Archiv flassbeck-economics | 03.09.2013 (editiert am 25.05.2016)

Indien, Brasilien und andere Schwellenländer im Fadenkreuz der „Investoren“ und der Medien – Warum, was einmal falsch war, auch durch eine radikale Korrektur nicht richtig wird, und warum das so schwer zu verstehen ist (Teil I)

Wenn Sie glauben, dass Sie wenigstens über wirtschaftliche Entwicklungen in fernen Ländern, wo es ja nicht so sehr um nationale ideologische Fragen geht wie bei der Berichterstattung über Deutschland und Europa beispielsweise, von den deutschen Qualitätsmedien vernünftig unterrichtet werden, liegen Sie ganz besonders falsch. Was in den vergangenen Wochen über die neue Krise in den Schwellenländern geschrieben wird, ist an Absurdität kaum noch zu überbieten. Das liegt zum Teil sicher daran, dass die Auslandskorrespondenten großer deutscher Zeitungen vermutlich als Qualifikation die Beherrschung der Landessprache mitbringen müssen, sicher aber keine Qualifikation, um über komplexe Wirtschaftsthemen sachgerecht zu schreiben. Dass in einer großen Wirtschaftsredaktion in der Heimat aber niemand korrigierend in diesen Unsinn eingreift, beweist erneut, dass es jenseits aller ideologischen Barrieren offensichtlich auch intellektuelle Barrieren gibt, die eine informative Berichterstattung und Analyse verhindern.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt zum Beispiel am 24./25.8.2013, dass die Notenbanker in Brasilia die Devisenreserven „plündern“, um den Verfall der Währung (des Real) zu stoppen, und er erweckt den Eindruck, das Land stünde jetzt vor einer großen Krise, weil die internationalen Investoren das Vertrauen verloren haben. Dass eine Krise möglich ist, weil die „Investoren“ vorher zu viel „Vertrauen“ in den Real hatten und die Zentralbank in einem fast unauflöslichen Dilemma steckt, kommt ihm natürlich nicht in den Sinn, ganz zu schweigen von der Frage, was das über unser globales Währungssystem und über die Möglichkeiten, eine rationale Wirtschaftspolitik in den Schwellenländern unter den Bedingungen  dieses Systems zu betreiben, aussagt. Gerade Brasilien hat ja die absurden Folgen dieses „Systems“ seit vielen Jahren in allen internationalen Foren heftig beklagt und ist auf taube Ohren bei den Industrieländern und den großen internationalen Organisationen gestoßen.

Auch bei der Frankfurter Rundschau ist es nicht viel besser, obwohl der Artikel offenbar in der Heimatredaktion geschrieben wurde. Und Jim O’Neill, den deutsche und internationale Zeitungen regelmäßig als „Erfinder“ des Begriffes BRICS feiern, kommt im Handelsblatt ebenfalls nicht auf den kritischen Punkt. Aber wie können wir von Journalisten und Bankvolkswirten eine vernünftige Analyse erwarten, wenn auch Paul Krugman weitgehend daneben liegt. Zwar sieht er, dass die Krise die Folge früherer Übertreibungen in die andere Richtung ist, aber dass der Devisenmarkt bei frei floatenden Währungen systematisch die falschen Ergebnisse hervorbringt, ist bei ihm ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass die gesamte herrschende Volkswirtschaftslehre (von der Paul Krugman selbst hier wieder ein Teil ist) die Augen vor diesem offensichtlichen Phänomen verschließt, weil es nicht in ihr ideologisches Modell vom immer funktionierenden Markt passt. Währungskrisen bei flexiblen Wechselkursen sind genauso unverstanden wie Währungskrisen in Systemen gesteuerter oder absolut fixierter Wechselkurse. Weil das so ist und weil ich mich über Jahrzehnte schon mit diesen Fragen in der Politik und in der Wissenschaft herumschlage, will ich etwas weiter ausholen und in zwei Teilen erklären, was schief läuft und warum die Weltwirtschaft dringend ein rationales System zur Steuerung der Währungsrelationen braucht und wer dessen Realisierung verhindert.

Währungsrelationen sind wichtig. Die Preise für Währungen sind die wichtigsten Preise für den internationalen Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Kapital. Die Änderung der Währungsrelationen, also die Änderung von Wechselkursen, kann aber keine Wunder vollbringen. Wenn jetzt in Europa immer wieder gesagt wird, ja, man hätte keine Währungsunion machen dürfen, weil die Länder „strukturell“ so unterschiedlich sind, dann ist das falsch, weil der Umkehrschluss ja lauten würde: nur bei flexiblen Wechselkursen können auch „strukturell“ unterschiedliche Länder Handel miteinander treiben, ohne in große Schwierigkeiten zu geraten. Das ist deswegen falsch, weil die Änderung der Währungsrelationen, also eine Änderung gesamtwirtschaftlich wirksamer monetärer Größen, ja gerade nicht strukturelle Defizite heilen kann. Länder, die eine relativ hohe Inflationsrate aufweisen, dürfen in einem System flexibler, also marktbestimmter Wechselkurse darauf hoffen, dass die Nachteile, die sie im internationalen Handel dadurch haben, dass ihre Preise auf Dauer zu hoch sind, um erfolgreich handeln zu können, durch eine Abwertung der eigenen Währung ausgeglichen werden. Das funktioniert manchmal, aber es funktioniert jedenfalls nicht gut. Selbst wenn langfristig (viele Berechnungen deuten auf Fristen von bis zu zwanzig Jahren) dieser Ausgleich zustande kommt, geht er doch über kürzere Fristen mit unglaublichen Verzerrungen der Handelsströme einher. Es gibt daher keinen Grund anzunehmen, dass sich etwas an strukturellen Nachteilen im internationalen Handel ändert, wenn es frei gehandelte nationale Währungen gibt.

Das steht nicht im Widerspruch zu der oft geäußerten Vermutung, eine länger anhaltende Unterbewertung würde auch Entwicklungsländern und Schwellenländern helfen, sich im internationalen Handel zu behaupten und dadurch wichtige Wachstumsimpulse zu erhalten. Deutschland und Japan in ihren Aufholprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg werden in der Regel als klassische Beispiele dafür genannt. Das ist richtig, bedeutet aber nicht, dass es für heutige Entwicklungs- und Schwellenländer ohne weiteres möglich wäre, solche Bedingungen herzustellen. Man darf die Tatsache nicht unterschlagen, dass Deutschland und Japan damals Teilnehmer an einem globalen, von den USA geführten Währungssystems (des Systems von Bretton Woods) waren, das die Unterbewertung einiger kleinerer Länder, die hart von den Kriegsfolgen getroffen waren, wohlwollend geschehen ließ.

Kein aufholendes Land hat heute die Möglichkeit, sich für die Mitgliedschaft in einem solchen System und zudem zu solch günstigen Bedingungen zu entscheiden. Es gibt ein solches Währungssystem nicht und für ein kleines, relativ offenes Land ist es fast unmöglich selbst, das heißt aus eigener Kraft die Bedingungen herzustellen, die Deutschland und Japan, aber auch Frankreich und Italien nach dem Krieg vorfanden. Durch Interventionen der Zentralbank (also den systematischen Kauf von Fremdwährung mit eigener Währung) wäre das im Prinzip zwar zu machen, aber diese Art von Intervention zur Schwächung der eigenen Währung ist international nicht gern gesehen und führt dazu, wie das Beispiel China gezeigt hat, dass man unter erheblichen politischen Druck gerät, seine Währung dem Markt zu überlassen, selbst wenn man nur versucht, eine (in einer Krise) einmal eingetretene Unterbewertung für eine gewisse Zeit zu konservieren. Zudem ist es für die Zentralbanken gerade „strukturell“ schwacher Länder, die relativ hohe Inflationsraten aufweisen, schwierig, über eine Unterbewertung relativ hohe Importpreise zu generieren, ohne dass es zu einer Übertragung dieser Inflationsimpulse auf das Inland kommt.

Deswegen haben in der Vergangenheit zwar viele Länder die umgekehrte Option gewählt, nämlich über eine Überbewertung der eigenen Währung (also über niedrige Importpreise) Druck auf die eigene Inflationsrate auszuüben, nur ganz wenige haben sich aber getraut, den Weg Chinas und einiger anderer kleinerer asiatischer Länder (nach der großen asiatischen Währungskrise in den Jahren 1996 und 1997) zu gehen und ihre Währung im Zustand der Unterbewertung unilateral (also ohne die Hilfe anderer Länder) zu fixieren. Es ist tatsächlich so, dass die meisten Länder, die in den letzten dreißig Jahren temporär in den „Genuss“ einer Unterbewertung gekommen sind, dies einer Krise ihrer eigenen Währung „verdanken“, in der die eigene Währung erheblich, oft massiv abgewertet wurde. Da dies aber wiederum in der Regel die Folge einer vorherigen Überbewertung gewesen ist, haben die Länder per Saldo nicht viel gewonnen, meist sogar verloren. Lediglich in einem Fall wie Argentinien, wo die Krise 2002 schrecklich wütete und die Abwertung extrem stark war (um 65 Prozent wertete der argentinische Peso gegenüber dem gewichteten Durchschnitt seiner Handelspartner ab), wirkte die Abwertung so stark auf die Handelsströme, dass viel verlorenes Terrain in den ersten fünf bis sechs Jahren nach der Abwertung aufgeholt werden konnte. Danach aber kehrte die Inflation zurück und machte wieder vieles von dem  zunichte, was die Abwertung zu schaffen erlaubt hatte.

Nur wenn es wie in China gelang, Intervention am Devisenmarkt und die Fixierung des Wechselkurses mit geschickter Einkommenspolitik (also einer expliziten Ablehnung der neoliberalen/neoklassischen Flexibilisierungshypothese für den Arbeitsmarkt) zu verbinden und damit die eigene Inflation in Schach zu halten, konnte man wirklich per Saldo von der lang anhaltenden Unterbewertung profitieren.

Warum es zu den destabilisierenden Kapitalströmen kommt und was man dagegen tun könnte, dazu im zweiten Teil mehr.

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