Archiv | 04.11.2013

Karlsson vom Dach verschärft die Eurokrise

Wenn Sie Kinder haben und denen jahrelang Kinderbücher vorgelesen haben, kennen Sie mit Sicherheit die Geschichte mit der Gardine aus „Karlsson fliegt wieder“ von Astrid Lindgren. Karlsson, der vorlaute kleine Junge mit dem Propeller auf dem Rücken, besucht seinen Freund Lillebror und macht sich ungefragt am Staubsauger zu schaffen. Dabei saugt er nicht nur den Fußboden, sondern auch eine Gardine, die ebenso plötzlich wie vorhersagbar im Staubsauger verschwindet. Karlsson zerrt sie wieder heraus, wobei die Gardine zum Teil zerreißt und außerdem schwarze Flecken bekommt. Auf Lillebrors Vorhaltungen, die Gardine sei jetzt ganz schwarz, antwortet Karlsson ungerührt: „Jaja, und du meinst, so eine Gardine brauche nicht abgesaugt zu werden, du kleiner Schmutzfink“.

So viel Chuzpe muss man erst einmal haben, und daran musste ich denken, als ich Hans Bentziens Kommentar Wer ist der größere Schurke – Deutschland oder China? im Wall Street Journal Deutschland las. Er berichtet über die Kritik des US-Finanzministeriums an Deutschland und gibt dabei folgende Ansicht des Chefvolkswirts der Berenberg Bank, Holger Schmieding, wieder: „Zwar habe Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss von 7 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, doch gegenüber den Eurozone-Staaten sei der Überschuss von 5 Prozent im Jahr 2008 auf 2 Prozent gesunken“. Dasselbe Argument wird übrigens auch von Marcel Fratzscher und in anderen Medien aufgegriffen.

Jahrelange hohe Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands gegenüber vielen seiner Partner in der Eurozone bedeuten nichts anderes als zunehmende finanzielle Forderungen Deutschlands gegenüber diesen Partnern und spiegelbildlich dazu eine immer höhere Verschuldung dieser Länder. Wenn außerdem Deutschland massiven Druck ausübt, dass in diesen verschuldeten Ländern eine katastrophale Kürzungs- und Deflationspolitik durchgesetzt wird, und dann in Folge einer schrumpfenden Wirtschaft die Importe dieser Länder aus Deutschland notgedrungen tatsächlich sinken – dann soll das nach Auffassung von Holger Schmieding ein Beleg sein, die Dinge würden sich zum Besseren wenden und Deutschland habe alles richtig gemacht.

Ebenso falsch und nur für die sprichwörtliche Lufthoheit über den Stammtischen geeignet ist folgendes Argument, das (nicht nur) in Hans Bentziens Text auftaucht: Demnach ist der deutsche Exportüberschuss nicht etwa das Ergebnis viel zu geringer Lohnabschlüsse, sondern Ergebnis „der internationalen Nachfrage nach qualitativen Produkten aus Deutschland“.

Dieses Qualitätsargument klingt irgendwie plausibel, aber es berührt den Kern der Kritik an Deutschland und seiner Lohnpolitik überhaupt nicht. Wir wollen einmal so tun, als ob man bessere Qualität quantitativ in einer einzigen Zahl ausdrücken könnte, und annehmen, dass eine Reihe von Firmen in Deutschland aufgrund einer bestimmten, nur in Deutschland zugänglichen Innovation ein spezielles Produkt plötzlich mit „30% besserer Qualität“ herstellen kann. Diese Firmen haben dann selbstverständlich einen Vorteil, der sich auch in tendenziell höheren Gewinnen niederschlagen kann und soll sowie vielleicht in besseren Exportchancen. Entscheidend aber ist, dass sich letzten Endes dieser Qualitätsschub auf die deutsche Volkswirtschaft und die in allen Branchen gezahlten Löhne verteilen muss[1]. Natürlich bekommt dann nicht jeder Einzelne 30% mehr Lohn, aber in kleinen Portionen muss sich dieser technische oder qualitative Fortschritt im Durchschnitt aller Einkommen widerspiegeln.

Ich hatte dieses Argument anhand eines als plakatives Beispiel gewählten Busfahrers und anderer „Vorleistungen“ innerhalb der Wertschöpfungskette vor zwei Wochen schon einmal durchgespielt. Natürlich hat der Busfahrer keinen Anteil an der betrachteten Qualitätsinnovation um 30%. Und trotzdem, auch wenn das auf den ersten Blick überraschend erscheint, muss er ein kleines Stück vom zusätzlichen Kuchen abbekommen.

Was mich zurück bringt zu den Leistungsbilanzüberschüssen. Wer Qualitätsverbesserungen in der gesamtwirtschaftlichen Lohnpolitik nicht adäquat abbildet und auf diese Weise trotz Mitgliedschaft im Euro laufend abwertet und wettbewerbsfähiger wird (denn das Lohndumping in Deutschland ändert zwar nichts an der festen Einbindung in das System des Euro ohne interne Wechselkurse, führt aber sehr wohl zugunsten der deutschen Hersteller zu einer Abwertung des deutschen realen Wechselkurses), der bringt das System zum Kippen. Weil andere Länder der Eurozone seit 1999 diese Strategie nicht verfolgt haben, wertet der Euro insgesamt nicht oder nicht genug auf, was die Wettbewerbsvorteile der Deutschen sichert. Deshalb kann Deutschland erfolgreich in Ländern auch außerhalb der Eurozone Leistungsbilanzüberschüsse erzielen, wiederum auf dem Rücken der zu schlecht bezahlten Beschäftigten hierzulande und der um ihre Arbeitsplätze gebrachten Mitkonkurrenten aus dem restlichen Euroraum (Stichwort Drittmarkteffekte).

Und diese Leistungsbilanzüberschüsse sind finanzielle Forderungen Deutschlands gegen das Ausland. Ob wir dieses Geld, also sozusagen Zins und Tilgung, je zurückerhalten werden, wird mit zunehmender Dauer der Krise immer ungewisser. Große Forderungsausfälle in Deutschland gegenüber Schuldnern in der Eurozone und in der Welt wären dann nicht nur ein Fiasko (insbesondere für unsere Banken und Versicherungen), sondern sie wären auch völlig unnötig. Denn sie sind die Konsequenz einer bewusst betriebenen Lohnpolitik, die nicht zulassen will, gesamtwirtschaftlich zu verteilen, was wir an Produktivität und Qualität eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes verdient hätten. Zwar ruinieren die deutschen Exporteure auf diese Weise auf Dauer ihre eigenen Auslandsmärkte – deshalb ziehen sie ja jetzt auch verstärkt weiter, weg von den ausgesaugten europäischen hin zu den noch einigermaßen zahlungskräftigen in den Schwellenländern –, doch die Verteilungswirkungen innerhalb Deutschlands sind fatal. Die Bezieher der Gewinneinkommen bringen ihre Schäfchen allemal ins Trockene: Was scheren sie Schuldenschnitte in Krisenländern, wenn sie ihre Gewinne nicht in Staatsanleihen angelegt haben? Was kümmern sie Steuergelder für die Rettung des Finanzsystems, wenn sie ihre Steuerzahlungen ohnehin durch geschicktes Ausnutzen von Schlupflöchern auf ein verschwindend geringes Maß reduziert haben? Die Bezieher der Arbeitseinkommen jedoch dürfen die Zeche bezahlen: seit Jahren in Form zu geringer Löhne, jetzt in Form niedriger Zinsen wegen extrem expansiver Krisen-Geldpolitik, dann in Form von Steuergeldern für Bankenrettung und zuletzt in Form von Arbeitsplatzverlust in der nächsten großen Krise.

Wetten, dass für die dann auch hierzulande wieder steigende Arbeitslosigkeit die dreisten Karlssons vom Dach das immer noch zu hohe deutsche Lohnniveau und den weiterhin zu inflexiblen deutschen Arbeitsmarkt verantwortlich machen werden?


[1]  Dasselbe, was ich hier über Qualitätssteigerungen schreibe, gilt natürlich auch für höhere Produktivität, besseren Service usw. Friederike Spiecker hat Ende Juli 2013 auf dieser Seite darauf hingewiesen (Abo-Artikel / Preview-Version).

Anmelden