Rohstoffe im Lager, Kunde betrogen, Geld in der Bank

Gleich mehrere unserer Leser machen uns auf eine Geschichte in der New York Times aufmerksam, wo es um merkwürdige Transaktionen einer amerikanischen Firma geht, die Aluminiumläger betreibt und – oh Wunder – Goldman Sachs gehört. Wie die New York Times schreibt, wird Aluminium in großen Mengen von einem Lager dieser Firma zu anderen Lagern der gleichen Firma gefahren, ohne dass es ausgeliefert wird. Gleichzeitig aber, so der Bericht der NYT, haben sich die Auslieferungszeit für Kunden, die Aluminium physisch brauchen und verarbeiten, deutlich erhöht.

Offensichtlich geht es bei diesen Transaktionen darum, das Metall künstlich zu verknappen und dadurch den Preis nach oben zu treiben. Weil das Aluminium aufgrund staatlicher Regulierungen nicht beliebig lange in einem Lager gehalten werden darf, wird es von einem Lager zum anderen gefahren, um den Anschein zu erwecken, die Lagerzeiten seien ausreichend kurz.

Das ist nur eine Geschichte von vielen, wo sich Finanzmarktakteure, also vor allem Banken oder Hedge Fonds, massiv in den physischen Handel mit Rohstoffen einmischen, weil sie damit ihre finanziellen Interessen, besser sollte man sagen: ihre Spielinteressen, wirkungsvoll unterstützen können. Zum einen dient der Kauf von Handelsfirmen im Rohstoffbereich dazu, dass man sich bei der amerikanischen Regulierungsbehörde als „commercial investor“ ausgeben kann, der in der Regulierung anders behandelt wird als der reine Finanzinvestor, der „non-commercial investor“. Zum anderen, und darum geht es in diesem Fall, schafft der Besitz solcher Firmen die strategische Möglichkeit für die Finanzinvestoren, den physischen Markt immer unter Anspannung zu halten oder gar mit einer künstlichen Verknappung zu schocken, wann immer es in das Kalkül der Finanzmarktakteure und in die Stimmung an den Märkten passt.

Wenn es gelingt, über den physischen Markt, der in diesem Spiel von der Menge des investierten Geldes her gesehen ganz unwichtig ist, gezielt Signale an die Finanzmärkte zu geben, kann innerhalb von Minuten und Stunden am Derivatemarkt so viel Geld verdient werden, dass etwaige Verluste am physischen Markt überhaupt keine Rolle spielen. Wegen des Herdenverhaltens an den Finanzmärkten ist die „Investition“ an den Rohstoffmärkten ja vornehmlich getrieben von Informationen, die sich auf das Verhalten der Marktteilnehmer an den (anderen) Finanzmärkten beziehen. Dort wiederum geht es um Informationen über die globale Wirtschaft. Aber es sind auch Informationen über den konkreten Markt, auf den sich das Derivat bezieht, von Bedeutung, nämlich genau dann, wenn es gelingt, auf diesem speziellen Markt einen Schock zu inszenieren, der groß genug erscheint, um die Koppelung an die anderen Finanzmärkte für kurze Zeit zu lockern.

Wie wir hier mehrfach gesagt haben, ist die quantitative Bedeutung der Finanzmärkte beim Zustandekommen der Preise an finanzialisierten Rohstoffmärkten (also solchen, für die es eine Vielzahl von Derivaten gibt) ohnehin extrem hoch. Gelingt es den Finanzmarktakteuren auch noch, die physischen Märkte zu kontrollieren oder wenigstens zu beeinflussen, kann von einem „Markt“ überhaupt nicht mehr die Rede sein. Man sollte dann besser vom „Spielplatz der Finanzjongleure“ sprechen. Da diese Finanzfirmen globale Kapitalsammelstellen sind, verfügen sie über unglaublich große Summen und können jeden Rohstoffmarkt aus der Portokasse dominieren.

Aus dem Gesagten ergibt sich nur eine vernünftige Schlussfolgerung: Man muss die Finanzakteure vollständig von den physischen Rohstoffmärkten ausschließen. Eine Bank ist eine Bank und darf kein Rohstoffunternehmen sein. Neben der im übrigen ohnehin notwendigen Verminderung des Einflusses des Derivatehandels auf die physischen Märkte muss man hier einfach jede Einflussnahme verbieten, d.h., das Halten von Anteilen an irgendwelchen Rohstofffirmen muss Finanzmarktakteuren vollständig untersagt werden.

Man sieht an diesem Beispiel sehr klar, wie absurd das Spiel, das viele noch „Marktwirtschaft“ nennen, unter dem Einfluss omnipotenter Finanzmarktinstitutionen inzwischen geworden ist. Wenige spielen mit fast unbegrenzten Summen mit den vielen und lassen sie zahlen, so viel und so häufig es geht. Denn die wunderbaren Gewinne, die die Banken gerade wieder in aller Öffentlichkeit vorführen, sind ja zum größten Teil ihrem eigenen Spiel und der Spielsucht vieler ihrer Kunden geschuldet. Bei Rohstoffen bezahlen wir alle jeden Tag für diese Spiele, weil die Rohstoffpreise überhöht sind, und tragen so dazu bei, dass die Mächtigen immer mächtiger werden – und die Politik schweigt!

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