitslosigkeit und noch weiter fallender Löhne zu geraten.

Für die Wirtschaftspolitik der großen Blöcke bedeutet dieses Szenario, dass jede Form der Fortsetzung von Austeritätspolitik nur als töricht bezeichnet werden kann. Während die USA und Japan das verstanden haben, ist Europa davon noch weit entfernt. Die Weltwirtschaft ist weiterhin in einer extrem instabilen Lage und kann jeden Augenblick erneut kippen, wenn Finanzblasen platzen oder ein anderer Schock eintritt. Jeder der großen Blöcke müsste jetzt bemüht sein, die eigene Lage zu stabilisieren, und dafür sorgen, dass er einen selbsttragenden Aufschwung realisiert, der auf eigener Kraft beruht, aber nicht auf geliehener Nachfrage aus dem Ausland. Statt aber daran zu arbeiten, berauscht man sich in ideologischen Visionen über die perfekte Marktwirtschaft, die am Ende des schmerzhaften Austeritätspfades wie eine Fata Morgana am Horizont auftaucht. Wer aus eigener Kraft wachsen will, muss vor allen Dingen der Masse der Menschen versprechen, dass ihre Einkommen nicht weiter dem ungerechtfertigten Druck der hohen Arbeitslosigkeit ausgesetzt sind, sondern dass sie von nun an systematisch am Erfolg der Wirtschaft beteiligt werden.

Dass es zu einer globalen Wende in der Wirtschaftspolitik kommt, ist jedoch unwahrscheinlich. Zwar gibt es einige leichte Änderungen in der Gesamtausrichtung der globalen Politik, die man im jüngsten Communiqué der Finanzminister der G 20 erkennen kann, aber eine wirkliche Wende bedeutet das nicht. Sicher ist mit dem offensichtlichen Misserfolg die Überzeugungskraft der Anhänger der Austeritätspolitik dramatisch geschwunden, ich bin aber weit weniger optimistisch als etwa Anatole Kaletsky, der meint, aus den dürren Worten der G 20 eine wirkliche Wende ablesen zu können.

Europa ist trotz aller Überbrückungsmaßnahmen weiter in einer kritischen Lage. Wird die von Deutschland in den Vordergrund gerückte Ideologie nicht bald aufgegeben, wonach sinkende Löhne über steigende Wettbewerbsfähigkeit ganz Europa aus dem Sumpf ziehen können, kann man nur extrem pessimistisch in die Zukunft schauen. Ob Europa die extremen Spannungen, denen es damit auch weiterhin ausgesetzt sein wird, politisch überlebt, ist die große Frage, die heute aber niemand beantworten kann.

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