Archiv flassbeck-economics | 12.12.2013 (editiert am 25.05.2016)

Das zypriotische Bankensystem unter der Troika

Der IWF lobt zur Zeit Zypern für die Effizienz, mit der das Stabilisierungsprogramm der Troika zumindest hinsichtlich der öffentlichen Finanzen durchgeführt wird. Es scheint, dass die zypriotische Regierung das Ziel der Haushaltskonsolidierung, einen Rückgang des Defizits um 7% für 2013-14, erreichen wird.  Es wurde sogar angekündigt, dass das Primärdefizit 2014 nur 3% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen soll anstatt der vom IWF prognostizierten 4,25%.

Ist das Programm also erfolgreich? Nein, wie Untersuchungen von Research on Money and Finance (RMF) in London zusammen mit dem Prometheus Research Institute in Nikosia zeigen. Sieht man einmal von den Auswirkungen einer solch brutalen Austerität auf Produktion und Beschäftigung ab – das BIP wird 2013 um mindestens 8%  fallen und 2014 wahrscheinlich um 4%, während die Arbeitslosigkeit (heute) schon bei 18 % liegt –, ist das eigentliche Problem noch gar nicht angegangen. Das wahre Problem der zypriotischen Wirtschaft war  schon immer das Bankensystem und nicht so sehr die öffentlichen Finanzen. Tatsächlich wurden die Ungleichgewichte im öffentlichen Sektor durch die Finanzkrise verursacht, die wiederum Folge des immens aufgeblähten Bankensystems war. Was aber hat die Troika für die zypriotischen Banken im Gepäck?

Das Programm der Troika hat zur Zerschlagung und Fusionierung von zwei der größten kommerziellen Banken geführt, der Bank of Cyprus und der Laiki Bank. Tatsächlich hat die Bank of Cyprus die schwächere Laiki Bank übernommen, die neue Bank wurde rekapitalisiert und die Bank wurde durch einen Schuldenschnitt („haircut“) bei den Einlagen erhalten. Das trifft vor allem für die Laiki Bank zu, gilt aber auch bei der Bank of Cyprus. Hellenic, die dritte wichtige kommerzielle Bank, wurde auch rekapitalisiert, aber ohne Schuldenschnitt bei den Einlagen. Außerdem wurde der wichtige Sektor der kooperativen Banken verstaatlicht, restrukturiert und unter eine einheitliche Aufsicht gestellt. Ziel dieser Maßnahmen war es, die Gesundheit des Bankensektors wiederherzustellen und die Erholung der Wirtschaft als Ganzes zu unterstützen. Man darf dabei nicht vergessen, dass diese Maßnahmen eine Wirtschaft betreffen, die einen absolut dominanten Dienstleistungssektor hat und die in den letzen drei Jahrzehnten versuchte, zu einem Offshore-Finanzplatz zu werden. Der Primär- und der Sekundärsektor der zypriotischen Wirtschaft sind weniger bedeutend.

Das  RMF hat die Bewegungen der Gesamtaktiva im zypriotischen Bankensystem von Dezember 2005 bis September 2013  auf der Basis von EZB Daten untersucht. Die Ergebnisse sind in der folgenden Graphik zu sehen:

BankaktivaEs gibt drei unterschiedliche Phasen:

Zuerst gab es einen Boom, der bis 2008 geht und der von einer stetigen Expansion der Bankeinlagen geprägt ist, die sowohl von innerhalb wie auch von außerhalb der EWU kommen. Tatsächlich handelte es sich hier um eine Bankenblase, die durch inländische und ausländische Zuflüsse  (das berühmt-berüchtigte „Russen-Geld“) finanziert wurde und primär auf den Immobilienmarkt in Zypern ausgerichtet war.

Zweitens gab es einen Super-Boom, der  2008 mit dem Beitritt des Landes zur EWU begann und bis 2010 dauerte.  Es handelte sich um eine Bankenexplosion durch die Umwandlung von inländischen Einlagen in Euro und einen großen Zufluss aus dem Euro-Raum, was den Banken ungeheuere neue Liquidität brachte – das „Russen-Geld“ spielte in dieser Phase keine große Rolle. Die Super-Blase hatte ihren Ursprung hauptsächlich in Griechenland, wo die zypriotischen Banken nach dem Euro-Beitritt umfangreiche Vermögenswerte in Form von Staatsanleihen und Geschäftskrediten übernahmen. Das waren sicher die schlechtesten Bankentscheidungen, die auf der ganzen Welt in den letzten Jahren gemacht wurden.

Drittens, das Platzen der Blase 2010, überwiegend verursacht durch den Verlust von Vermögensanlagen innerhalb der EWU.  Das zypriotische Bankensystem wurde schließlich durch die Krise in Griechenland zerstört, sowohl durch den Ausfall von Staatsanleihen als auch von Privatkrediten. Inländische und nicht EWU- Vermögenswerte stiegen weiter kontinuierlich bis zur zweiten Jahreshälfte 2012. Die scharfe Kehrtwende in diesen Kategorien setzte erst ein, als die Troika kam und das „Rettungsprogramm“ angewendet wurde. Eine ähnliche Entwicklung gibt es bei den Einlagen,  die die Hauptquelle der Finanzierung der Banken in Zypern bilden. Trotzdem stiegen 2011, als Zypern von den internationalen Märkten schon abgeschnitten war, die öffentlichen Kredite zur Bankenfinanzierung an, viele in Form der ELA (der Emergency-Liquidity-Assistance durch die zypriotische Notenbank mit Genehmigung der Europäischen Zentralbank).

Kurz gesagt, die Troika kam in einer Phase, als das zypriotische Bankensystem gerade schrumpfte,  nachdem es als Folge des Beitritts zur EWU zu einer gewaltigen Überexpansion gekommen war. Es war nicht das „Russen-Geld“, das zu der akuten Phase der Krise führte, sondern der Schuldenschnitt bei den griechischen Staatsanleihen von 2011-12 und die Anhäufung fauler Schuldenpapiere in Griechenland, als die griechische Wirtschaft in eine tiefe Rezession geriet. Beides war übrigens die Folge eines anderen Programms der Troika. Sobald die Troika ihr Programme auf Zypern angewendet hatte, verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt bei den Einlagen, kam es im Bankensystem zu einem rapiden Schrumpfungsprozess im Inland und außerhalb der EWU.

Zur Zeit belaufen sich die Gesamtaktiva der zypriotischen Banken auf 90 Milliarden Euro. Das entspricht ungefähr dem Fünffachen des BIP, ein Rückgang gegenüber 2011, als es ungefähr das Neunfache des BIP war. Die Schrumpfung ist extrem stark und der Prozess geht weiter. Die Aktiva werden mit ungefähr 33 Milliarden an Einlagen finanziert, die von inländischen Haushalten und Firmen gehalten werden, und noch einmal 10 Milliarden werden von Nicht-Banken außerhalb der EWU gehalten, und ungefähr 4,5 Milliarden von Nicht-Banken innerhalb der EWU. Der Hauptgrund dafür, dass die Banken dieses Niveau an Einlagen haben halten können, ist eine ganze Batterie von Kapitalverkehrskontrollen, von der Troika auferlegt unter Umgehung der normalen Regulierungen in der EU. Die Kontrollen haben die große Masse der Einleger bisher daran gehindert, ihre Einlagen abzuziehen. Wenn die Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben werden, wird ein großer Teil dieser Liquidität wahrscheinlich verschwinden, einfach als Antwort auf den Schuldenschnitt, der schon auf die Einlagen angewendet wurde. Darüber hinaus halten die zypriotischen Banken gegenwärtig Kredite im Wert von über 45 Milliarden an  inländische Haushalte und Unternehmen. Viele dieser Kredite sind direkt oder indirekt an Immobilien gebunden, denn die Banken in Zypern akzeptieren normalerweise nur Immobilien als Sicherheit. Mit dem Zusammenbruch der Preise für Immobilien und der tiefen Rezession, die sich nun in der Wirtschaft Zyperns ausbreitet, werden sich schätzungsweise 40% dieser Kredite als faul herausstellen.

Kurz gesagt, das zypriotische Bankenwesen ist unwiederbringlich zerstört, teilweise als Ergebnis der Dummheit der zypriotischen Banken, teilweise wegen der Strategie  der Troika. Mit dem gegenwärtigen Programm wird das System stetig  kleiner, es wird unter Liquiditätsproblemen leiden und es wird zunehmend Probleme mit faulen Krediten bekommen.  Gleichzeitig wird es immer konzentrierter, denn die  (eigentlich insolvente) Bank of Cyprus  dominiert das ganze System. Wenn das ein erfolgreiches Programm ist, fragt man sich, wie dann ein gescheitertes Programm aussehen würde.

Zypern braucht eine radikal andere Strategie im Hinblick auf seine Banken. Das Programm der Troika ist der Weg zur Schrumpfung und Irrelevanz. Die Folgen für den Rest der Wirtschaft kann man sich leicht ausmalen.

Übersetzung Stephanie Flassbeck

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