Eine dringende Frage an neoklassisch ausgebildete Ökonomen

Im Deutschlandfunk ging es am 22.10.2013 um den Mindestlohn. Wie viele Menschen könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn flächendeckend ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde eingeführt wird, wollte der DLF-Redakteur von Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, wissen.

Marcel Fratzscher antwortete, dass nach Berechnungen seines Instituts 5,6 Millionen Menschen in Deutschland einen Lohn von weniger als 8,50 Euro je Stunde erhalten. Und er sehe da „durchaus die Gefahr, (…) dass nicht alle 5,6 Millionen Menschen wirklich einen Wert von 8,50 für ihr Unternehmen erwirtschaften. Und dann ist in der Tat die Gefahr groß, dass Unternehmen sagen, nein, wir können die Menschen nicht weiter beschäftigen, und die Arbeitslosigkeit steigt“.

Das ist eine so hochplausible Argumentation, dafür muss man nicht einmal Ökonomie studiert haben, um es zu verstehen: Wenn ich jemandem mehr zahle, als er „erwirtschaftet“, dann kann das nicht lange gut gehen, weil es ein Verlustgeschäft ist. Sollte man zumindest meinen. Die neoklassische Ökonomik kann ungefähr dieselbe Aussage auch mit mathematischen Formeln beweisen, und das nennt sich dann Grenzproduktivitätstheorie. Da diese Formeln in fast jedem VWL-Lehrbuch stehen, müssen sie doch stimmen, oder?

Mir fallen allerdings ein paar Berufe ein, bei denen hätte ich den dringenden Wunsch, dass mir die neoklassischen Ökonomen einmal erklären, wie das genau funktioniert mit dem „erwirtschaften“ und mit der Produktivität.

So komme ich in Berlin auf verschiedenen Straßen rund um das Brandenburger Tor immer wieder an freundlichen Menschen vorbei, die als Beruf dort gelegene Botschaften und andere wichtige Gebäude bewachen. Die machen das ganze Jahr über Schichtdienst rund um die Uhr, bei Sonne und Regen, um ihre Bewachungsaufgaben zu leisten. Natürlich werden sie durch installierte Kameras unterstützt, aber ganz kann man an bestimmten Stellen auf diese Leistung nicht verzichten. Jetzt die Frage: Werden die eigentlich Jahr für Jahr produktiver? „Erwirtschaften“ die in diesem Jahr geschätzt 1,5% mehr Sicherheit als im Vorjahr?

Nächstes Beispiel ist der Busfahrer. Höhe, Breite und Länge beim Bus sind gesetzlich begrenzt, und somit passen auch nur begrenzt viele Fahrgäste hinein. Der Busfahrer fährt seine Schicht, hält die Geschwindigkeitsregeln ein und wird vermutlich (wegen zunehmendem Individualverkehr und immer mehr Stau) von Jahr zu Jahr in seiner pro Stunde durchschnittlich geleisteten Zahl an Personenkilometern immer schlechter. Müsste man ihm nicht den Reallohn jedes Jahr kürzen, weil er real immer weniger leistet? Er kann auch bei bestem Bemühen eigentlich nichts dafür, das ist klar, aber seine Produktivität wird nun mal messbar schlechter.

Auch bei Fensterputzern, Klavierstimmern, Psychotherapeuten, Fliesenlegern, Hornisten bei den Bayreuther Festspielen und vielen anderen Berufen scheinen mir die technischen Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung oft ausgereizt zu sein (während natürlich zuzugeben ist, dass wiederum andere Berufe im Rahmen des technischen Fortschritts sehr wohl produktiver werden). Wenn das stimmte, was Marcel Fratzscher und viele seiner Kollegen als Argument gegen den Mindestlohn sagen, dürften die Löhne oder wenigstens die Reallöhne bei den Fensterputzern usw. nicht steigen, oft sogar sinken.

Für den Fall, dass die den Mindestlohn ablehnenden neoklassisch ausgebildeten Volkswirte auf meine Fragen nicht antworten mögen, weil sie ihnen irgendwie nicht ins bewährte Denkmodell passen, will ich die Antwort selber geben: Das Geschwätz vom „Erwirtschaften“ und von der Produktivität des einzelnen ist Humbug. Ich hatte in einem verwandten Zusammenhang schon vor ein paar Tagen darauf hingewiesen, dass man in unübersehbar vielen praktischen Fällen und Berufen nicht sinnvoll von der Produktivität des einzelnen sprechen kann. Schon gar nicht kann man sie objektiv messen. Und auch der tatsächlich am Markt ausgehandelte Lohn für bestimmte Arbeiten ist kein brauchbarer Indikator für die Produktivität einzelner Menschen oder bestimmter Berufe. In ganz besonderem Maße gilt das für Tätigkeiten, die nur eine geringe Qualifikation verlangen und die fast jeder ausüben kann. Und genau um diese Tätigkeiten geht es beim Mindestlohn.

Es bleibt hier, eben weil man sich all diese sinnfreien „Produktivitätsmessungen“ sparen kann, nichts anderes übrig, als einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn so hoch zu wählen, dass ein durchschnittlicher Mitarbeiter am Ende des Monats soviel Einkommen erzielt, wie er für ein bescheidenes Leben deutlich oberhalb von Hartz IV benötigt. Und gemessen an diesem Maßstab sind 8,50 Euro pro Stunde, von denen im geringeren Umfang Steuern und im größeren Umfang Sozialversicherungsabgaben noch abzuziehen sind, nach meiner Auffassung ein zu geringer Wert.

Damit es nicht in Vergessenheit gerät, ist folgendes Postscriptum angezeigt: Dieser gesetzliche und flächendeckende Mindestlohn erfüllt seine gesamtwirtschaftliche Funktion auf Dauer nur, wenn er in Form eines gesetzlichen Automatismus (statt ständig dem politischen Basar ausgeliefert zu sein) jährlich um nominal 1,9% (Zielinflationsrate der EZB) plus die Veränderung der gesamtwirtschaftlichen Stundenproduktivität erhöht wird. Sollte die SPD vorhaben, in den demnächst beginnenden Verhandlungen für eine Koalition mit der CDU/CSU einen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde durchzusetzen und sich dann, zutiefst von der eigenen Leistung beeindruckt, für die nächsten zehn Jahre auf diesem Wert auszuruhen, ist im Grunde wenig gewonnen.

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