Die Türkei versucht den Befreiungsschlag, trifft sich aber selbst

Am Montag hatte ich das neue Schwellenländerproblem erwähnt, das die Börsen für einen Tag in Panik versetzt hatte. Gestern nun erfahren wir, dass die Türkei darauf mit einer drastischen Maßnahme geantwortet hat. Die Zentralbank hat ihren Leitzins in einem gewaltigen Schritt von 4,5 auf zehn Prozent erhöht. Damit steigt der kurzfristige Zins für Übernachtkredite (das ist der Zins, den wir in unserem Türkei-Bericht im Dezember benutzt hatten) von 7,75 auf 12 Prozent. Mit dieser Maßnahme versucht die Notenbank, die Abwertung der türkischen Lira zu stoppen, die sich an den Devisenmärkten seit Beginn des Jahres noch einmal erheblich verstärkt hat.

Für eine Wirtschaft, die sich in einer sehr schwachen Konjunkturphase befindet mit einer Arbeitslosigkeit in der Größenordnung von zehn Prozent, ist das ein gewaltiger Schock und kann, wenn sich der Zinsanstieg als anhaltend erweist, eine schwere Rezession auslösen. Warum riskiert die Notenbank so viel? Nun, es scheint, als wolle man mit dieser Maßnahme die Gefahr einer Abwertungsspirale der eigenen Währung ein für allemal bannen. Notenbanken, die versuchen, den Außenwert ihrer Währung zu verteidigen, sind immer in einer schwierigen Situation. Sie können am Devisenmarkt intervenieren (also eigene Währung kaufen), aber dazu brauchen sie Devisen. Die Devisenreserven sind aber immer begrenzt und normalerweise (Ausnahme China) nicht in einer Menge vorhanden, die die Märkte von einer Spekulation gegen eine Währung abhalten würde. Folglich muss an irgendeinem Punkt entweder um internationale Hilfe nachgefragt werden (also Dollar-oder Eurokredite, die es nur beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington gegen scharfe Auflagen gibt), oder man versucht es mit eigenen Mitteln. Und da bleibt nur die Zinserhöhung.

Das Fatale ist, dass Länder wie die Türkei eine gewisse Abwertung ihrer Währung brauchen, um Wettbewerbsfähigkeit zurück zu gewinnen, ihr Leistungsbilanzdefizit abzubauen und damit der Abhängigkeit von den Finanzmärkten zu entkommen. Eine einmal in Gang gekommene Abwertung ist aber schwer aufzuhalten und es kann zu einem weiten Überschießen des Währungsverfalls kommen. Das kann ebenfalls große Schäden anrichten, weil die Inflation über stark verteuerte Importe steigt und möglicherweise eine Lohnspirale in Gang setzt, die dann auch nur mit einer Zinserhöhung zu bekämpfen wäre. Außerdem sind in den Schwellenländern meist viele Bürger auch in ausländischer Währung verschuldet, was ein neues Problem schafft, weil diese Schulden bei einer starken Abwertung quasi explodieren und die Banken in Schwierigkeiten bringen.

Doch auch wenn die Zentralbank zum Mittel drastischer Zinssteigerung greift, heißt das noch lange nicht, dass sie der Währungsspekulation damit nun Einhalt gebieten könnte. Im Gegenteil: Die Zinsdifferenz zur EWU ist jetzt so groß, dass es nach einem drastischen Absturz des Wechselkurses der Landeswährung für Spekulanten wieder sehr interessant wird, mit carry trades in die türkische Lira einzusteigen. Denn der Deflationskurs, der in der EWU gefahren wird, garantiert die kurzfristigen Niedrigzinsen der EZB für eine lange Zeit, so dass die Zinsdifferenz zur Türkei von dieser Seite her stabil zu sein verspricht. Dass die türkische Zentralbank schnell wieder und in großem Maßstab den Rückwärtsgang einlegen wird, ist auch nicht sehr wahrscheinlich. Warum also nicht für ein paar Monate 12% Zinsen (oder etwas weniger, falls die türkische Zentralbank ihren Zinskurs doch etwas lockert) einstreichen? Hauptsache, man ist ganz vorn bei den ersten dabei, die sich aus der Deckung wagen. Denn die leichte Aufwertung, die dann einsetzt, wird die Notenbank als Zeichen werten, dass ihr Zinsschritt wirkt und sich die Lage am Devisenmarkt beruhigt. Je mehr Spekulanten auf den Zug aufspringen, desto stärker wird die Lira wieder werden, was eine Weile als Zeichen interpretiert werden wird, das Vertrauen der ausländischen „Investoren“ in den Reformwillen und die Reformfähigkeit der Türkei sei zurückgekehrt. Bis sich herumgesprochen hat, dass diese Entwicklung kaum etwas mit den „fundamentals“ der türkischen Wirtschaft zu tun hat, sehr viel aber mit dem Aussaugen eines Landes durch Spekulanten, ist der pfiffige carry trader schon wieder ausgestiegen.

Das alles wäre zu vermeiden, wenn es ein globales Währungssystem gäbe, das dafür sorgte, dass sich die Währungsrelationen nach den Inflationsdifferenzen bzw. den Lohnstückkostendifferenzen ausrichten. Dann bräuchte man keine IWF-Konditionalität für den Fall, dass ein Land abwerten muss, sondern die Abwertung würde so in das System eingebaut, dass es erst gar keine Über- oder Unterbewertung von Währungen und damit auch keine riesigen und anhaltenden Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse gäbe. Aber nein, das darf nicht sein, weil ja die Ideologie (oder Idiotie) vorherrscht, nach der, um es drastisch zu sagen, die Märkte immer alles richtig machen und alle Fehlentwicklungen, die entstehen, auf Fehler der Politik zurückzuführen sind.

Also finden nach dieser „Lehre“ die Finanzmärkte auch die richtige Bewertung für die Währungen. Dass sie das nicht tun, kann man zwar jeden Tag an Ländern wie der Türkei oder Brasilien beobachten, aber das wollen die Marktgläubigen nicht sehen und schauen einfach weg. Die Spekulation mit Währungen (also vor allem der hier schon oft erwähnte und hier erklärte carry trade) produziert genau das Gegenteil des von der herrschenden Theorie erwarteten Ergebnisses, nämlich die (nominale und reale) Aufwertung von Währungen von Hoch-Inflationsländern. Aber diese systematisch falschen Preise werden nicht problematisiert, sondern verschleiert. Statt auf die Fehlentwicklungen der Märkte hinzuweisen, wird stattdessen die Politik in den Ländern gemahnt, endlich die notwendigen „Reformen“ in Gang zu setzen, was natürlich heißt, eine neoliberale Agenda umzusetzen.

Typisch für die Verwirrung, die allenthalben gestiftet wird, sind Aussagen wie in der FAZ, die behauptet: „Jahrelang haben westliche Großanleger Schwellenländer finanziert.“ „Großanleger“ also, weil das Wort „Spekulant“ vermutlich bei der FAZ auf dem Index steht. Ja, nachdem sie diese Länder in unhaltbare Leistungsbilanzdefizite durch die Spekulation mit deren Währungen getrieben und gut daran verdient haben, werden sie dann zu „Investoren“ hochstilisiert, die doch nur das Beste wollten. Dabei haben die Schwellenländer mit diesen „Investments“ nie etwas anfangen können, denn das Geld kam immer nur ganz kurzfristig und wurde für die Käufe westlicher Güter benutzt statt für Investitionen in den eigenen Kapitalstock.

Und dann, man glaubt es nicht, schwingt sich die FAZ, die oberste Verteidigerin der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse, zu einem Satz auf, der etwas Richtiges über Länder mit Leistungsbilanzdefiziten sagt. In der Türkei, schreibt Gerald Braunberger, riefen „das Leistungsbilanzdefizit und die Auslandsverschuldung Sorgen hervor.“ Na so etwas, Sorgen haben auf einmal Länder, die Leistungsbilanzdefizite und Auslandsverschuldung aufweisen. Wo doch gerade die FAZ in den vergangenen Wochen nicht müde wurde zu betonen, wie ungefährlich, ja geradezu gut die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse für die ganze Welt sind. Wie können dann Defizite und Verschuldung schlecht sein, wenn Überschüsse und Forderungen doch durchweg gut sind? Sind die deutschen Überschüsse vielleicht gar nicht von dieser Welt? Sind es doch Mars und Venus, die die Defizite machen, die den deutschen Überschüssen gegenüberstehen?

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sich das ganze Elend der globalen makroökonomischen Diskussion in diesem Schwellenländerproblem widerspiegelt: angefangen mit der Verdrängung des Wechselkursproblems und dem Versagen der Märkte über die unsinnige Konditionalität, die vom IWF Ländern mit Leistungsbilanzdefiziten aufgezwungen wird, bis hin zu der schwachsinnigen Diskussion über Leistungsbilanzüberschüsse, in der sich Deutschland und seine Ökonomen besonders hervortun. Und schließlich zeigt dieses Schwellenländerproblem, wie dramatisch sich die wirtschaftliche Lage selbst bei flexiblen Wechselkursen entwickeln kann, wenn ein Land im Ausland hoch verschuldet ist. Nun müsste man nur noch den kleinen geistigen Sprung wagen in eine Welt, in der ein Land mit seiner Währung auf Gedeih und Verderb an andere Länder gebunden ist, die nichts anderes im Sinn hatten, als für sich selbst so schnell wie möglich die Leistungsbilanzüberschüsse zu reservieren und die anderen in die Defizite zu treiben – dann, ja dann hätte man endlich das ganze Ausmaß der Eurokrise verstanden.

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