Die Börsen im Rekordrausch und die herrschende politische und ökonomische Leere

Dieser Tage kann man wieder das wundervolle Spektakel erleben, wie sich halbwegs erwachsen aussehende Menschen vor Börsensäle mit vielen Computern und Bildschirmen stellen und wie im Rausch davon reden, ob diesmal die magische Marke genommen, ob der 9000er endlich bestiegen wird. Die Börsen sind auf Rekordjagd und es ist kein Ende abzusehen. Schöner könnte man nicht belegen, dass jeder Versuch, diesen Märkten Effizienz zu bescheinigen, nur aus unsinnigen Modellen abgeleitet werden kann.

Seit Monaten schon wird der Rausch an den Börsen hauptsächlich von zwei Nachrichten getrieben. Erstens: Die Lage bessert sich, was auch die Lage der Unternehmen verbessert. Ein Grund für die Kurse zu steigen. Zweitens: Die Lage verschlechtert sich, was die Notenbanken dazu nötigt, auch weiterhin die Zinsen sehr niedrig zu lassen und etwa im Falle der USA weiter Geld in die Märkte zu pumpen durch Aufkauf amerikanischer Staatsanleihen. Wiederum ein Grund für die Kurse zu steigen – denn wohin sonst mit dem ganzen Geld? Was auch immer geschieht, die Kurse an den Börsen ziehen an, und die Spekulationsblase wird immer dicker.

Damit ist zunächst klar widerlegt, dass die Märkte überhaupt wichtige und vernünftige Informationen verarbeiten. Denn wenn sich vollkommen widersprechende Informationen zum gleichen Ergebnis auf den Märkten führen, die diese „Informationen“ „verarbeiten“, dann kann es sich nicht um eine rationale Verarbeitung handeln. Die Tatsache, dass die Notenbanken verzweifelt an ihrer Nullzinspolitik festhalten, zeigt ja gerade, dass es den real produzierenden Unternehmen schlecht geht, was, rational betrachtet, nicht zu einer ständigen Höherbewertung solcher Unternehmen führen dürfte.

Tut es aber trotzdem, was bedeutet: Es liegt offensichtlich Herdenverhalten vor. Denn wenn es andere bedeutende Einflüsse gäbe – etwa durch Spekulanten, die gegen die allgemeine Euphorie dagegen halten –, könnten nicht gegenläufige Informationen den Markt in gleicher Weise nach oben treiben. Dass sich jeder einzelne in der Herde rational verhält, indem er an dem Aktienhype mitzuverdienen versucht, um dann rechtzeitig auszusteigen, macht das Gesamtergebnis nicht rationaler oder weniger schädlich für die Gesamtwirtschaft. Und dass am Ende nicht alle rechtzeitig aussteigen können, sondern einige, ja vermutlich recht viele satte Verluste machen werden, ist auch klar. Doch trotz dieser drohenden Verluste wird teilgenommen, schließlich hofft jeder, zu den Glücklichen am Anfang des Schneeballsystems zu gehören – wer glaubt nicht gern an die eigene Cleverness?

Man kann jetzt, wenn man nur die neoklassischen Scheuklappen abnimmt, klar sehen, dass das ganze Börsenspiel eine self-fulfilling-prophecy ist: Es werden eben nicht tatsächlich existierende oder konkret in Aussicht stehende Gewinne in eine entsprechende Börsenbewertung umgesetzt, sondern die Börsen setzen völlig losgelöst von der Realwirtschaft so lange auf Hausse, bis die Blase schließlich platzt. Bis zum Platzen werden aber munter „Gewinne“ gemacht und in die Bücher der Banken und der vermögenden Kunden geschrieben. Aus diesen Scheingewinnen werden auch hohe Gehälter und hohe Boni bezahlt, denn es sind ja die Vorstandsmitglieder der Banken, die für das „Investment“ verantwortlichen Manager und die Händler, die das äußerst lukrative (aber intellektuell so unendlich anspruchslose) Geschäft der „Gewinnproduktion aus dem Nichts“ betreiben.

Ja, die Finanzindustrie schafft wieder einmal Werte, indem sie sich kollektiv einbildet, die Werte seien tatsächlich vorhanden. Glauben nur genug Leute mit genug Geld an die Geschichte von den immer steigenden Kursen, dann steigen sie tatsächlich – zwar nicht für immer, aber doch für lange. Und wenn sie nicht mehr steigen, wenn sich die „geschaffenen Werte“ in Nichts auflösen, dann ist ja da immer noch der Staat, der die Banken und die anderen Zocker rettet, weil ja sonst das ganze System zusammenbricht.

Die Hoffnung, es könnte einen kompetenten Politiker geben, der sich jetzt dem offenkundigen Schwachsinn entgegenstellt und klarmacht, dass diesmal nicht mit der Hilfe der Politik zu rechnen ist, haben wir aufgegeben. Auch von Seiten der Ökonomen ist wieder einmal nichts zu erwarten. Hinterher werden sie es alle gewusst haben. Aber vorher zu sagen, dass hier auf unverantwortliche Weise mit den Spareinlagen und dem von der Zentralbank zur Verfügung gestellten Geld gezockt wird, das schafft kaum einer.

Lieber schimpft man auf die Zentralbanken, die das Geld zur Verfügung stellen. Schließlich muss man nicht verantwortlich zeichnen für die Folgen, die ein Ende der expansiven Geldpolitik zum jetzigen Zeitpunkt hätte. Diese Art von Kritik ist viel bequemer als sich mit Vehemenz dafür einzusetzen, dass die Zocker-Kanäle, in die das Geld fließt, durch eine strenge Re-Regulierung der Finanzmärkte verschlossen werden, um den Zentralbanken aus der Falle zu helfen. Dazu müsste man ja das neoklassische Weltbild hinterfragen, demzufolge das „Kapital“ nur möglichst frei um den Globus „fließen“ können muss, um seine beste, d.h. renditeträchtigste Verwendungsmöglichkeit finden zu können und so das größtmögliche, selbstverständlich reale Wirtschaftswachstum auf der Welt in Gang zu setzen.

Diese Vorstellungswelt aufzugeben und durch die Einsicht zu ersetzen, dass für reales Wachstum benötigtes Geld durch Kredite jederzeit aus dem Nichts ebendort geschaffen werden kann, wo es gebraucht wird (und nicht im Vorhinein angespart oder von internationalen Kapitalmärkten zur Verfügung gestellt werden muss), ist einfach zu viel verlangt von den Ökonomen. Wenn das Kind im Brunnen liegt und man als „Experte“ dann befragt wird, kann man ja nicht sagen, man wisse nicht, warum es da reingefallen ist. Rechtzeitig davor zu warnen, dass das Kind in den Brunnen fallen könnte, ist unfein und wird nicht so gern gesehen, wenn man an einem Lehrstuhl arbeitet, der zu Teilen oder ganz von den Zockern bezahlt wird.

Und erst recht ist ein solcher Sinneswandel zu viel verlangt von den Politikern, die ja froh sind, sich hinter solchen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien (ob sie sie nun verstehen oder nicht) verstecken zu können, damit sie nicht Farbe bekennen müssen gegen die Finanzindustrie und deren Lobbyisten. Wenn der freie Kapitalfluss gar nicht entscheidend für reales Wachstum ist oder sogar hinderlich, wie man derzeit sehr schön sehen kann, dann kann man sich bei Regulierungsfragen nicht mehr so einfach darauf hinausreden, man benötige internationale Vereinbarungen und gleiche Standards für alle, weil die Nachteile eines Alleingangs für das eigene Land zu groß seien. Diese Ausrede lässt man nicht so gern fahren. Man fragt sich, was schlimmer ist: die tatsächliche Überzeugung, auf das Kasino nicht wirklich verzichten zu können, oder das Vorschieben eines Arguments, dessen Windigkeit einem sehr wohl bewusst ist.

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