Archiv flassbeck-economics | 14.02.2014 (editiert am 22.03.2018)

Unser Geldsystem – Das Ende von Bretton Woods

Einer unserer Leser stellt uns eine Reihe von Fragen bezüglich des Geld- und Finanzsystems, die alle interessant sind und in vielen verschiedenen Zirkeln diskutiert werden:

Er fragt:

1.      In wie weit wirken die Instrumente der Zentralbanken noch in unserem aktuellen Finanzsystem?

2.      Gibt es optimale Währungsräume, wie nach Robert Mundells Theorie? (siehe Euro-Raum)

3.      Wie stehen Sie zu der Vollgeldreform von Irving Fisher?

4.      Für den Fall, dass der Geldwert den Materialwert übersteigt, kann die Kaufkraft nur durch eine glaubwürdige Währungsreserve aufrecht erhalten werden. Aber was ist eine glaubwürdige Währungsreserve?

5.      Sofern in der Währungsverfassung keine Einlöseverpflichtung eingebaut ist, wird die Deckung durch Vermögenswerte und Kreditforderungen in der Bilanz der dafür zuständigen Zentralbanken festgelegt. Welche sind das aktuell?

6.      Machen diese Deckungen aus Frage 5 Sinn?

7.      Brauchen wir in unserem Schuldgeldsystem eine „Kreditbremse“ (Schumpeter zum Goldstandard), wenn ja, welche?

8.      Ist der vorgeschlagene „Bancor“ von Keynes ein zweckmäßiger Ersatz für den Goldstandard, wenn ja, wie funktioniert das System?

9.      Sind die Löhne der einzige maßgebende Faktor für Inflation bzw. Deflation? Was ist mit den Kapitalkosten?

10.   Müsste es dann in einer Zentralbank eine Abteilung für die Kontrolle der Lohnentwicklung geben?

Viele Menschen suchen auf diese und ähnliche ökonomische Fragen Antworten, die von der modernen Volkswirtschaftslehre leider nicht gegeben, ja nicht einmal zu geben versucht werden. Wir wollen uns im Rahmen einer Reihe von Artikeln zum Geldsystem und zur Geldpolitik mit einigen der genannten und einigen anderen Fragen befassen. Wir werden das nicht mit dem Versuch einer genauen dogmengeschichtlichen Einordnung verbinden, sondern es ganz der subjektiven Einschätzung des Autors des jeweiligen Beitrags überlassen, inwiefern er auf Arbeiten aus der Fachliteratur zurückgreift bzw. verweist. Denn wann wer was zum Geldsystem geschrieben hat und was er damit im Zweifel gemeint haben könnte, ist weniger wichtig als das Verständnis der Sachzusammenhänge selbst. Tonnen von Primär- und Sekundärliteratur können Leser im wahrsten Sinne des Wortes belasten und abschrecken, sich in die Sachzusammenhänge selbst hinein zu denken. Großspuriges Namedropping kann auch dazu verführen, das eigene Denken rasch einzustellen nach dem Motto: Wenn schon so viele Leute mit großem Namen Wichtiges geäußert haben, dann brauche ich mir um die Stichhaltigkeit von deren Aussagen keine Gedanken mehr zu machen. Natürlich ist es sinnvoll, das Rad nicht ständig neu zu erfinden, sondern auf bereits bestehende Erkenntnisse und Erfahrungen aufzubauen. Nur die Prüfung, ob bereits Vorhandenes tatsächlich zutreffend war und heute noch ist, bleibt unerlässlich. Und wir wollen unseren Leserkreis nicht damit ermüden, von uns als Sackgassen erkannte Wege in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur genau nachzuverfolgen, wenn daraus kaum weiterführende Einsichten zu gewinnen sind.

In den ersten Teilen werde ich aus meiner eigenen Erfahrung und meinem eigenen Wissen mit der Entwicklung des Geld- und Währungssystems in den vergangenen vierzig Jahren berichten und versuchen, aus diesen Erfahrungen Schlüsse im Hinblick auf die heute vorherrschenden Probleme und die prinzipiell vorhandenen Lösungsansätze zu ziehen.

Als ich 1971 zu studieren begann, kam es in geld- und währungspolitischen Fragen gerade zum Umbruch von einem vorwiegend international geprägten Denken im Bretton Woods System zu den vermeintlich nationalen Lösungen, die vor allem vom Monetarismus vorgezeichnet worden waren. Die führenden keynesianischen Autoren hatten sich in der Nachkriegszeit mit wenigen Ausnahmen (von denen ich L. A. Metzler besonders herausragend fand) nicht sehr gründlich mit der Entwicklung des Bretton Woods Systems und der immer wieder im Raum stehenden Alternative flexibler, also marktbestimmter Wechselkurse auseinandergesetzt. Dagegen waren die Monetaristen unter Führung von Milton Friedman sehr aktiv und propagierten schon in den fünfziger Jahren – entgegen den schlechten Erfahrungen aus den Zeiten nach dem Ende des Goldstandards – als Alternative zu festen Wechselkursen ein System marktbestimmter Wechselkurse. Sie behaupteten, dass ein solches System den nationalen Notenbanken die nötige Autonomie geben würde, um eine auf die Verhältnisse der jeweiligen nationalen Volkswirtschaften genau zugeschnittene Geldpolitik betreiben zu können.

Das sah sehr attraktiv aus, weil die Abhängigkeit der nationalen Geldpolitik der Mitgliedsländer des Bretton Woods Systems von der amerikanischen Geldpolitik allgemein als Gängelband empfunden wurde. Das amerikanische Federal Reserve System machte natürlich Geldpolitik für die USA, und die nationalen Notenbanken der übrigen Staaten mussten dieser Politik weitgehend folgen, wollten sie ihre Wechselkurse zum Dollar stabil halten. In einem weitgehend vergessenen, aber großartigen Buch (Theorie der Geldpolitik, Mohr Siebeck 1966) haben zwei ehemalige Geschäftsführer des Walter Eucken-Instituts in Freiburg, Alfred Bosch und Reinhold Veit, Mitte der sechziger Jahre gezeigt, dass nationale Geldpolitik in diesem System nicht mehr möglich und nicht nötig war.

Das globale Währungssystem verlangte Anpassung der Lohnpolitik und der Inflationsrate an die amerikanische Leitwährung, machte die nationalen geldpolitischen Institutionen aber im Grunde zu Statisten. Es gab natürlich, wie das dann später in der amerikanischen Literatur genannt wurde, eine „impossible trinity“: Man konnte nicht freie Kapitalbewegungen haben, feste Wechselkurse und autonome nationale Geldpolitik. Es war ja gerade die Idee des Systems, über die Anbindung an den amerikanischen Anker (oder einen internationalen Anker, also eine wirkliche internationale Währung, wie Keynes sich das gewünscht hatte) den Währungen ausreichend große Stabilität zu verleihen, um den Investoren in der Realwirtschaft möglichst sichere Perspektiven zu bieten. Dass aus der impossible trinity eine „große“ wissenschaftliche Erkenntnis gemacht wurde, mit der sich dreißig Jahre später noch die „Währungsexperten“ schmückten, hätte Keynes sicher mit der Skurrilität eines erheblichen Teils des wissenschaftlichen Personals erklärt.

Die tatsächliche Dominanz der amerikanischen Geldpolitik war, wie Friederike Spiecker und ich in unserem Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ gezeigt haben, eigentlich ein Segen für Europa, weil die amerikanische Geldpolitik mit Hilfe von sehr niedrigen Zinsen voll auf Wachstum setzte und die Unterbewertung der europäischen Währungen ein Übriges tat, um die vielen Wirtschaftswunder in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu ermöglichen. Vieles spricht dafür, dass diese unmittelbaren und andauernden Wirkungen der makroökonomischen Politik zusammen mit kräftigen Lohnsteigerungen in viel größerem Maße für das globale Wirtschaftswunder verantwortlich waren als etwa die Erhardsche Grundentscheidung zugunsten der Marktwirtschaft. Diese war sicher eine notwendige Bedingung für den Erfolg, keineswegs aber eine hinreichende.

Die positiven realwirtschaftlichen Wirkungen von Bretton Woods wurden aber vor allem in Deutschland als vollkommen eigenständige nationale Leistung interpretiert. In ähnlicher Weise wie heute fühlte sich Deutschland als etwas ganz besonderes, nämlich als das Land, das ein Wunder vollbracht hatte. Ganz schnell wurde Ludwig Erhard zum Vater dieses Wirtschaftswunder gekürt, ohne dass man verstand, dass es vor allem die intellektuelle Leistung von John Maynard Keynes gewesen war, die das Bretton Woods System und mit diesem System das deutsche, das französische und das italienische Wirtschaftswunder ermöglicht hatte, um nur einige zu nennen.

Statt das globale Währungssystem weiterzuentwickeln, seine Schwächen zu analysieren und möglichst auszumerzen, regte sich unter dem Dauerfeuer der Monetaristen mehr und mehr Widerstand gegen das System als solches. Denn mit der erreichten Vollbeschäftigung traten Inflationssorgen in den Vordergrund, auf die der Keynesianismus scheinbar keine Antwort hatte. In Deutschland hatte ein Großteil der Wirtschaftswissenschaftler schon Anfang der sechziger Jahre begonnen, von der „schleichenden Inflation“ als dem wichtigsten wirtschaftspolitischen Problem zu schwadronieren (der Verein für Socialpolitik widmete diesem Thema eine ganze Jahrestagung), und sehnte nichts mehr herbei als die geldpolitische Abkoppelung von den USA und das Ende des ungeliebten Keynesianismus.

Fatal an der internationalen Diskussion schon in den fünfziger und frühen sechziger Jahren war, dass „flexible Wechselkurse“ als Alternative zu einem System fester Wechselkurse diskutiert wurden unter der Annahme, solch ein System werde problemlos dafür sorgen, dass die Unterschiede in den Inflationsraten ausgeglichen würden und die nationale Geldpolitik wirklich autonom würde, also quasi schalten und walten könne, wie sie wolle. Das ist, wie wir heute wieder wissen, vollkommen falsch. Aber auf dieser Basis schrieb Robert Mundell viele einflussreiche Artikel über den Vergleich von festen und „flexiblen Kursen“ (und schaffte damit den als Mundell/Fleming Modell bekannt gewordenen analytischen Rahmen) und präsentierte schließlich seine „Theorie der optimalen Währungsräume“. Diese Theorie, bei der die Mobilität der Arbeit unter bestimmten Annahmen wichtig für ein optimales Funktionieren des Währungsraumes ist (im Detail werden diese und einige andere Theorien optimaler Währungsräume in meinem Buch „Preise, Zins und Wechselkurs“, Mohr-Siebeck 1988, kritisiert), machte auch dem letzten Zweifler klar, dass die Welt auf keinen Fall ein optimaler Währungsraum ist.

Doch diese Theorie, die auch heute noch en vogue ist und zur Beurteilung der Europäischen Währungsunion eingesetzt wird, ist für praktische Fragen vollkommen wertlos, weil sie voraussetzt, dass flexible Wechselkurse eine einfach zu handhabende Alternative sind. Ist das aber falsch, kann man sich die Theorie optimaler Währungsräume komplett sparen. Denn dann sagt sie uns nichts darüber, wie ein geeignetes, nämlich in der Praxis handhabbares Währungssystem aussehen muss, wenn Arbeit nicht mobil ist oder andere Annahmen des Modells nicht erfüllt sind.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Bundesbank den Monetarismus einführte und warum er zum Scheitern verurteilt war.

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