Welche Schuld hat die VWL an unserer Krise?

Die orthodoxe Ökonomie hatte gelehrt, dass Produktion und Einkommen einer Wirtschaft von den Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit bestimmt würden. Mit mehr gespartem Kapital würde dann die Arbeit produktiver und die Löhne könnten steigen. Der angebliche Kapitalmangel war die Begründung für die Forderung nach höheren Profiten, Lohnsenkung und Steuerentlastungen.

Keynes hat diese Lehre völlig verworfen. Produktion und Einkommen werden in der Regel aus monetären Gründen das Produktionspotenzial der Ökonomie nicht auslasten. Kapital ist nicht wirklich knapp, und weitere Investitionen könnten bald unrentabel werden.

Krisen sind nicht immer zu vermeiden. Zu den Zeiten des Goldstandards war die Währung zu einem festen Kurs an Gold gebunden, das die Zentralbanken auf Wunsch gegen ihre Banknoten auszuzahlen hatten. Vor allem bei steigenden Preisen flossen die Goldreserven ins Ausland ab und die Zentralbank musste die Zinsen erhöhen und eine Wirtschaftskrise auslösen, mit der die Löhne durch Massenarbeitslosigkeit und die Preise durch die Absatzkrise wieder herunter gebrochen wurden. Firmen bankrottierten und Menschen verhungerten, aber am Ende waren die Goldreserven gerettet und es kam wieder zu einer expansiven Geldpolitik mit dem nächsten Boom.

Das Geheimnis der Krisen durften die Professoren ihren Studenten an den Universitäten nicht verraten. Monetäre Zusammenhänge wurden grundsätzlich nicht diskutiert, die Realwirtschaft und das Geld waren zwei getrennte Themen und niemand durfte daran zweifeln. Löhne und Preise könne die Notenbank mit dem Geldumlauf ohne Folgen für die Konjunktur steuern, behaupteten noch die Monetaristen, als die FED eine schwere Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1980er Jahre auslöste, um die Inflation in den Industriestaaten zu bekämpfen, denn anders geht das nicht.

Die mit restriktiver Geldpolitik zur Inflationsbekämpfung erzeugte Absatzkrise lieferte den Professoren die schönste Gelegenheit, hohe Löhne und Kosten für die Massenarbeitslosigkeit verantwortlich zu machen, während gleichzeitig mit den angebotspolitischen Reformen die Konjunktur abgewürgt wurde, und dann noch heftiger über hohe Löhne und Sozialleistungen zu klagen. Mit jeder Senkung der Löhne und Sozialleistungen zu Gunsten der Profite wurde die Konjunktur geschwächt, bis die Zentralbanken heute schon mit fast negativen Zinsen deren Einbrechen verhindern müssen.

Betrachten wir die Empfehlungen der VWL, was in einer Krise zu tun sei, könnten wir vermuten, dass die Professoren die monetäre Konjunkturtheorie von Keynes genau studiert und verstanden hätten, um das absolute Gegenteil der nach dieser monetären Theorie richtigen Maßnahmen zu fordern. Wie von einem bösen Geist besessen, und als würden Lehrstühle für die Beleidigung der menschlichen Intelligenz vergeben, fordert die herrschende Lehre in der Krise die Senkung der Einkommen der breiten Bevölkerung, die wenig sparen kann, und die Erhöhung der Einkommen der Reichen, die viel Geld sparen können. Die VWL verurteilt die Schulden und Defizite der Staaten, will die Haushalte durch Sozialabbau und private Vorsorge zu verstärktem Sparen aus ihrem sonst für Güterkäufe verwendeten Einkommen zwingen, und die Zentralbanken sollen die Inflation bekämpfen und die Sparer schützen. Mehr Steuern auf den Konsum, weniger bei hohen Einkommen und gar keine für Vermögen, lauten die Empfehlungen der Mehrheit der Wirtschaftsweisen. Kann die Wissenschaft aus reiner Ignoranz so völlig falsch liegen?

Alle Forderungen der orthodoxen VWL und des Sachverständigenrats lesen sich wie ein Programm zur Sabotage der Ökonomie durch die Schwächung der Güternachfrage und die Förderung der Sparsamkeit. Gestützt auf Modelle, die bestenfalls zur Täuschung argloser Studenten taugen und sich bei jeder näheren Untersuchung als blanker Unsinn erweisen. Kurzsichtige Interessenpolitik im Dienst eines objektiv sich selbst schädigenden Kapitals?

Im Zeitalter des Internets sieht sich die VWL allerdings wachsender Kritik ausgesetzt. Früher konnte der Professor unwidersprochen und ungestört im Hörsaal Modelle mit konstruierten Annahmen präsentieren, aus denen sich die gewünschten Thesen ergeben mussten, und jede Diskussion von Realität und Wirtschaftsgeschichte verweigern. Das haben nur wenige Studenten und die meist erst nach Jahrzehnten durchschaut. Schon morgen werden Professoren keine im Internet längst widerlegten Dogmen weiter ungestört lehren können. Die Ökonomie ist reif für einen erneuten keynesianischen Umsturz von Lehre und Forschung. Immer mehr Studenten begreifen, wie die falschen Lehren der orthodoxen VWL für verheerende Krisen und die Schicksale ihrer Opfer verantwortlich sind, zu denen jeder Student bald selber gehören kann.

Bisher in dieser Serie erschienen:
Keynes in einem Satz
Keynes hat die Produktionsfunktion umgedreht
Die Zerstörung von Kapital in der Krise
Wie Keynes die orthodoxe Ökonomie widerlegt hat
Die monetäre Konjunkturtheorie von Keynes
Etwas Saldenmechanik
Die neoklassische Arbeitsmarkttheorie

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