Keynes hat die Produktionsfunktion umgedreht

Zur Erinnerung noch einmal der Kerngedanke von Keynes:

Der Bestand an Kapital und das Niveau der Beschäftigung werden folglich schrumpfen müssen, bis das Gemeinwesen so verarmt ist, dass die Gesamtersparnis Null geworden ist, so dass die positive Ersparnis einiger Individuen oder Gruppen durch die negative Ersparnis anderer aufgehoben wird.

Die orthodoxen Ökonomen sahen das Einkommen der Ökonomie bestimmt vom Einsatz der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit. Das Geld kommt in dieser Produktionsfunktion nicht vor und alles, was dort gar nicht vorkommt, kann dann auch keinen Einfluss auf die Höhe von Produktion und Einkommen haben. Genau der Trick wird den Studenten auf keinen Fall verraten.

Die Produktionsfunktion schaut im Prinzip so aus:

Y = f(Kapitaleinsatz, Arbeitseinsatz)

Im Prinzip bedeutet, dass meist noch ein Faktor für die Technologie ergänzt wird, weil der Anstieg der Einkommen sich bei langfristiger Betrachtung mit dem Sparen von Kapital nicht befriedigend erklären lässt. Dass es für hohes Wachstum nur an mehr Kapital fehle, also an höheren Profiten für das Kapital und besseren Renditen für die Sparer, aber Löhne und Sozialleistungen zu hoch wären, ist freilich für Professoren ein einträgliches Argument. Da benutzt man den Faktor Technologie zur Rettung der Produktionsfunktion vor der Realität.

Was brauchen wir zum Produzieren? Arbeitskräfte, klar, das ist der Faktor Arbeit. Außerdem Rohstoffe, Maschinen, Räumlichkeiten, also Kapital. Mehr Arbeit und Kapital würde unsere Produktion steigern, zum Beispiel verdoppeln mit doppelt so vielen Arbeitern und Kapital. Verdoppeln wir nur die Arbeiter, dann fehlt es an Rohstoffen und Maschinen und die Räume sind zu eng, also sinken die Produktivität der Arbeiter und damit der angemessene Lohn. Wird nur mit doppelt so viel Kapital gearbeitet, sinken dessen Produktivität und Rendite, aber die Produktivität der Arbeiter und der angemessene Lohn steigen.

Wenn Sie das verstanden haben, das war schon fast die ganze VWL, dann sind Sie auch auf den Trick hereingefallen. Sie glauben jetzt, dass die Löhne sinken müssen, damit mehr Arbeiter beschäftigt werden können, und dass das Kapital knapp wäre. Wenn wir mehr Kapital durch Konsumverzicht sparen, können wir den Arbeitern höhere Löhne zahlen, weil sie mit mehr Kapital produktiver werden. Das gilt nicht nur für einen einzelnen Betrieb, sondern für die gesamte Wirtschaft, lehrt die VWL. Sie lehrt sogar, dass es eigentlich Krisen und unfreiwillige Arbeitslosigkeit gar nicht geben könne. Arbeit fände sich immer, nur nicht zu einem überhöhten Lohn; der Markt garantiere die optimale Nutzung von Arbeit, Kapital und allen benötigten Ressourcen.

Vom Absatz der Güter war keine Rede und das ist der Trick. Was wird aus dem Kapital und den Arbeitern, wenn sich für die zusätzliche Produktion keine Käufer finden lassen, weil die lieber Geld sparen wollen? Sinkende Preise lösen das Problem nicht, weil sie Geldvermögen wertvoller machen.

Könnte die orthodoxe Produktionsfunktion völlig falsch sein?

Ist das Einkommen der Ökonomie beschränkt durch monetäre Bedingungen, in welchem Umfang wir uns gegenseitig die Güter auch abkaufen oder aber Geld zu sparen versuchen? Eine arbeitsteilige Wirtschaft ist effizient, aber ihre Güter sind ohne Käufer alle völlig wertlos.

Ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und Produktionsfaktoren sogar ganz umgekehrt, wie das Zitat von Keynes vermuten lässt? Keynes vertrat die Überzeugung, dass der Kapitalmangel binnen einer Generation zu überwinden sei und danach die Ökonomie Probleme bekomme, weil die Rendite des nicht mehr knappen Kapitals unter die Rendite von goldgedecktem Geld fällt und die Haushalte dann Geld zu sparen versuchen (Allgemeine Theorie, 16. Kapitel).

Das Einkommen Y ist durch monetäre Mechanismen beschränkt und kann gar nicht durch den Einsatz von mehr Kapital und Arbeit steigen, in Krisen wird das Einkommen fallen.

Der Bestand an Kapital und das Niveau der Beschäftigung werden bei sinkendem Einkommen sogar schrumpfen müssen, behauptet Keynes im Widerspruch zur herrschenden Lehre, aber völlig im Einklang mit unseren historischen Erfahrungen aus allen Wirtschaftskrisen.

Ist es nicht tatsächlich so, dass in allen Krisen Kapital ungenutzt bleibt und durch diesen Umstand sogar vernichtet wird? Arbeiter werden entlassen und müssen sich in schweren Krisen um Jobs weit unter ihren Fähigkeiten und dadurch geringer Produktivität bewerben – Humankapital wird entwertet. Auch bei einem weit niedrigeren Einkommen der Ökonomie kann es dann wieder Vollbeschäftigung geben – der Chefarzt als Landarbeiter, der Lehrer als Zeitungsjunge, die Dolmetscherin als Putzfrau zum Beispiel. Das Niveau der Beschäftigung sinkt in jeder Krise.

Jedes Kind kann das beobachten und mit seiner Erfahrung bestätigen, bis es einen Lehrstuhl für Ökonomie durch seine Anpassung an die herrschende Lehre erhalten hat und das Sparen durch kapitalgedeckte und private Vorsorge fördern, aber den Konsum und Löhne wie Sozialleistungen weiter senken will.

In typischen Rezessionen und Depressionen fehlt es der Ökonomie weder am Kapital noch an Arbeit, dafür aber an der Güternachfrage zur Auslastung ihres Produktionspotenzials. Monetäre Ursachen führen dazu, dass wir uns nicht länger unsere optimale Produktion gegenseitig abkaufen. Damit ist aber das dafür geschaffene Kapital so wertlos wie die Fähigkeiten der für diese Produktion ausgebildeten Menschen. Ein sinkendes Einkommen der Ökonomie lässt den Bestand an Kapital und das Niveau der Arbeit schrumpfen. Darum ist die an Keynes orientierte Lehre für die Stärkung der Massenkaufkraft und der sozialen Netze zur Überwindung von Wirtschaftskrisen.

Die orthodoxe Produktionsfunktion ist falsch!

In einer Produktionsfunktion nach Keynes würde nicht das Einkommen von den Produktionsfaktoren bestimmt, sondern es ist genau umgekehrt: Die Produktionsfaktoren wachsen oder schrumpfen mit dem monetären Anreiz oder dessen Hemmung, uns gegenseitig unsere arbeitsteilig optimal produzierten aber darum spezialisierten und für uns selbst wertlosen Güter auch abzukaufen.

Bisher in dieser Serie erschienen: Keynes in einem Satz

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