Archiv | 29.10.2013

Inflation schadet der Kaufkraft – klar. Oder doch nicht?

Ein Leser erkundigt sich nach dem Zusammenhang von Kaufkraft und Inflation bzw. Deflation. Er fragt sich, wie eine sich verschlechternde Kaufkraft, also ein Rückgang der realen Masseneinkommen, mit der von uns regelmäßig geäußerten Warnung vor Deflation einhergehen könne. Denn sei es nicht so, dass Inflation an der Kaufkraft von Arbeitnehmern und Rentner zehre, während bei Deflation, d.h. bei fallenden Preisen, quasi mehr in den Taschen der Konsumenten stecke?

Hier unsere Antwort auf diese sicher auch für andere Leser interessante Frage: Stellen Sie sich einmal vor, es herrsche Preisstillstand, also weder Inflation noch Deflation. Dann hängt die Entwicklung der Kaufkraft der Bürger von der Entwicklung ihrer nominalen Einkommen ab. Die nominale Entwicklung ist wegen des unterstellten Preisstillstandes identisch mit der Entwicklung ihrer realen Einkommen. Steigen die Arbeitseinkommen z.B. dank Produktivitätszuwachs, der in den Stundenlöhnen weitergegeben wird, dann nimmt die Kaufkraft der Arbeitnehmer in gleichem Umfang zu.

Herrscht allerdings Inflation, schmälert das die Kaufkraft, weil von den nominalen Einkommen weniger real übrig bleibt – genau wie es der Leser beschreibt. Ob die Kaufkraft insgesamt (trotzdem noch) steigt, hängt von dem Zuwachs der nominalen Einkommen im Vergleich zur Inflationsrate ab. Im schlimmsten Fall kann die Kaufkraft trotz nominalen Zuwachses der Einkommen sinken, wenn nämlich die Inflationsrate höher ist als dieser Zuwachs. Es kann aber auch so kommen, dass die Kaufkraft steigt, obwohl die Inflation 2 oder 3 Prozent beträgt.

Herrscht Deflation, ist es umgekehrt: Dann steigt die Kaufkraft selbst bei konstanten Nominaleinkommen und erst recht bei steigenden Nominaleinkommen. Nur wenn die Nominaleinkommen stärker schrumpfen, als die Preise fallen, sinkt die Kaufkraft.
Soweit zur reinen Mathematik.

Der inhaltlich spannende Punkt ist die Frage, ob und, wenn ja, wie die Entwicklung der Nominaleinkommen mit der Preisentwicklung zusammenhängt. Kommen beide Größen unabhängig voneinander zustande, dann stellt in der Tat jede Preissteigerung ein Ärgernis aus Sicht der Bezieher von Arbeitseinkommen und aller daraus abgeleiteter Einkommen (Renten, Lohnersatzleistungen) dar. Wachsen die Nominaleinkommen gar systematisch langsamer als die Preise, senkt Inflation die Kaufkraft regelmäßig und wird zu Recht als „unsozial“ wahrgenommen. Nehmen beide Größen hingegen immer ungefähr gleich viel zu, kann es den Beziehern von Arbeitseinkommen ziemlich egal sein, welche Inflationsrate gerade herrscht. Sollte es aber so sein, dass ein gewisses Maß an Inflation, sagen wir ein Wert zwischen 1,5 und 3 Prozent, systematisch mit einem Zuwachs der nominalen Arbeitseinkommen von mehr als diesem Wert einhergeht, dann wäre Inflation geradezu wünschenswert in Hinblick auf die Entwicklung der Kaufkraft

Welche Konstellation ist zu erwarten? Nun, wenn die Wirtschaft brummt, steigen normalerweise auch die Preise, sagen wir um 2 %, manchmal sogar ein bisschen mehr. Zugleich jedoch macht sich die konjunkturell gut laufende Wirtschaft in Investitionszuwächsen und damit Produktivitätszuwächsen bemerkbar. Werden die in den nominalen Stundenlöhnen zusätzlich zur Zielinflationsrate von 2% weitergegeben (etwa weil die Verhandlungsposition der Gewerkschaften in Boomzeiten stark ist), dann steigen die Arbeitseinkommen mehr als die Preise, d.h. sie nehmen real zu. Mit anderen Worten: Dann steigt die Kaufkraft.

In wirtschaftlich schlechten Zeiten hingegen müssen Unternehmen oft Preiszugeständnisse machen, d.h. die Preise sinken auf breiter Front, die Inflationsrate geht zurück und wird im schlimmsten Fall negativ. Das sieht für sich betrachtet irgendwie gut aus für die Kaufkraft. Aber es ist zu kurz gedacht. Zugleich nehmen nämlich die nominalen Stundenlöhne wegen schwacher Verhandlungsposition der Gewerkschaften wenig oder gar nicht mehr zu oder sie sinken sogar. (Die Lohnsumme selbst, also das Produkt aus Stundenlohn und geleisteten Arbeitsstunden, geht sogar dann zurück, wenn die Stundenlöhne konstant bleiben, nämlich für den Fall, dass die Arbeitslosigkeit steigt. Und dass das in Rezessionen geschieht, liegt auf der Hand.) Das heißt, den Arbeitnehmern nützen die sinkenden Preise in Sachen Kaufkraft wenig, weil sie auch weniger verdienen. Und dass sie weniger verdienen, hängt eben gesamtwirtschaftlich damit zusammen, dass bei schlechter Konjunktur die Investitionen zurückgefahren werden und damit die Produktivität auch weniger oder irgendwann gar nicht mehr steigt.

(Dass Arbeitnehmer in einer Krise ausgenützt und quasi wie Zitronen ausgepresst werden durch „Arbeitsverdichtung“, ist eine traurige Tatsache, die der obigen Aussage nicht widerspricht. Das heißt, es kann empirisch sehr wohl Konstellationen geben, in denen die Produktivität nicht den Rückgang der Investitionstätigkeit widerspiegelt. Das sind dann jedoch regelmäßig auch Zeiten, in denen die Produktivitätszunahme nicht von entsprechenden Lohnzuwächsen begleitet wird.)

Zusammengenommen: Die Entwicklung der Kaufkraft hängt nicht isoliert von Inflation und Deflation ab. Die nominalen Einkommen sind niemals eine als gegeben zu betrachtende Größe anzusehen, von der für die Arbeitnehmer mehr übrig bleibt, wenn obendrein Deflation herrscht. Nein, Deflation beeinflusst bereits die Entstehung der Nominaleinkommen, und zwar negativ. Ob unter’m Strich bei der Kaufkraft dann noch was Positives rauskommt (also ob die negative Entwicklung der Nominaleinkommen von der Deflation mehr als wettgemacht werden kann), ist bei weitem nicht gesagt. Die Theorie und erst recht die Empirie liefern das Ergebnis, dass bei Deflation die Kaufkraft fällt. Bei mehr oder weniger stabiler Inflation in einer Größenordnung von 2 oder 3% hingegen steigt die Kaufkraft in aller Regel. Bei Hyperinflation ist das selbstverständlich anders, da ist es mit dem Zuwachs der Kaufkraft schnell vorbei, weil die Preise an den Nominaleinkommen sozusagen vorbei galoppieren.

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