Archiv | 21.11.2013

Hat Paul Krugman recht oder hat er unrecht? Auf jeden Fall ist er inkonsistent, wenn es um buchhalterische Zusammenhänge geht

Als Paul Krugman vor einiger Zeit den neuen Nobelpreisträger Eugene Fama kritisierte, hat er in hervorragender Weise die Bedeutung buchhalterischer Zusammenhänge für die ökonomische Analyse deutlich gemacht. Er schrieb als Antwort auf Famas Behauptung, dass eine höhere Sparquote zu höheren Investitionen führt: „ Auch wenn er überhaupt keine Ahnung von der Geschichte der Makroökonomie hätte, sollte sich Fama gleich einmal selbst fragen, warum die Kausalität überhaupt von Ersparnissen zum Investieren führt. Warum sollte es nicht umgekehrt laufen?“ Nun, das ist genau die Frage, die Krugman sich selbst hätte stellen sollen, als er sich mit einem anderen buchhalterischen Zusammenhang beschäftigte, nämlich mit dem, wonach die ausländischen Ersparnisse immer genau gleich dem inländischen Leistungsbilanzdefizit sind.

Im Fall des inländischen Sparens kommt Krugman zu einem vernünftigen Ergebnis, weil er die Dynamik des Gesamteinkommens betont. Wenn die Verbraucher sich entscheiden, ihre Ausgaben zu reduzieren, um mehr zu sparen, bedeutet das für die Unternehmen, dass es zu ungeplanten Lagerbeständen kommt, und sie deswegen ihre Investitionen eher zurückfahren als vergrößern. Daraus schließt Krugman, dass in diesem Fall „die Verbraucher/Konsumenten sich in einer Situation befinden, in der sie nicht so viel sparen können wie geplant, weil ihr Einkommen sinkt. Natürlich werden diese unbeabsichtigten Ergebnisse zu weiteren Verhaltensänderungen führen, wobei die Firmen die Produktion zurückfahren, und die Konsumenten das Sparen wieder reduzieren, bis schließlich eine Art Gleichgewicht erreicht wird, wo das gewünschte Sparen und das gewünschte Investieren sich entsprechen; dieses neue Gleichgewicht ist aber nicht notwendigerweise eines, bei dem die Investitionen gestiegen sind, die Investitionen könnten auch gefallen sein“.

Und auch seine allgemeine Schlussfolgerung ist richtig: „Der Punkt ist jedenfalls, dass buchhalterische Zusammenhänge nur bis zu einem gewissen Grad aussagekräftig sind. Wenn man behauptet, dass diese Zusammenhänge einem alles erklären, ohne eine Vorstellung davon, wie die Dinge zusammenhängen, ist das einfach nur schlechte Ökonomie.“ Wenn es aber um externes Sparen und das buchhalterische Gegenstück dazu geht, kommt er nicht zu dieser Erkenntnis.

In seiner Antwort auf die deutsche Kritik nach der Kritik des amerikanischen Finanzministeriums am deutschen Leistungsbilanzüberschuss schreibt er:

„Ein grundlegender buchhalterischer Zusammenhang lautet, dass

Leistungsbilanz = Ersparnisse – Investitionen.

Jede Geschichte über die Bestimmung der Leistungsbilanz muss diesen Zusammenhang berücksichtigen … . Während es beeindruckend ist, dass Deutschland einen Überschuss trotz ziemlich hoher Kosten für den Faktor Arbeit hat, und dies beweist, dass die deutschen Güter eine gute Qualität haben, so reflektiert der Überschuss am Ende doch die hohen Ersparnisse im Verhältnis zu den Investitionen.“

Es ist ein bisschen traurig, dass Paul Krugman, den die Welt so sehr als kritische Stimme braucht, offensichtlich diese höchst fundamentale Beziehung in der externen Dynamik unserer Volkswirtschaften nicht ganz begreift. Aber das ist nicht neu. In einem Papier, das ich 2010 bei UNCTAD schrieb, (und ich zitiere hier daraus), hat Krugman bereits 1992 gesagt: “Ein externes Defizit (also ein Leistungsbilanzdefizit, HF) muss als Gegenstück einen Überschuss von inländischen Investitionen über inländische Ersparnisse haben, ….. und deswegen ist es nahe liegend, nach Quellen für das Defizit zu suchen, die in einer autonomen Veränderung der nationalen Sparquote liegen.“ (Krugman 1992, S. 5)

Jedoch, und nun kann ich einfach mit dem alten Text fortfahren, „es ist nicht gerechtfertigt, davon auszugehen, dass dieser Zusammenhang kausal gedeutet werden kann, und dem Sparen eine besondere Rolle in dem Prozess einzuräumen. Die Tatsache, dass sich aus einer Ex-Post-Perspektive in einem Land eine Lücke zwischen Sparen und Investieren auftut, deutet nicht auf eine „autonome“ Entscheidung irgendeines ökonomischen Agenten in irgendeinem der beteiligten Länder hin. Die Pläne einer Gruppe von Akteuren können nicht realisiert werden ohne die hoch-komplexe Interaktion dieser Pläne mit den Plänen anderer Akteure sowie preisliche und mengenmäßige Veränderungen, und das alles unter der Bedingung objektiver Unsicherheit bezüglich der Zukunft. Um der ex post Gleichheit von Ersparnissen und Investitionen einen Informationsgehalt zu geben, ist es notwendig, die Variablen zu identifizieren, die wiederum Sparen, Konsum und Investitionen determinieren und folglich das Nationaleinkommen bestimmen, zusammen mit den Einkommen aller anderen beteiligten Länder.

In einem nicht-stationären Umfeld vergrößert jede Ausgabenerhöhung (Zunahme der Nettoverschuldung eines Sektors) die Gewinne, und jede Zunahme des Sparens (Entstehung oder Vergrößerung einer Netto-Gläubiger-Position) reduziert die Gewinne. Ob Sparen oder Investieren sich hier oder da verändern, ob die Begünstigten (oder Verlierer) des Anpassungsprozesses in dem Land beheimatet sind, wo der Schock entstand, oder in anderen Ländern, ändert am Lauf der Dinge nichts. Die Entscheidung einer bestimmten Gruppe ökonomischer Agenten (privat oder öffentlich, in- oder ausländisch), weniger von ihrem laufenden Einkommen auszugeben, vermindert die Gewinne. Somit ist es gerade umgekehrt, wie man nach Krugmans Äußerung erwarten könnte. Ein kleineres Leistungsbilanzdefizit (das bedeutet, dass weniger ausländische Ersparnisse ins Land kommen) kann tatsächlich höhere inländische Gewinne bedeuten und mehr Investitionen statt eines Rückgangs der Investitionen.“

Ein Leistungsbilanzdefizit oder ein wachsender „Zufluss ausländischer Ersparnisse“ entpuppt sich oft als das Ergebnis sinkender Terms of Trade oder einer dauerhaften Aufwertung der Währung. Steigende Ölpreise zum Beispiel, die durch eine steigende Nachfrage in einem neuen großen Verbraucherland wie China induziert werden, erhöhen die Ölrechnung in den Industrieländern, weil die Nachfrageelastizität nach Öl kurzfristig sehr gering ist. Das bedeutet, dass auch bei höheren Preisen die gleichen Mengen wie vorher nachgefragt werden. Ein Leistungsbilanzdefizit in den Verbraucherländern ergibt sich nun sehr leicht dadurch, dass die höhere Ölrechnung vom internationalen Bankensystem finanziert wird (was wiederum leicht gemacht wird durch die Tatsache, dass die Banken erwarten können, dass die Erdöl exportierenden Länder ihre zusätzlichen Erlöse schnell auf die Kapitalmärkte in die Verbraucherländer zurück exportieren). Dann sehen wir zwar „ausländische Ersparnisse“ in der Statistik, aber der Ursprung dieser „ausländischen Ersparnisse“ war eindeutig nicht die Entscheidung der privaten Haushalte in Saudi-Arabien, mehr als zuvor zu sparen.

Eine reale Aufwertung der heimischen Währung bringt normalerweise die Verbraucher dazu, mehr ausländische Produkte zu kaufen, und reduziert die Nachfrage von vergleichbaren inländischen Produkten. Wenn das Bankensystem des Handelspartners bereit und in der Lage ist, die dadurch entstehende Lücke zwischen Importen und Exporten zu finanzieren (was einfach ein Verbraucherkredit für ausländische Kunden ist), wird das inländische Einkommen sinken, weil die Erträge und Gewinne (die unternehmerischen Ersparnisse) der inländischen Firmen sinken (während die Gewinne in den Abwertungsländern steigen). Auch in diesem Fall zeigen die buchhalterischen Zusammenhänge, eine Zunahme von ausländischer Ersparnis, aber auch diesmal, ohne dass ein einzelner privater Haushalt in den anderen Ländern die autonome Entscheidung getroffen hat, mehr als zuvor zu sparen.

Wenn sich ein Mitglied einer Währungsunion wie Deutschland entscheidet, politischen Druck auf die einheimischen Lohnverhandlungen auszuüben, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, werden als erstes (als Folge dieses Effekts, der auf eine reale Abwertung hinausläuft) die heimischen Waren auf den Märkten der Handelspartner billiger und ausländische Produkte werden von den deutschen Produkten verdrängt. Wenn die einheimischen Firmen der andern Mitglieder der Währungsunion ihre reale Aufwertung und den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit hinnehmen, werden deren Banken die immer größer werdende Lücke zwischen Importen und Exporten so lange finanzieren, wie sie auf die Refinanzierung durch die EZB innerhalb der Währungsunion zählen können. Das ist offensichtlich so lange der Fall, so lange kein allgemeines Misstrauen hinsichtlich der Fähigkeit der Schuldnerländer entstanden ist, ihre Schulden irgendwann zurückzuzahlen und den Zinsdienst zu leisten.

Wiederum ist nichts bei den Sparern in Deutschland passiert. Weder private noch öffentliche Haushalte haben ihr Verhalten geändert. Die deutschen Firmen, die wegen des politischen Drucks auf die Löhne im Vorteil sind, machen mehr Gewinn im Auslandsgeschäft als zuvor, und ausländische Firmen machen weniger Gewinn. Dennoch gibt es einen Leistungsbilanzüberschuss in Deutschland, was in der buchhalterischen Identität so aussieht, also ob Deutschland mehr spart als zuvor. Und wieder hat Krugman offensichtlich recht: „Wenn man behauptet, dass diese Zusammenhänge einem alles erklären, ohne eine Vorstellung davon, wie die Dinge zusammenhängen, ist das einfach nur schlechte Ökonomie.“

Folglich ist die Kapitalfluss-Hypothese, mit der man auch in Deutschland die Euro-Krise zu erklären versucht, falsch. Die Vorstellung, dass Deutschland einen Sparüberschuss hatte, und dass die deutschen Ersparnisse in Spanien, Italien oder Frankreich benötigt wurden, um dort Häuser und Hotels zu bauen, ist durch nichts gerechtfertigt. Um den riesigen deutschen Leistungsbilanzüberschuss zu erklären, reicht es nicht aus zu argumentieren, dass die niedrigen Zinsen in Deutschland den deutschen Sparer dazu brachten, im Ausland zu investieren. Tatsächlich waren die nominalen Zinsen überall in der Eurozone genau gleich hoch wie in Deutschland, und die realen Zinssätze waren im Rest der Eurozone niedriger, denn, wie wir immer wieder betonen, die Preise und Löhne waren dort auf einem höheren Wachstumspfad als in Deutschland.

Noch eine nicht ganz ernst gemeinte Anmerkung zum Schluss: Folgt man der Logik von Professor Sinn – und der Logik von Krugman im Falle der externen Defizite -, muss man heute konstatieren, dass die deutschen Sparer nie aufgeben. Unermüdlich suchen sie auf der ganzen Welt nach neuen Anlagemöglichkeiten. Nachdem sich viele der traditionellen Schuldner in der Eurozone in einer kritischen Situation befinden, überschwemmen die deutschen Ersparnisse nun die Schwellenländer und die Vereinigten Staaten mehr als je zuvor. Sogar China, ein Land, von dem man dachte, es sei der wichtigste Sparer auf der Welt, ist in letzter Zeit mehr und mehr auf die deutschen Ersparnisse angewiesen. Warum ist das so? Warum ist Frankreich nicht in der Lage, seine privaten Haushalte davon zu überzeugen, dass sie mehr sparen und diese Ersparnisse im Ausland investieren sollen, anstatt durch Lohnsenkung zu versuchen, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern? Italien hat es übrigens kürzlich geschafft, in den Club der Nettosparer aufgenommen zu werden. Das Land verzeichnet einen Leistungsbilanzüberschuss. Haben die italienischen privaten Haushalte endlich verstanden, dass ihr Verhalten der Schlüssel zum Erfolg der ganzen Volkswirtschaft ist? Bleibt nur noch die Frage, warum Italien die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg durchmachen und rapide fallende Importe hinnehmen musste, um dahin zu gelangen, während Deutschland es ohne solche Schmerzen geschafft hat.

Unter dem Strich muss man feststellen, dass wir offenbar eine viel bessere Theorie brauchen, um zu verstehen, was los ist. Die buchhalterischen Zusammenhänge sind wichtig und müssen respektiert werden, eine Theorie ersetzen können sie nicht!

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