Wer kurzfristig tot ist, wird auch langfristig nicht leben

Zu unseren Argumenten hinsichtlich der negativen Wirkungen von Lohnkürzungen auf die Arbeitslosigkeit, die wir hier seit langem vertreten, habe ich jetzt wieder das Gegenargument der langen Frist gehört. In einer Podiumsdiskussion sagte einer der Teilnehmer, das könne wohl sein, dass Lohnkürzungen kurzfristig zu höherer Arbeitslosigkeit führten, langfristig könne man aber die positiven Wirkungen erwarten, die das neoklassische Arbeitsmarktmodell verspricht.

Wir hatten am Beispiel Spanien argumentiert, dass der von der spanischen Regierung verfolgte Weg, Lohnkürzungen durchzusetzen, niemals erfolgreich sein könne, weil im Zuge der Lohnkürzungen unmittelbar die Binnennachfrage sinkt und die Unternehmen Arbeitskräfte entlassen. Das lässt sich auch an dem von uns verwendeten Bild ablesen. Nachdem die Arbeitslosigkeit in Spanien wie in den meisten anderen Industrieländern schon im Zuge der schweren globalen Rezession von 2008 und 2009 gestiegen war, ging mit der massiven Lohnkürzung der Jahre danach ein zweiter Schub an Arbeitslosigkeit einher, der in direktem Widerspruch zur neoklassischen Überzeugung steht, sinkende Löhne müssten die Arbeitslosigkeit verringern.

Spanien AL Reallohn

Auf drei Jahre sinkende Löhne und drei Jahre steigende Arbeitslosigkeit blicken wir jetzt zurück. Das muss also die kurze Frist sein, die es durchzuhalten gilt, um die wunderbare Welt der langen Frist zu erreichen. Nur, wie kommt man in die lange Frist, wenn die Löhne erst einmal durchweg gesunken sind? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten, von denen sich die neoklassisch argumentierenden Ökonomen freilich immer nur die eine raussuchen, nämlich die außenwirtschaftliche, um ihren Optimismus zu begründen, Lohnsenkungen verringerten auf Dauer die Arbeitslosigkeit. Im Außenhandel kann es durchaus sein, dass sich eine positive Wirkung von sinkenden Löhnen in einem Land nach einiger Zeit einstellt. Denn Handelsströme sind träge und reagieren sicher nicht über Nacht auf eine steigende Wettbewerbsfähigkeit, die auf Lohnsenkung gegenüber den Handelspartnern beruht; aber auf Dauer macht sich das schon bemerkbar.

Diese positive Wirkung gibt es aber nur unter zwei Bedingungen. Erstens dürfen die Handelspartner nicht das Gleiche tun und auch nicht in anderer Weise, also zum Beispiel mit Abwertung oder Handelsschranken auf die veränderte Situation im Außenhandel reagieren. Zweitens (und das ist die andere Antwort, die die Anhänger der Neoklassik meist unterschlagen) hängt die Wirkung der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit von der relativen Bedeutung des Außenhandels im Vergleich zur Binnenwirtschaft ab. Ist, wie in Spanien und in den anderen südeuropäischen Ländern, der Außenhandel quantitativ viel weniger bedeutsam als der Binnenmarkt (ein Viertel Außenhandel zu drei Vierteln Binnennachfrage), setzt sich die lähmende Wirkung der Lohnsenkung auf den Binnenmarkt durch.

Hier im Binnenmarkt gibt es keine positiven Effekte in der langen Frist, mit denen man sich über die kurzfristige Katastrophe hinwegtrösten könnte. Sind die Nominallöhne einmal gesunken, geht bei (zunächst) nicht fallenden Preisen und damit sinkenden Reallöhnen die reale Binnennachfrage zurück. Nichts gleicht diesen Negativposten aus, auch kein Beschäftigungszuwachs. Denn der findet nicht statt: Nur weil sich die Kostensituation der Unternehmen verbessert, fangen die aus einer Situation der Unterauslastung heraus nicht sofort an, Leute neu einzustellen. Denn die Unternehmen bekommen den Nachfragerückgang unmittelbar zu spüren.

Reagieren die Unternehmen auf die Absatzprobleme dann doch schließlich mit Preissenkungen, kommt die deflationäre Abwärtsspirale so richtig in Fahrt: Sinkende Preise signalisieren für alle Marktteilnehmer, dass Abwarten rational ist. Und das ist das Ende jeder positiven Entwicklung. Konsumenten rechnen mit fallenden Preisen und halten sich daher möglichst zurück, weil die gewünschten Produkte ja bald noch weniger kosten. Hersteller, die die Preise senken müssen, um ihre Produkte los zu werden, schätzen die Marktlage sicher nicht rosig ein, so dass Investitionsvorhaben oder eine Ausweitung der Produktionsmengen unterbleiben, ganz gleichgültig, ob sich die Unternehmer auf der Kostenseite durch sinkende Löhne entlastet fühlen. Es gibt auf Dauer keinen langfristigen Effekt, der die kurzfristige Verstärkung der Rezession durch den lohnbedingten Nachfrageausfall ausgleichen könnte.

Und was ist mit dem neoklassischen Nexus, wonach die Unternehmen auf eine Lohnsenkung wegen der Änderung des Preisverhältnisses der beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital beginnen, arbeitsintensiver zu produzieren? Wie oben schon erläutert wird dieser Nexus, wenn er denn überhaupt existierte, durch den unmittelbar eintretenden Nachfrageausfall überlagert. Aber er existiert nicht einmal. Denn für Unternehmen lohnt es sich niemals, von einer kapitalintensiveren Produktionsweise auf eine arbeitsintensivere umzuschalten, wenn die Reallöhne sinken. Denn wenn sie bei ihrer bereits vorhandenen Kapitalausstattung bleiben, können sie die weiterhin hohe Produktivität mit geringeren Löhnen kombinieren, was immer attraktiver ist, als die Produktivität zu senken und dann den niedrigeren Lohn entsprechend mehr Leuten zu bezahlen. Und fangen die Unternehmen erst einmal an, notgedrungen ihre Preise zu senken als Reaktion auf den Nachfrageausfall, ist dem neoklassischen Nexus ohnehin die Basis entzogen. Denn dann ändert sich das Faktorpreisverhältnis nicht bzw. wird seine anfängliche Änderung wieder zurück korrigiert: Die Reallöhne sinken nicht gegenüber der Ausgangssituation. Also kann es nicht einmal nach neoklassischer Lesart zu mehr Beschäftigung kommen.

Binnenwirtschaftlich braucht man viele Jahre eines stabilen Aufschwungs, nur um zu dem Lohnniveau zurückzukehren, von dem aus man die Lohnsenkung begonnen hat. Das gilt auch für die Arbeitslosigkeit. Arbeitsplätze, die einmal weggefallen sind, müssen mühsam wieder aufgebaut werden, und das geringere Lohnniveau hilft dabei überhaupt nicht.

Bei überwiegend binnenwirtschaftlich orientierten Volkswirtschaften, also im Extremfall der Welt insgesamt oder großen geschlossenen Volkswirtschaften wie Europa insgesamt, ist Lohnsenkung ein großer Schritt zurück, dem nicht automatisch zwei Schritte vor folgen, sondern bei guter Wirtschaftspolitik vielleicht irgendwann wieder kleine Schritte nach vorn, die aber insbesondere dann extrem mühsam werden, wenn inzwischen wegen der Lohnsenkung eine deflationäre Situation eingetreten ist. Wie so oft ist die Hoffnung auf die lange Frist eine Illusion. Bei Lohnsenkung verbunden mit Arbeitslosigkeit ist sie eine gefährliche Illusion, nicht nur, weil das Mittel nicht wirkt, sondern weil es das Potenzial hat, gesellschaftliche Systeme zum Wanken zu bringen. Wer kurzfristig nicht überlebt, braucht sich um die lange Frist keine Gedanken mehr zu machen.

 

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