Archiv flassbeck-economics | 05.09.2013 (editiert am 25.05.2016)

Indien, Brasilien und andere Schwellenländer im Fadenkreuz der „Investoren“ und der Medien – Warum, was einmal falsch war, auch durch eine radikale Korrektur nicht richtig wird, und warum das so schwer zu verstehen ist (Teil II)

Im ersten Teil hatte ich dargelegt, warum man sich von Änderungen der Währungsrelationen im Handel zwischen ganz unterschiedlichen Ländern keine Wunder erwarten darf, selbst wenn unbestreitbar ist, dass man sie braucht, um lang anhaltende Inflationsdifferenzen auszugleichen. Wodurch kommt es aber zu überschießenden Wechselkursänderungen, wenn man die Bestimmung des Wechselkurses den Devisenmärkten überlässt, und ist der Vorwurf vieler Entwicklungsländer berechtigt, ein laxe Geldpolitik mit niedrigen Zinsen in den Industrieländern führe zu spill-over-Effekten, die ihre wirtschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten einschränken? Letzteres hat in den Verhandlungen der G 20 im vergangenen Jahr eine große Rolle gespielt, ohne dass es zu einer Einigung gekommen wäre.

Seit dem Ende des Währungssystems von Bretton Woods zu Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat nichts die ökonomischen Gemüter mehr bewegt als die diversen Finanzkrisen, die das System weitgehend unregulierter Finanzmärkte heimgesucht haben. Die Mehrzahl dieser Krisen waren Währungskrisen, also Krisen, in denen es schließlich zu einer Abwertung der Währung des betroffenen Landes oder der Ländergruppe kam. Diese Krisen gab es bei allen Varianten von Währungssystemen, festen, aber anpassungsfähigen Wechselkursen, bei dem sogenannten Anchoring wie in Argentinien (einem currency board mit absolut festem Wechselkurs bis zum Zusammenbruch des Systems), bei einem so genannten crawling peg (wie in den 1990er Jahren in Brasilien) und – dies sogar in der Mehrzahl der Fälle – bei flexiblen Wechselkursen (wie in Brasilien heute, in Indien, in Island, in Ungarn und vielen anderen).

Letzteres anzuerkennen verstößt aber gegen eines der wichtigsten Dogmen der herrschenden ökonomischen Lehre, nämlich das Dogma vom effizienten Finanzmarkt. Paul Krugman beispielsweise in seinem Artikel vom 22.8.2013 kritisiert zwar die Finanzmärkte nach der Krise von 2008. Er schafft es aber nicht, den zentralen Punkt klar zu benennen, dass nämlich der Devisenmarkt auch ein wichtiger Teil dieser großen Krise war. Und Paul Krugman verschließt die Augen davor, dass der Devisenmarkt – mehr als alle anderen Finanzmärkte sogar und klarer nachweisbar als in den anderen Finanzmärkten – bei der Festlegung eines stabilen und rationalen Preises für Währungen versagt.

Das ist auch genau die Schwelle, die weder der IWF noch andere internationale Organisationen, die von den Industrieländern maßgeblich gesteuert werden, überspringen können. Wer nämlich sagen würde, dass die Devisenmärkte dieser Welt regelmäßig und systematisch unsinnige Ergebnisse zeitigen, käme kaum noch umhin, das noch weit wichtigere Dogma vom effizienten Freihandel über Bord zu werfen. Denn wenn die Wechselkurse nicht die Fundamentaldaten der am Freihandel beteiligten Volkswirtschaften widerspiegeln, gibt es kein Halten mehr bei protektionistischen Maßnahmen, die Länder ergreifen könnten, wenn ihre Währung von den Devisenmärkten in ungerechtfertigter Art und Weise auf- und überbewertet würden.

Der Kampf um dieses größte und wichtigste Dogma der herrschenden Glaubenslehre in der Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren in der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf stattgefunden. Brasilien war das Objekt des Anstoßes, aber die Dogmatiker haben sich durchgesetzt. Meine Abteilung bei UNCTAD war der Hauptverteidiger Brasiliens in dieser Auseinandersetzung und wurde dafür von den Dogmatikern mit dem Mandatsentzug (also mit der Drohung des Entzugs der Möglichkeit, frei eine Meinung in makroökonomischen und in Finanzfragen zu äußern) bedroht. Brasilien hat in der WTO sogar eine Diskussion dieser Fragen auf offener Bühne durchgesetzt, aber weil die übrigen internationalen Organisationen sich strikt an das Schweigekartell gebunden fühlten, verlief die Sache im Sande.

Wie die Spekulation zur Überbewertung von Währungen führt, haben wir hier schon einige Male dargestellt (so zuletzt am 29. Juli), und ich will das nicht im Detail wiederholen. Entscheidend aber ist, dass Zinsdifferenzen der Auslöser der carry trades sind, die zum Überschießen führen. Die Idee eines Systems flexibler Wechselkurse war aber gerade, ein globales System zu schaffen, bei dem jedes Land die Geldpolitik seiner Zentralbank nach nationalen Gegebenheiten ausrichten kann (also autonom oder souverän ist). Das ist aber nur gegeben, wenn der Wechselkurs einer Währung (also der internationale Wert einer Währung) den Veränderungen genau und jederzeit folgt, die sich zwischen dem nationalen Geldwert und dem Geldwert  aller anderen Länder (genauer: aller Handelspartnerländer) ergibt.

Carry trade, der zur Aufwertung von Währungen führt, die eine relativ hohe nationale Geldentwertung haben, stellt das herrschende Dogma der Ökonomen vollständig auf den Kopf. Statt das anzuprangern und eine radikale Änderung des Systems zu fordern, haben sich aber die meisten Entwicklungsländer (unter der Führung Brasiliens) auf eine Kritik der Geldpolitik der Industrieländer als solche eingeschossen. Das trifft aber keineswegs den Kern des Problems und ist deshalb nicht Ziel führend. Denn internationale Zinsdifferenzen mit all ihren unerwünschten Nebenwirkungen auf die Wechselkurse gab es schon lange vor dem „quantitative easing“ und der konsequenten Nullzinspolitik in den USA. Hätte man den carry trade statt der Geldpolitik der USA auf die Anklagebank gesetzt, könnte man jetzt von Seiten der Schwellenländer eine viel konsequentere Diskussion führen und fordern, dass der IWF solchen Ländern, in denen sich die carry trades umdrehen und das Kapital fluchtartig das Land verlässt (wie eben jetzt z.B. in Indien), mit (konditionslosen) Krediten hilft, die eigene Währung zu stabilisieren, falls die eigenen Devisenreserven dazu nicht ausreichen.

So ist die Abwertung der Währungen einiger Schwellenländer eigentlich keine große Sache, da sie die Korrektur einer lang anhaltenden Fehlentwicklung, nämlich der Überbewertung von deren Währungen, einleitet. Die Abwertung wird helfen, die Importe einzudämmen und den eigenen Exporten eine Chance zu geben. Das wird ohne Zweifel der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder helfen und nur denen schaden, die wie Deutschland auf eine vollkommen einseitige und durch nichts zu rechtfertigende Exportüberschussstrategie setzen. Das Problem ist auch nicht die Umkehr der Kapitalströme, denn das kurzfristig spekulativ zugeflossene Kapital konnte sowieso nicht vernünftig verwendet werden. Das Hauptproblem ist die falsche Diagnose der Situation durch die westliche Welt und deren Neigung, eine solche Krise via IWF wieder zum Anlass zu nehmen, die Entwicklungsländer zu bevormunden. Dass die Industrieländer selbst einer durchgreifenden  Lösung dieser Währungsprobleme im Wege stehen, indem sie sich weigern über ein System wenigstens nachzudenken, wie UNCTAD es 2011 vorgeschlagen hat, kommt ihnen in ihrer Arroganz nicht in den Sinn.

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