Archiv | 13.11.2013

Mit wem es sich zu handeln lohnt – und mit wem nicht

Bei der Konferenz in England am letzten Wochenende, die ich schon erwähnt hatte, drehte sich ein erheblicher Teil der Diskussionen um die Frage, ob mehr Freihandel ein Weg sein könnte, die Weltwirtschaft zu beleben. Viele glauben oder wollen gerne glauben, dass man mit entsprechenden neuen Abkommen der Weltwirtschaft endlich den neuen Impuls geben könnte, der so dringend benötigt wird und den die traditionellen Instrumente nicht mehr zu liefern in der Lage sind.

Bei dieser Diskussion, die sich zunächst vor allem an den politischen Möglichkeiten abarbeitete, die gegeben sein müssten, um mehr Freihandel etwa zwischen Europa und den USA zu verwirklichen, ist mir wieder einmal deutlich vor Augen getreten, woran die Debatte um den internationalen Handel krankt. Für den Erfolg des internationalen Handels für alle Beteiligten ist es entscheidend, dass er von vornherein unter Bedingungen stattfindet, die explizit für einen Ausgleich der Handelsströme sorgen, also genau die Art von Ungleichgewichten vermeiden, die derzeit so heftig diskutiert werden.

Ich hatte schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass für den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg, den der internationale Handel für ein einzelnes Land hat, die Beiträge vom Saldo des Außenhandels viel wichtiger sind als die potenziellen „Produktivitätseffekte“ des freien Handels. Der Saldo des Außenhandels geht nämlich direkt als positiver bzw. negativer „Außenbeitrag“ in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein und erhöht bzw. senkt das Wachstum des Landes, so dass er einen positiven oder negativen Arbeitsplatzeffekt hat. Die „Produktivitätseffekte“ sind die Wirkungen, die sich daraus ergeben können, dass insgesamt effizienter gewirtschaftet wird, dass also die internationale Arbeitsteilung tiefer und intensiver wird. In der Wirklichkeit gibt es, sobald überhaupt nennenswerte Außenhandelssalden auftreten, immer eine Überlagerung der Produktivitäts- durch die Arbeitsplatzeffekte. Das ist unproblematisch, wenn die positiven oder negativen Außenbeiträge nicht dauerhaft einseitig verteilt sind. Fallen die Überschüsse mal bei dem einem, mal bei einem anderen Land an und landen quasi spiegelbildlich dazu die Defizite mal bei dem einen und dann wieder bei dem anderen, dann nimmt kein Land den anderen Handelspartnern den direkten Wachstums-, d.h. Arbeitsplatzvorteil aus dem gemeinsamen Handel dauerhaft weg.

Wer also überlegt, ein Freihandelsabkommen abzuschließen, muss zuallererst erwarten und dafür Sorge tragen, dass der andere Handelspartner nicht darauf aus ist, dauernd Leistungsbilanzüberschüsse zu erzielen. Kann man – auf welchem Wege auch immer – systematische Leistungsbilanzsalden ausschließen, ist die Bedeutung eines Freihandelsabkommens in Hinblick auf einen wirtschaftlichen Impuls für die Vertragspartner allerdings gering. Einerseits kann man die potenziellen positiven Produktivitätseffekte kaum messen. Andererseits dürften sie im Vergleich zu vorübergehend (!) möglicherweise auftretenden Salden von verschwindend geringer Bedeutung sein.

Ein Land wie Deutschland, das auf seinen positiven Leistungsbilanzsalden – aus welchen Gründen auch immer – beharrt, kann niemals ein ernst zu nehmender Partner für ein Freihandelsabkommen sein. Man müsste verrückt sein, sich darauf einzulassen. Deswegen ist die regelmäßige Überprüfung der Handelspartner auf Dumping durch Währungsmanipulation, die der amerikanische Kongress von der Regierung durchführen lässt, vollkommen richtig. Der Kongress müsste nur begreifen, dass eine dem Devisenmarkt überlassene Währung nicht automatisch richtig bewertet ist, sondern er müsste selbst einen vernünftigen Maßstab festlegen (etwa einen über einen bestimmten Zeitraum konstanten realen Wechselkurs).

Dass Deutschland jetzt ernsthaft glaubt, es könne seinen Überschuss in alle Ewigkeit fortschreiben, weil es ja so „tüchtig“ ist, ist nicht nur ökonomisch absurd, sondern auch politisch. Das einzige, was die deutschen Überschüsse derzeit rettet, ist die Tatsache, dass zu der Zeit, als die meisten Freihandelsabkommen mit Deutschland abgeschlossen wurden, die Handelspartner nicht geahnt haben, wie schlimm und unveränderbar der merkantilistische Geist in Deutschland ist. Wenn jetzt aber noch lange so weiter drauf los schwadroniert wird von den deutschen „Leitmedien“ und den deutschen „Leitökonomen“, dann weiß bald jeder, dass Deutschland nicht von seiner merkantilistischen Haltung abzubringen ist, und wird entsprechende Konsequenzen ziehen. Das Wort Freihandel aus deutschem Munde wird dann einen ganz bitteren Beigeschmack bekommen.

Einer unserer Leser schreibt uns zum gleichen Thema folgendes (vielen Dank dafür!):

Die „linksliberale“ Frankfurter Rundschau schwimmt in ihrer Frankreich-Berichterstattung einmal mehr im neoliberalen deutschen Medienmainstream. Zur französischen Lohnentwicklung und zu den dortigen „Fiskal- und Arbeitsmarktreformen“ schreibt FR-Redakteur Stefan Brändle:

„Schuld daran [gemeint sind Marktanteilsverluste französischer an deutsche Unternehmen; Anm.d.Red.] sind nicht nur europäische Billiglohnarbeiter in deutschen Schlachthöfen, sondern auch die hohen industriellen Lohnstückkosten in Frankreich: Sie haben seit der Jahrtausendwende bedeutend stärker zugenommen als in Deutschland und liegen heute sogar höher als jenseits des Rheins. Vor diesem Hintergrund glauben Standard & Poor’s, aber auch die EU-Kommission und der Währungsfonds, dass die Fiskal- und Arbeitsmarktreformen der Pariser Regierung viel zu wenig weit gehen.“

Gemäß der Parole aus schlechten alten Zeiten „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ erweckt auch FR-Redakteur Stefan Brändle den ökonomisch haltlosen Eindruck, die deutschen Lohnstückkosten hätten sich seit der Jahrtausendwende mustergültig entwickelt, Frankreichs Lohnstückkosten hingegen hätten eine unsolide Entwicklung hingelegt. Stefan Brändle unterschlägt, dass sich die Entwicklung der französischen Löhne seit der Fixierung der Euro-Umtauschkurse im Jahre 1999 nahezu exakt an der „goldenen Lohnregel“ einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik orientiert hat: Die französischen Lohnstückkosten haben sich jahresdurchschnittlich nahezu exakt um den Prozentsatz der EZB-Zielinflationsrate von 1,9 Prozent erhöht. Der FR-Beitrag verschweigt, dass vielmehr der drastische Verstoß der deutschen Lohnpolitik gegen die „goldene Lohnregel“ und damit das deutsche Lohndumping auch der Wirtschaft des deutschen Haupthandelspartners sowohl im direkten deutsch-französischen Handel als auch auf den Drittmärkten erheblichen ökonomischen Schaden zugefügt hat.

Anmelden