Die neoklassische Arbeitsmarkttheorie

Im Sommer 1929 waren nur 3,2% der Arbeiter in den USA arbeitslos. Danach sanken die Löhne und im Frühjahr 1933 war mit 25% Erwerbslosen der Gipfel der Arbeitslosigkeit erreicht. Die Industrieproduktion war von 1929 bis 1932 um fast 45% gefallen, obwohl sinkende Löhne doch zu mehr Beschäftigung und damit steigender Produktion führen sollten, wie die VWL mit dem Modell des neoklassischen Arbeitsmarktes bis heute lehrt.

Niemand wundert sich, die höchsten Löhne in den Ländern zu finden, in denen Mangel an Arbeitskräften herrscht, wie in der Schweiz. Dabei müssten nach der neoklassischen Theorie die höchsten Löhne dort schon die höchste Arbeitslosigkeit verursacht haben, weil der Mangel an Arbeitskräften zwar die Löhne erhöht, aber sicher nicht im genau gleichen Ausmaß die Produktivität. Würde die Theorie an der Realität gemessen, bräuchten wir den neoklassischen Arbeitsmarkt nicht weiter diskutieren.

Theoretisch sieht es leider noch schlimmer aus. Das neoklassische Modell besteht neben dem Gütermarkt aus Kapitalmarkt und Arbeitsmarkt. Wegen der Neutralität des Geldes bestimmt die Geldmenge die Preise, die keinen Einfluss auf die realen Größen haben dürfen. Daher darf der Preis auch nicht Angebot und Nachfrage auf dem Gütermarkt in ein Gleichgewicht bringen, so dass auf den drei Teilmärkten nur der Zins und der Reallohn das Gleichgewicht retten sollen.

Um das Problem von zwei Gleichgewichtsbedingungen für drei Teilmärkte zu umgehen, soll mit dem Gesetz von Walras der letzte Markt nicht näher untersucht werden, wenn die n-1 anderen Märkte im Gleichgewicht sind. Mit dieser Begründung wird entweder der Gütermarkt nicht behandelt oder man erklärt für das Gleichgewicht am Gütermarkt I = S zur Bedingung und wir dürfen den Kapitalmarkt nicht mehr beachten.

Am neoklassischen Kapitalmarkt bieten die Haushalte ihre Ersparnisse an. Nach der Überzeugung der Klassiker und Neoklassiker führe das Sparen der Haushalte am Konsum nämlich zu Ersparnissen, die zunächst nicht mit der Investition identisch sind, sondern durch den Gleichgewichtszins mit der Investition in Übereinstimmung gebracht werden müssen. Seien die Ersparnisse zuerst höher als die Investition, dann sinke der Zins und umgekehrt. Ein Trugschluss aus dem nur für einen Einzelnen geltenden Zusammenhang von Konsumverzicht und dadurch höherer Ersparnis auf die Gesamtwirtschaft. Wegen der von Keynes bewiesenen Identität von Ersparnis und Investition wird als Bedingung für das Gleichgewicht am Kapitalmarkt auch die Übereinstimmung von geplanten Ersparnissen mit geplanten Investitionen genannt, die sich jedoch mit keiner Methode feststellen lässt.

So bleibt dem neoklassischen Arbeitsmarkt die Aufgabe, ganz allein für das allgemeine Gleichgewicht der Märkte im neoklassischen Modell zu sorgen. Wie wir da gleich erkennen werden, hätte Walras eigentlich fordern sollen, dass wir am besten gar keinen der neoklassischen Teilmärkte näher betrachten.

Im 19. Kapitel der Allgemeinen Theorie über die Nominallöhne können Sie nachlesen, dass Keynes den Neoklassikern nicht aus dem Grund widersprach, weil Löhne und Preise rigide wären und die Zukunft zu unsicher sei. Keynes hatte schon ein Jahrzehnt vor der Weltwirtschaftskrise vor einer schweren Depression gewarnt, sollte es durch die Rückkehr zum Goldstandard zu den Vorkriegsparitäten zu einer Deflationspolitik kommen, allzu unsicher war für ihn die Zukunft nicht.

Die Neoklassik konnte nicht erklären, wie die Arbeiter und Unternehmer über den angeblich zu senkenden Reallohn verhandeln könnten. Keynes unterschied die Nominallöhne von den Reallöhnen, während die Professoren einfach von zu hohen Löhnen fabulierten, und erwartete von einem Fall der nominalen Löhne bei einer Deflation der Preise verstärkte Gründe für den Abbruch der Investitionen und damit sogar steigende Reallöhne durch sinkende Preise.

Die Neoklassik hatte unterstellt, dass die Preise unabhängig von Lohnkosten durch die Geldmenge bestimmt seien. Nehmen wir dagegen an, dass nominal sinkende Löhne auch zu sinkenden Preisen führen, was ja logisch ist, dann kann mit dem neoklassischen Arbeitsmarkt nicht mehr erklären werden, wodurch es nun zu Änderungen des Reallohns kommen soll, der angeblich die Arbeitsnachfrage bestimme und für Arbeitslosigkeit verantwortlich sei.

Keynes hat nicht behauptet, dass Arbeitslosigkeit die Folge rigider Löhne wäre, sondern dass sinkende Nominallöhne die Deflation verstärken, den Realzins erhöhen, die Last der Verschuldung steigern, Investoren auf noch weiter sinkende Löhne und Preise warten lassen und die Arbeitsnachfrage schwächen. Im 19. Kapitel der Allgemeinen Theorie betonte Keynes, dass erst die Erwartung wieder steigender nominaler Löhne eine Belebung der Konjunktur bewirken kann, während die Aussicht auf weiter fallende Löhne Konsum wie Investitionen beeinträchtigen werde.

Bisher in dieser Serie erschienen:
Keynes in einem Satz
Keynes hat die Produktionsfunktion umgedreht
Die Zerstörung von Kapital in der Krise
Wie Keynes die orthodoxe Ökonomie widerlegt hat
Die monetäre Konjunkturtheorie von Keynes
Etwas Saldenmechanik

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