Panik an den Börsen – Sind Probleme der Entwicklungsländer die Ursache?

Vergangenen Freitag kam es zu einem Mini-Crash an den Börsen, und man rätselt über den Auslöser. Weil gleichzeitig einige Währungen von Entwicklungs- und Schwellenländern in die Knie gegangen sind, vermutet man dort die Ursache. Wie immer in solchen Fällen, ist es aber nicht so einfach, wie es aussieht.

Zunächst ist klar, dass es einer massiven Korrektur des weit überzogenen Börsenhype bedarf. Wir haben im Oktober hier bereits betont, dass neue Blasen im Entstehen sind, auch wenn die Marktteilnehmer selbst und die Politik nicht bereit sind, das zur Kenntnis zu nehmen. Was den Ausstieg aus dem ohne Sinn und Ziel nach oben rauschenden Börsenzug dann auslöst, ist wenig entscheidend. Immer findet sich früher oder später ein Ereignis, das zur Ernüchterung beiträgt und die Herden der Zocker zum überstürzten Aussteigen bringt. Versuche, das rational zu erklären, sind von vorneherein sinnlos.

Dass Argentinien diesmal im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, ist nicht überraschend angesichts der Tatsache, dass das Land ob seiner heterodoxen Politik seit vielen Jahren in der internationalen Presse heftig unter Beschuss steht und man sozusagen nur darauf wartet, dass etwas passiert, was die lange gehegten Vorurteile bestätigt. Eigentlich ist das Land eine Erfolgsgeschichte nach seiner Währungskrise im Jahr 2002, aber die verschiedenen Regierungen der Kirchners (der Familie, die in den Turbulenzen 2002 die Macht übernahm und seitdem behauptet) haben doch einige fatale Fehler gemacht, die sich nun rächen.

Wir können das hier heute nicht im Detail analysieren (was wir demnächst jedoch einmal tun werden), aber Argentinien hat seine Position der Stärke mit einem sehr hohen Leistungsbilanzüberschuss nach der Krise (und der sehr starken Abwertung seiner Währung) allmählich über eine Inflationierung verspielt, die unnötig und sinnlos war und zudem noch von der Regierung vertuscht wurde. Nun weist das Land wieder ein Leistungsbilanzdefizit auf, ist also abhängig von ausländischem Kapital und verliert über Intervention an den Devisenmärkten seine Devisenreserven. Das ist der klassische Fall für eine Währungskrise. Man muss einerseits eine starke Abwertung zulassen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden, weiß aber nicht, wie man die Abwertung stoppen soll, wenn sie zu einer panikartigen Kapitalflucht führt. Das alles passiert, obwohl es Kapitalverkehrskontrollen gibt; aber die sind nie so wasserdicht, dass man eine solche Abwertungsspirale ausschließen kann.

Doch auch andere Länder sind im Fokus der Spekulanten, insbesondere die Türkei und Südafrika. Es ist also nichts anderes als der Ausstieg aus carry trades (die wir zum Beispiel hier erklärt haben) und damit der übliche Ablauf einer Finanzmarktkrise, bei der alle gleichzeitig versuchen, aus riskanten Vermögenspositionen auszusteigen. Die Währungen von Entwicklungs- und Schwellenländer ebenso wie deren Aktien- und Bondmärkte gelten eben als riskant und ertragreich zugleich.

Aber wie gesagt, einen Anlass zum Aussteigen, wenn die Blase erst einmal tüchtig gewachsen ist, gibt es immer, und so ist der Versuch, für die jetzt ausbrechende Panik (die auch morgen schon wieder vorbei sein kann) eine „vernünftige“ Erklärung zu suchen, sowieso zum Scheitern verurteilt. Die eigentliche Erklärung liegt in der fatalen Konstellation, dass zum einen große Teile der Weltwirtschaft wegen missverstandener Lohnpolitik vor sich hindümpeln bzw. mit Deflation und Rezession zu kämpfen haben. Das zwingt die Geldpolitik zu permanenter Expansion. Zum anderen aber versagt die Wirtschaftspolitik, die die Banken zwingen müsste, die (auch von der expansiven Geldpolitik gespeisten) Kasinospiele zu beenden, und dafür sorgen sollte, dass Devisenkurse der internationalen Spekulation entzogen und in einem Weltwährungssystem kooperativ und den „fundamentals“ entsprechend festgelegt werden.

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