Archiv | 27.11.2013 (editiert am 25.05.2016)

Vor der neuen (großen) Koalition – Wie man auf einfache Art beweisen kann, dass die Agenda-Politik in Deutschland gescheitert ist und ihre Fortsetzung Europa in den Abgrund führt, Teil I

Wir haben bei flassbeck-economics in den letzten Monaten sehr viel empirisches Material zusammengetragen, mit dem man ohne weiteres zeigen kann, dass die Agenda-Politik der rot-grünen Koalition zu Anfang dieses Jahrhunderts gründlich gescheitert ist. Ich habe diese Beweisführung bei meinen Vorträgen schon einige Male in den Höhlen verschiedener Löwen vorgeführt und es ist für alle Zuhörer, Zustimmende und Skeptiker, beeindruckend, wie überzeugend man mit einem internationalen Vergleich darlegen kann, dass das eigentliche Ziel dieser Politik nicht erreicht und dass gleichzeitig die extrem gefährliche europäische Dimension völlig übersehen wurde.

Daher will ich in zwei Aufsätzen versuchen, diese Geschichte auch hier einmal so zu erzählen, dass jedem klar wird, was warum schief gelaufen ist. Das ist zum einen notwendig, weil in der Wissenschaft – vor allem in Deutschland – noch immer sehr simpel nach dem Motto argumentiert wird: Wenn man wie in Deutschland zu Agenda-Zeiten eine (relative) Lohnsenkung (gegenüber dem Ausland) in das System eingibt und am Ende mehr Beschäftigung und weniger Arbeitslose herauskommen, dann muss die Politik erfolgreich gewesen sein. Die meisten Ökonomen lernen heute an den Universitäten leider nicht mehr, wie man differenziert und kritisch an eine solche Frage herangeht. Um ernst genommen zu werden, macht man ökonometrische Tests, und wenn dann das erwartete Ergebnis herauskommt (Lohnsenkung führt zu mehr Beschäftigung), kann es gar keine Zweifel mehr an der Richtigkeit dieser Theorie geben.

Zum anderen muss man die deutsche Politik jetzt, wo die Weichen für die nächsten vier Jahre gestellt werden, noch einmal davor warnen, wieder und wieder auf die Agenda-Geschichte hereinzufallen und die alten Fehler auf der europäischen Ebene zu wiederholen. Einige in der SPD haben immerhin verstanden, dass schwerwiegende Fehler der Agenda dringend zu korrigieren sind. Aber in Kombination mit der Union, die der größte Fan der Agenda ist, und angesichts der zu erwartenden Besetzung der Ministerposten kann man nicht erwarten, dass es im nächsten Bundeskabinett auch nur eine Stimme von Gewicht gibt, die in der Lage wäre, neue fatale Weichenstellungen zu verhindern.

Was war die entscheidende Größe, bei der sich Deutschland seit Beginn der 2000er Jahre massiv von anderen vergleichbaren Ländern abgesetzt hat? Nun, das waren eindeutig die Löhne. Deutschland hat in den Jahren 1999 folgende unter massivstem Druck aus der Regierung radikal mit seiner eigenen Tradition gebrochen, nach der die Nominallöhne der Produktivitätsentwicklung und der Zielinflationsrate folgen sollten. Im Gefolge sind die Reallöhne weit weniger stark gestiegen als die Produktivität, es gab eine Umverteilung zugunsten der Unternehmen. Doch wie ist das zustande gekommen? Wieso machten die Unternehmen überhaupt höhere Gewinne? Wurde die Nachfrage der Arbeitnehmer von der Reallohnentwicklung nicht negativ beeinflusst? Hätte man nicht im Lichte der bei flassbeck-economics vertretenen Theorie vermuten müssen, dass es zu dieser Umverteilung gar nicht kommt, weil sich die Lohnmoderation unmittelbar in einem geringeren Nachfragezuwachs von Seiten der privaten Haushalte niederschlägt? Diese Nachfrageschwäche würde den Unternehmen von vorneherein die Möglichkeit nehmen, in den vollen Genuss der Umverteilung zu kommen, weil sie gezwungen sind, ihre Preise nach unten anzupassen. In einem solchen Szenario würde sich, so wie das viele Keynesianer auch erwartet hatten, die Lohnsenkung sehr schnell in Preissenkungen niederschlagen, so dass von der ursprünglich geplanten Lohnsenkung in realer Rechnung nichts (oder nur sehr wenig) bei den Arbeitnehmern ankommt.

Hier liegt in der Tat der Knackpunkt der Analyse. Sowohl Keynesianer als auch Neoklassiker lagen schon häufig falsch, weil sie meist von den Bedingungen einer relativ geschlossenen Volkswirtschaft ausgehen bzw. von einer Volkswirtschaft, die über ein System flexibler Wechselkurse mit dem Rest der Welt verbunden ist. Deutschland aber war schon zu Beginn dieses ‚Experiments in neoklassischer Ökonomie‘ eine relativ offene Volkswirtschaft und wurde im Laufe der Jahre und als Ergebnis der Lohnmoderation zu einer extrem offenen Volkswirtschaft, die zudem Mitglied einer großen Währungsunion ist.

Beginnen wir bei den Fakten mit der Entwicklung der Reallöhne pro Stunde (vgl. Abbildung 1). Im Vergleich vier großer Länder (USA, Großbritannien, Frankreich und Italien) mit Deutschland fällt die deutsche Lohnentwicklung klar aus dem normalen Rahmen. In Deutschland steigen die Reallöhne während zehn langer Jahre (von 2000 bis 2010) fast gar nicht, während sie in den anderen Ländern – mit Ausnahme Italiens – doch zumindest bis zur Finanzkrise 2008/2009 kontinuierlich zulegen.

Abbildung 1

Abb 1 Reallöhne intnat

Dass Italien zum Vergleich mit Deutschland hier nicht taugt, kann man an der Produktivitätsentwicklung pro Stunde sofort sehen (vgl. Abbildung 2). Gemessen an der Entwicklung der Arbeitsproduktivität pro Stunde gehört Deutschland klar zur Gruppe der anderen drei, während Italien der Ausreißer nach unten ist. Das relativiert die italienische Reallohnzurückhaltung in ihrer Bedeutung: Wo kaum Produktivitätszuwachs vorhanden ist, da können auch die Reallöhne nicht groß zulegen.

Abbildung 2

Abb 2 Prod intnat

Beides zusammen – die „normale“ Produktivitätsentwicklung in Deutschland und der dagegen verschwindend geringe Anstieg der deutschen Reallöhne – bedeutet, dass sich durch die bewusste und politisch orchestrierte Lohnzurückhaltung in Deutschland ein wachsender Spielraum für die deutschen Unternehmen ergeben hat, im Außenhandel entweder über Preissenkung den anderen Handelspartner Marktanteile abzujagen oder bei unveränderten Preise erheblich größere Gewinne zu erzielen als die Unternehmen in den Ländern mit „normaler“ Lohnentwicklung. Der Preis dafür war allerdings eine schwache Binnennachfrage, weil die privaten Haushalte in Deutschland erwartungsgemäß auf ihre dramatisch verschlechterten Einkommensperspektiven mit einer Einschränkung ihres Konsums reagierten. Der private Verbrauch blieb bis zuletzt extrem schwach und passte sich der Stagnation der Reallöhne pro Stunde fast perfekt an (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3Abb 3 Konsum D

In Sachen Export allerdings schlug Deutschland alle anderen weit aus dem Feld. Seine Exporte explodierten förmlich in den Jahren 2006 und 2007 sowie nach der Finanzkrise. Deutschland konnte seine globalen Marktanteile trotz der aufkommenden Konkurrenz durch China behaupten, während die übrigen Industrieländer weit zurückfielen. Der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg in Deutschland von etwas über 30 Prozent auf über 50 Prozent.

Abbildung 4Abb 4 Exp intnat

Daraus ergab sich eine in der Geschichte selten gesehene gespaltene Wirtschaftsentwicklung (vgl. Abbildung 5). Während die Exporte abhoben, blieb die Binnennachfrage über all die Jahre am Boden und hat sich bis heute nicht erholt.

Abbildung 5Abb 5 inl Verw Exp D

Dies beinhaltet den Schlüssel zur Lösung des Agenda-Rätsels: Es gab nicht einen Kanal, über den die Lohnsenkung auf die Güter- und Arbeitsmärkte wirkte, sondern es gab zwei vollkommen unterschiedliche Kanäle: den Binnenmarktkanal und den Exportkanal. Der erste war ein Desaster für die herrschende Lehre, der zweite begründete die scheinbare Erfolgsstory Deutschlands.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum die Erfolgsstory keine ist und warum der versagende Binnenmarktkanal die herrschende neoklassische Lehre vollständig widerlegt.

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