Kerstin Andreae will Schulden tilgen. Ist sie deswegen eine Realo und eine Wirtschaftsexpertin?

Anhand der jüngsten Personaldiskussion bei den Grünen kann man schön erkennen, wie Begriffe unser Denken prägen bzw. prägen sollen. Die Kandidatin für den Fraktionsvorsitz, Kerstin Andreae, wird regelmäßig in den Medien als wirtschaftskompetent, als wirtschaftsnah oder als Realo gekennzeichnet. Das geht meist so kreuz und quer durcheinander, dass der Eindruck entsteht, das sei alles im Prinzip das Gleiche.

Besonders interessant ist, dass schon der alte Begriff „Realo“ suggeriert, dass man es hier mit einer Person zu tun hat, die einen realistischen Blick auf die Dinge hat. Wenn dann aber noch „wirtschaftskompetent“ oder etwas ähnliches hinzukommt, dann weiß man schon ganz genau, dass die Kompetenz darin liegt, ein Verständnis von Wirtschaft zu haben, das dem Selbstverständnis der Wirtschaft ziemlich nahekommt. Auf den Gedanken, dass das in den meisten Fragen der Wirtschaftspolitik für eine ganze Volkswirtschaft genau das Gegenteil von Kompetenz sein kann, kommt dann natürlich niemand mehr, weil von vorneherein die schwäbische Hausfrau das Denken regiert.

Frau Andreae verweist auf ihrer eigenen Homepage auf eine aktuelle Rede im Bundestag, in der sie unter anderem in Richtung Bundesfinanzminister feststellte:

„Nun kommt Kanzlerin Merkel und sagt: Wohlstand auf Pump geht nicht mehr. Das muss allen klar sein. – Sorry, aber uns ist das klar. Wohlstand auf Pump geht wirklich nicht mehr. … Obwohl Ihnen pro Jahr 25 Milliarden Euro in den Schoß fallen, liegt die  Nettoneuverschuldung im nächsten Jahr bei 6 Milliarden Euro. Mit Haushaltskonsolidierung hat das gar nichts zu tun. Das ist nichts anderes als eine Finanzierung auf Pump. … Sie haben keinen konkreten Vorschlag auf den Tisch gelegt, aus dem hervorgeht, wie Sie die Schuldenberge abbauen wollen. … Im Augenblick ist das, was Sie machen, nichts anderes als Getöse. Sie versprechen vielen Menschen ganz viel und hoffen so, die  Wahl zu gewinnen. Das ist nicht nur nicht seriös, sondern auch unehrlich. Das alles stimmt hinten und vorne nicht mehr. Das werden Ihnen die Menschen nicht durchgehen lassen.“

Wohlstand auf Pump geht nicht mehr, was soll man dazu sagen? Liebe Frau Andreae, Sie sollten flassbeck-economics lesen! Was Sie sagen, ist nichts anderes, als dass Wohlstand überhaupt nicht mehr geht. Und das sagen Sie genau in dem Augenblick, wo die „Realos“ in Ihrer Partei erkennen, dass Grün ohne Wohlstand auch nicht geht. Was zeigt, dass die Realos bei den Grünen dringender noch als die „Wirtschaftsexperten“ in den anderen Parteien einen Crash-Kurs in Sachen Makroökonomie brauchen. So lang sie den nicht machen, ist alles Gerede von Realos und Fundis so sinnlos wie das Verteilen von Attributen wie Wirtschaftsnähe oder Wirtschaftskompetenz.

Anmelden