Archiv | 17.09.2013

Kredite aus dem Nichts – Teil II: Gefährliches Inflationspotenzial oder notwendiger Wachstumsmotor?

Was ist die Aufgabe des Finanzsektors in einer Marktwirtschaft? Die Frage eines Lesers, ob Banken Geld von Sparern brauchen, um Kredite vergeben zu können, habe ich gestern zum Anlass genommen, über Kredite ‚aus dem Nichts‘ zu schreiben. Hier die Fortsetzung:

Wenn nur das an Krediten vergeben wird und vergeben werden darf, was den Banken an Spareinlagen zur Verfügung steht, kann die Wirtschaft gesamtwirtschaftlich gesehen nicht wachsen. Denn die Spareinlagen stellen ja nicht ausgegebenes Einkommen der Sparer dar, d.h. entfallene Nachfrage, die irgendwo in der Wirtschaft die Auslastung der vorhandenen Kapazitäten gesenkt hat. Schließlich haben die Sparer ihr Einkommen durch Arbeit (oder Renditen produktiver Sachinvestitionen) erzielt, sprich: Güter hergestellt, die nun in Höhe der Ersparnisse nicht nachgefragt werden. Werden nur diese Ersparnisse als Kredit nachgefragt und dann als konkrete Nachfrage an den Güter- und Arbeitsmärkten (z.B. nach Investitionsgütern und Arbeitskräften) wieder eingesetzt, ergibt sich gesamtwirtschaftlich gesehen gerade einmal die Auslastung wie vorher. Dann ist die Nachfrage insgesamt gleich geblieben, aber nicht gestiegen. Daraus ergibt sich noch kein weiterer Ansporn, die Sachkapazitäten auszudehnen, vor allem dann nicht, wenn bereits eine Situation der Unterauslastung herrscht, wie das ja bei Konjunkturflaute und Arbeitslosigkeit regelmäßig der Fall ist.

Man kann natürlich froh sein, wenn wenigstens die Ersparnisse wieder in Form von Krediten abgerufen wurden und so in den Kreislauf von Nachfrage und Einkommen zurück gelangen. Und man hofft, dass die Kredite so vernünftig, d.h. produktiv verwendet wurden, dass aus dieser Verwendung Zinsen und Tilgung bezahlt werden können, die die Bank vom Kreditnehmer verlangt. Denn wie sollte die Bank sonst ihr Zins- und Rückzahlungsversprechen an die Sparer einhalten? Werden Kredite faul, werden die korrespondierenden Ersparnisse (teilweise) vernichtet (von der Haftungsfrage einmal abgesehen). Dann dürfte es um die Auslastung und damit die Investitionsbereitschaft schlechter bestellt sein als zuvor.

Mit Krediten in Höhe der „Gelder von den Sparern“, das bleibt festzuhalten, ist keine gesamtwirtschaftliche Auslastungssteigerung hinzubekommen.

Nein, die eigentliche Dynamik liegt in der Kreditmenge, die die Spareinlagen übersteigt. Mit diesem Mehr wird auch tatsächlich mehr Nachfrage entfaltet als zuvor. Der Einwand der ’schwäbischen Hausfrau‘ und jedes Monetaristen folgt auf dem Fuße: Die nominale Nachfrage möge ja zunehmen durch ein solches Mehr an Krediten, nicht aber die reale. Denn die höhere nominale Nachfrage werde nur die Preise steigen lassen, aber nichts real bewirken. Mit Krediten ‚aus dem Nichts‘ sei real buchstäblich nichts zu bewerkstelligen, Münchhausen könne sich bekanntlich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.

Der Münchhausenvergleich ist aber falsch in einer monetären Marktwirtschaft. Zumindest in einer Situation der Unterauslastung. Denn wenn mit dem Mehr an Kredit Nachfrage entfaltet wird, die an ein unterausgelastetes Unternehmen gerät, wird dieses erst mal seine Auslastung erhöhen und nicht seine Preise. Allein dadurch aber ändert sich realwirtschaftlich schon etwas: Es entsteht ein Mehr an Gütern, das dem zuvor geschaffenen Mehr an Kredit nun gegenübersteht. Die Möglichkeit, Nachfrage durch Kredit zu entfalten, kitzelt sozusagen aus den vorhandenen Kapazitäten, wenn sie nicht voll ausgelastet sind, mehr Produktion hervor.

Doch selbst wenn das Mehr an Kredit nicht nur eine Mengensteigerung in der Produktion, sondern tatsächlich auch oder ausschließlich eine Preissteigerung hervorruft, ist es noch nicht automatisch Teufelszeug. Schließlich zeigt eine Preissteigerung normalerweise eine relative Knappheit an, die zu beseitigen sich für Sachinvestoren lohnt. Es steht zu erwarten, dass das Projekt, in das der Kredit fließt, eine höhere Produktivität hat als ein Teil der bislang realisierten oder anderer neuer Projekte, deren Rentabilität mit der Preissteigerung auf dem entsprechenden Faktormarkt nicht Schritt halten kann. Denn sonst hätte die Bank den Kredit ja nicht an den Sachinvestor vergeben, oder?

Und damit sind wir an der Stelle angelangt, an der die Aufgabe des Bankensektors für die Realwirtschaft klar definiert werden kann: Die Banken sind dazu da, die potenziellen Investitionsprojekte auf Rentabilität und Risiken zu überprüfen, um zu entscheiden, ob sie einen Kredit wert sind, ob sie Zins und Tilgung werden erbringen können. Bei Konsumentenkrediten ist es die Aufgabe der Banken zu überprüfen, ob der Kreditnehmer eine Einkommensentwicklung vor sich hat, die eine vertragsgerechte Bedienung des Kredits sehr wahrscheinlich macht. Machen die Banken ihre Sache gut, sind unter den Krediten im Schnitt mehr erfolgreiche Projekte als Flops. Dann sind mögliche Preissteigerungen auch von realen Produktivitätssteigerungen begleitet. Dann wächst die Wirtschaft dank Nachfragezunahme und dank Produktivitätssteigerung. Und dann haben Kredite aus dem Nichts ihre vollkommene Daseinsberechtigung, ja ihre Notwendigkeit für eine florierende Marktwirtschaft.

Was aber keinesfalls funktioniert ist eine Vergabe von Krediten aus dem Nichts für das Nichts. Dazu zählen sämtliche spekulative Wetten, bei denen immer nur die eine oder die andere Seite gewinnen kann, während die andere verliert und während von beiden Seiten Transaktionskosten erzeugt werden (beim Glücksspiel ist das z.B. das Geld, das der Croupier einstreicht, bei mancher ähnlich gearteter Devisenspekulation etwa das Geld, das die beteiligten Devisenhändler kassieren). Weil solche Geschäfte nicht produktiv sind, können mit ihnen auch keine Zinsen erwirtschaftet werden, hinter denen tatsächlich ein Mehr an Gütern steht. Deshalb müssen solche Geschäfte zu 100 Prozent aus dem Eigenkapital der Spieler finanziert werden. Egal welche Seite dann verliert, es wird nur die Ersparnis von einem Spieler auf den Gegenspieler umgeschichtet, die ohnehin vorhanden war. Kein Kredit wird faul und entsprechend kein „Normalsparer“ unruhig, wie es denn um die Sicherheit seiner Spareinlagen bei seiner Bank bestellt ist. Kein Bankenrun droht und keine Glaubwürdigkeitskrise des Geld- und Kreditwesens.

Nun gibt es – das ist das Problem bei der Regulierung des Finanzsektors – einen Graubereich, in dem nicht leicht zu entscheiden ist, was reine Spekulationsgeschäfte sind, die entsprechende spekulative Preisblasen nach sich ziehen und Finanzkrisen erzeugen können, und was potenziell produktive Sachinvestitionsgeschäfte sind, bei denen möglicherweise auftretende Preissteigerungen hinzunehmen sind, weil sie sozusagen die Begleitmusik eines notwendigen marktwirtschaftlichen Verdrängungsmechanismus sind. Hier muss man pragmatisch an die Sache herangehen. Es wäre schon ein Fortschritt, sich international darauf verständigen zu können, welche Märkte die spekulationsanfälligsten sind und sie vor dem Treiben der Finanzjongleure ordnungspolitisch zu schützen. Prominentestes Beispiel: die Devisenmärkte, deren Spekulationspotenzial allein dadurch ausgetrocknet werden könnte, dass die großen Notenbanken dieser Welt kooperieren und auf ein Weltwährungssystem hinarbeiten, das dem Ausgleich der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Nationen verpflichtet ist. Auf den Immobilienmärkten wäre schon mit antizyklischen Vergabevorschriften für Hypothekenkredite viel gewonnen. Spekulationen auf den Rohstoffmärkten ließen sich durch den Nachweis, dass Händler tatsächlich physisch mit der Ware zu tun haben, einschränken.

Um es kurz zu machen: Wer versteht, warum eine florierende Marktwirtschaft Kredite aus dem Nichts für Sachinvestitionen bis zu einem gewissen Grad braucht, der weiß auch, dass er diesen Teil des Geld- und Kreditwesens besonders streng regulieren muss, um Missbrauch zu verhindern – Missbrauch, der vor allem in der Vergabe solcher Kredite für Spekulationsgeschäfte, sprich: das internationale Finanzkasino besteht. Und derjenige weiß auch, dass tatsächliche Inflationsgefahren durch Überauslastung der Kapazitäten einer Volkswirtschaft allemal durch eine restriktive Geldpolitik effektiv bekämpft werden können. Inflationsgefahren durch rein spekulativ getriebene Preisblasen hingegen kann die Geldpolitik nicht gut Herr werden, ohne dabei die gesamte Realwirtschaft in die Rezession zu stoßen. Wer also den Wachstumsmotor ‚Kredit aus dem Nichts‘ erhalten will, muss den Killer des Kreditwesens ‚Spekulation‘ beseitigen.

Anmelden