Keynes in einem Satz

In diesem Satz ist die monetäre Konjunkturtheorie von Keynes enthalten:

„Der Bestand an Kapital und das Niveau der Beschäftigung werden folglich schrumpfen müssen, bis das Gemeinwesen so verarmt ist, dass die Gesamtersparnis Null geworden ist, so dass die positive Ersparnis einiger Individuen oder Gruppen durch die negative Ersparnis anderer ausgeglichen wird“.

„Hence the stock of capital and the level of employment will have to shrink until the community becomes so impoverished that the aggregate of saving has become zero, the positive saving of some individuals or groups being offset by the negative saving of others“.

John Maynard Keynes: The General Theory of Employment, Interest and Money, Chapter 16/III

Keynes hielt den Kapitalmangel in der Ökonomie für nicht besonders groß und erwartete ein Sinken der Renditen, bis weitere Investitionen für Unternehmer nicht mehr rentabel sind. Ohne Nettoinvestition fehlt die einzige Möglichkeit für reale Ersparnisse der Ökonomie, weil das Geldvermögen einer Ökonomie immer Null bleibt. Geld sparen kann nur der Einzelne, wenn andere sich dafür verschulden.

Sind Investitionen nicht mehr rentabel, muss das Gemeinwesen so stark verarmen, dass nicht mehr gespart werden kann, wenn nicht eine einsichtige Geld- und Finanzpolitik das Problem des privaten Sparens mit anderen Mitteln löst, etwa mit einem Staatsdefizit, das den privaten Haushalten eine Ersparnis in seiner Höhe und damit ein entsprechend höheres Einkommen erlaubt.

Eine weitere Möglichkeit ist das Zurückdrängen der privaten Ersparnis durch den zügigen Ausbau aller sozialen Sicherungssysteme und ein Rentensystem nach dem Umlageverfahren statt mit Kapitaldeckung. Paul Krugman hat dies ganz aktuell in seinem Blogbeitrag vom 20. November 2013 mit dem Titel Social Security and Secular Stagnation angeregt. Aber um zu verstehen, wie und warum jeder Anreiz zum Sparen im Gegensatz zur herrschenden Lehre der VWL eine Ökonomie tiefer in die Krise treibt, sollten wir uns die monetäre Theorie der Konjunktur nach Keynes näher ansehen.

Was ist eine monetäre Konjunkturtheorie?

Wenn Sie viel verdienen, können Sie davon auch viel sparen. Sie müssen nicht Ihr gesamtes Einkommen für Konsum ausgeben und selbst mit dem Teil Ihres Einkommens, den Sie sparen, müssen Sie nicht reale Vermögenswerte kaufen. Sie können auch Geld sparen, aber dafür muss sich jemand verschulden.

Makroökonomie nach Keynes beginnt mit der Einsicht, dass eine Wirtschaft kein Geld sparen kann und die reale Ersparnis auf die Nettoinvestition beschränkt bleibt. Jeder Versuch, mehr zu sparen, führt dann nur zu sinkenden Einkommen der Gesamtwirtschaft, aber eben nicht zu höheren Ersparnissen.

Deutschland verschuldet heute durch einen Überschuss im Außenhandel zwar seine Handelspartner, aber insgesamt und grundsätzlich, also für die globale Wirtschaft, ist der Überschuss eines Staates das Defizit der Handelspartner, und alle zusammen können nicht durch Exportüberschüsse ihre Ersparnis erhöhen. Versuchen sie es dennoch, treiben sich die Staaten gegenseitig in die Krise.

Warum können wir nicht als Gesamtheit Geld sparen, wenn doch jeder von uns aus seinem Einkommen sparen kann und nicht alles Geld wieder ausgeben muss?

Offensichtlich gibt es einen monetären Mechanismus, damit das Geldvermögen der gesamten Wirtschaft nie von Null abweicht. Dass jeder so viel verdient, dass er zum Beispiel die Hälfte des Einkommens sparen kann, aber niemand sich verschuldet, kann nicht funktionieren.

Meist ist das Geldsparen kein Problem: Bei guter Konjunktur wird viel investiert und sogar auf Kredit konsumiert, junge Familien bauen sich Häuser mit Hypotheken. So kommen auf alle Sparer genug Schuldner und der Saldo ist fast ganz von allein und ohne Störung der Konjunktur ausgeglichen. Aber wie funktioniert das in schlechten Zeiten?

Der ökonomische Mechanismus, der Ersparnis und Verschuldung gleich hält, treibt die Konjunktur. Sie beruht darauf, dass Ausgaben Einnahmen schaffen und jede Einschränkung der Ausgaben diese Einnahmen senkt. Beide Prozesse verstärken sich selbst. Wenn jeder die Hälfte seines Einkommens zu sparen beschließt, sind ab sofort die Einkommen im Schnitt auf die Hälfte gefallen. Real, nicht nur nominal!

Die privaten Haushalte, die Unternehmen, der Staat und das Ausland entscheiden zunächst völlig für sich, ob sie Geld sparen oder auf Kredit kaufen wollen. Aber im Saldo muss immer eine Null stehen bleiben, sogar wenn alle sparen wollen. Dann werden die Sparer durch fallende Einkommen am Sparen von Geld gehindert und die Schuldner sind durch entfallende Einkünfte zu einer höheren Verschuldung gezwungen, so dass die monetäre Ersparnis mit der Verschuldung der gesamten Ökonomie identisch bleibt.

Umgekehrt funktioniert es ebenso: Jeder Kauf senkt das Geldvermögen oder erhöht die Verschuldung des Käufers. Damit erzielen andere Einkommen und entweder steigt das Geldvermögen eines Sparers oder es sinkt das Defizit eines Schuldners, der Saldo weicht nie von Null ab. Wollen alle mehr Schulden machen und weniger sparen, steigen die Ausgaben und mit den Ausgaben die Einkommen. Es kommt nie zu einer Abweichung zwischen monetärer Ersparnis und Verschuldung, so wie es auch nie eine Abweichung der realen Ersparnis von der Nettoinvestition geben kann, was Keynes ebenso gezeigt hat.

Diesen monetären Mechanismus, der allgemein steigende Ausgaben mit einem entsprechenden Anstieg der Einkommen belohnt, dagegen den allgemeinen Wunsch, mehr zu sparen, mit fallenden realen und nicht nur nominalen Einkommen bestraft, kennen wir als Konjunktur.

Das berüchtigte Gleichgewicht der Märkte, mit dem die VWL-Professoren ihre Studenten sinnlos traktieren, könnte mit der Übereinstimmung der geplanten Verschuldung und Ersparnis als Voraussetzung des Gleichgewichts nur durch ein Wunder eintreten, dass nämlich die Pläne für das Sparen und die Aufnahme von Schulden übereinstimmen und auch die Erwartungen hinsichtlich der Einkünfte sich genau erfüllen. Ein akademisches Hirngespinst.

Das Sparen an den Ausgaben ist die Ursache aller Wirtschaftskrisen. Nun stellen Sie sich bitte einmal eine ganz schwere Zeit wie in den Jahren von 1929 bis 1933 vor: Sie als ein statistischer Durchschnittsbürger mit viel Angst vor der Zukunft, der deshalb keine Kredite aufnimmt, jetzt kein Haus baut, kein neues Auto kauft und möglichst wenig von seinem verdienten Geld für seinen täglichen Bedarf auszugeben versucht.

Wie tief müsste Ihr heutiges Einkommen fallen, damit Sie es restlos für ihren Konsum und ihre nötigsten Investitionen ausgeben? Genau so tief würden in einer vergleichbaren Krise heute die Einkommen sinken, bis niemand seine Ausgaben und damit die Einkommen der anderen noch weiter reduzieren will.

Wichtig ist außerdem, dass die Einkommen real so tief sinken müssen. Es ist nicht damit getan, dass die Güter im Preis fallen, sondern der Lebensstandard muss real so tief sinken, dass trotz aller verzweifelten Bemühungen sogar der schwäbischen Hausfrauen, noch weniger zu konsumieren, keine weiteren Einschränkungen möglich sind – dann erst wäre der Boden der Krise erreicht, wenn die Geld- und Fiskalpolitik nicht vorher eingreifen. Je mehr wir die Ausgaben einschränken, desto geringer werden unsere Einkommen nach dem Sparparadoxon von Keynes, damit wir auch mit den höchsten Opfern nicht mehr sparen können als die reale Nettoinvestition, die in einer Krise jedoch völlig eingespart wird und damit Null ist.

Das ist die Ursache aller Wirtschaftskrisen. Diese Erkenntnis von Keynes hat noch weitere Konsequenzen, die ich Ihnen in meinen folgenden Beiträgen darstellen werde.

______________________________________________________________

John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin 1936/2009, S. 183

Anmelden