Gewerkschaften für kapitalgedeckte Rente oder wie man seine Ahnungslosigkeit der ganzen Welt vorführt

Von allen Fragen, die mir bei meinen Vorträgen gestellt werden, ist mit Abstand die häufigste, welche Interessen ich hinter einer Wirtschaftspolitik vermute, die fast immer auf Seiten der Unternehmen steht und gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge kaum zur Kenntnis nimmt. Man tut sich dann schwer, das Interessenargument vollständig zur Seite zu schieben und auf Verwirrung in den Köpfen zu verweisen, weil ja kein vernünftiger Mensch glauben mag, dass sich gute rationale Argumente nicht auf Dauer durchsetzen würden, stünden ihnen nicht mächtige Interessengruppen gegenüber. Das Beste, was man dem entgegnen kann, ist der Hinweis auf offenkundige Verwirrung auch bei den Gruppen, hinter denen man Unternehmerinteressen jedenfalls nicht ohne weiteres vermuten kann.

Ein schönes Beispiel dafür bietet nun der Deutsche Gewerkschaftsbund, der sich für eine Initiative stark macht, die zum Ziel hat, wegen der Alterung der Gesellschaft die Rentenbeiträge zu deckeln, ohne das Rentenniveau deutlich abzusenken. Zu diesem Zweck empfiehlt er die Schaffung eines Fonds, in den alle Arbeitnehmer einzahlen und dessen Erträge später die gesetzliche Rente ergänzen sollen. Das ist schon deswegen ziemlich erstaunlich, weil in diesen Tagen ja viel von den Problemen der Riester-Rente die Rede ist, die ja nichts anderes als ein solches Ansparmodell war.

Der eigentliche Skandal bei dieser Initiative aber ist, dass die massive Kritik, die gerade von solchen Ökonomen an dem Konzept der Kapitaldeckung geübt wurde, die den Gewerkschaften nahestehen, an der Spitze der Gewerkschaften offenbar vollkommen vorbeigegangen ist. Ich muss es im Nachhinein zugestehen, es ist in der Debatte um die Riester-Rente vor zehn Jahren nicht gelungen, mit dem einfachen und klaren Satz „Die Volkswirtschaft kann nicht sparen“ die Interessen-Bastionen, die die Versicherungskonzerne und Banken aufgebaut hatten, zu überwinden. Wenn aber heute, selbst nach dem offenkundigen Scheitern dieser Idee, die Gewerkschaften selbst mit einer neuen Fondsidee antreten und diesen einfachen Satz ignorieren, dann kann ich das Scheitern von vor zehn Jahren nicht mehr so leicht als den Sieg der Interessen über die Ideen interpretieren, sondern eher als einen profanen Sieg der Dummheit über die Vernunft, wie er alltäglich in allen politischen Kreisen passieren kann.

Man kann an diesem Beispiel besonders gut erkennen, wie schwer der geistige Sprung von der Einzelwirtschaft zur Volkswirtschaft ist. Es ist für einen Politiker oder Gewerkschaftsfunktionär die einfachste Sache der Welt, sich vor die Presse zu stellen und Forderungen zu stellen, die der Logik der „schwäbischen Hausfrau“ entsprechen (in der Initiative zum Ansparmodell wird diese moderne Meisterin des wirtschaftlichen Denkens, man fasst es nicht, sogar explizit als Vorbild für das Ansparen genannt). Es ist aber unendlich schwer, mit einem aus der Sicht des Politikers oder Gewerkschaftsfunktionärs abstrakten Argument auf der Basis gesamtwirtschaftlicher Logik etwas zu begründen oder zu verwerfen. Man müsste dieses Argument ja wirklich verstehen, man müsste es den staunenden Schwäbische-Hausfrau-Journalisten erläutern können, man müsste sich selbstbewusst über die Mikroeinwände hinwegsetzen und erklären, dass niemand, auch nicht die hohe Politik, die gesamtwirtschaftliche Logik außer Kraft setzen kann. Wie soll das gehen? Man müsste ja in dieser Sache gut ausgebildete Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre haben, und woher soll man die nehmen, wenn gesamtwirtschaftliches Denken nicht zum Schulfach gemacht wird, so wie Lesen, Schreiben und einfache Mathematik?

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