Archiv | 18.11.2013

Sachverständigenrat weist Leistungsbilanzsaldo nicht bzw. falsch aus

Zu unserem kleinen Gewinnspiel am 14.11.2013 („Wichtige Zahl weiterhin gesucht“) erreichten uns viele Einsendungen mit unterschiedlichen Vorschlägen, wo im Gutachten des Sachverständigenrats (SVR) vom 13.11.2013 der Leistungsbilanzsaldo für Deutschland 2013 und 2014 (nominal in Milliarden Euro) zu finden sei. Vielen Dank allen, die mitgemacht haben.

Die gesuchte Zahl ist offenbar nicht zu finden. Die Mehrheit der Einsender ist allerdings der Meinung, man könne sich auf folgende Grafik stützen (Textziffer 89, Schaubild 17, Seite 48):

Grafik SVR-Gutachten 2013 Seite 48Leistungsbilanzsalden in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt

DE steht für Deutschland

Das fanden wir auch eine pragmatische Lösung, denn aus der Grafik kann man den Leistungsbilanzsaldo in Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) leidlich ablesen. In Kombination mit den Werten, die der SVR für die Entwicklung des realen BIP und des BIP-Deflators angibt sowie durch Heranziehung von Daten des Statistischen Bundesamtes oder des europäischen Statistikamtes EUROSTAT für die Vergangenheit lässt sich der gesuchte Leistungsbilanzsaldo einigermaßen genau errechnen. Dachten wir.

Doch waren die Werte, die wir auf diesem Wege herausbekommen haben, nicht recht plausibel. Und zwar aus folgendem Grund: Wir haben die ex-post-Werte aus der Grafik so gut wie möglich abgelesen und mit der amtlichen Statistik verglichen. Die Übereinstimmung ist bis zum Jahr 2010 groß. Für 2011 und vor allem 2012 allerdings, für das wir 6,3% aus der Grafik abgelesen haben, ergibt sich eine erhebliche Diskrepanz zur offiziellen Statistik: Das Statistische Bundesamt weist den Saldo mit 7,1%, die Deutsche Bundesbank mit 7,0% aus, was ja bekanntlich inzwischen zur Einleitung des MIP-Verfahrens gegen Deutschland durch die EU-Kommission geführt hat. Bezogen auf die amtliche Zahl für das nominale Bruttoinlandsprodukt von 2012 (2666,4 Mrd. €) macht das einen Unterschied beim absoluten Leistungsbilanzsaldo von ungefähr 20 Mrd. € aus, die der SVR niedriger liegt.

Nun mag es sein, dass der SVR mit einem leicht veralteten Datensatz gearbeitet hat, schließlich schreibt sich so ein 500 Seiten langes Gutachten nicht in wenigen Wochen. Und man kann auch zugestehen, dass die amtliche Statistik nicht immer vollkommen eindeutig ist – die Zahl des Statistischen Bundesamts für den deutschen Leistungsbilanzsaldo weicht von der der Deutschen Bundesbank für 2012 um 2,6 Mrd. € ab. Aber es ist doch bezeichnend, dass eines der schon seit einer ganzen Weile international umstrittenen Themen vom SVR so stiefmütterlich behandelt wird, dass man es nicht einmal für nötig erachtet, wenigstens in puncto Datenlage einigermaßen auf der Höhe der Zeit zu sein (von einer Analyse dieses Themas ganz zu schweigen). Schließlich war das Bundeswirtschaftsministerium bereits in seinem Monatsbericht vom Juli (!) auf den Anstieg des deutschen Leistungsbilanzsaldos auf 7,0% des BIP im Jahr 2012 eingegangen, wohl in der Voraussicht, dass dieses Thema noch für Wirbel sorgen würde.

Und ausgehend von dieser falschen Datenlage für das Jahr 2012 schreibt der SVR seine Prognose fort, und zwar mit leicht sinkender Tendenz für 2013 und 2014. Umgerechnet auf einen absoluten Milliarden-Euro-Betrag kommt man auf unplausible Werte: ca. 167 Mrd. € für das Jahr 2013 und 170 Mrd. € für das Jahr 2014. Tatsächlich dürfte 2013 ein deutlich höherer Wert Realität werden. Die EU-Kommission schätzt laut Ameco-Datenbank (Stand: November 2013), dass es über 191 Mrd. € sein werden. Das sind immerhin 24 Mrd. € mehr, als vom SVR veranschlagt.

Unser Résumé: Es wäre in der Tat hilfreich, wenn der SVR die seiner Prognose zugrunde liegenden Daten in Absolutwerten offenlegen würde, zumindest an den Stellen, die politisch von hoher Bedeutung sind. Dass er es beim Leistungsbilanzsaldo nicht tut und offenbar von veralteten ex-post-Daten ausgeht, legt den Schluss nahe, dass er die Brisanz des Themas nach wie vor nicht erkannt hat oder sie ihm gleichgültig ist oder er zu diesem Thema nichts Wesentliches beizusteuern vermag. Man fragt sich, welche Erklärungsvariante schlimmer ist.

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