Aufwertung des Euro als Problem – oder die Virtuosität des Bundesbankpräsidenten

Aufwertung ist ein Problem. Sagen jedenfalls in der Welt und im Manager-Magazin eine Reihe von Experten.  „In den letzten zwölf Monaten hat sich die Einheitswährung gegenüber dem US-Dollar um fast 10 Prozent verteuert“, wird etwa Bernd Hartmann, Leiter Investment Research & Advisory der Liechtensteiner VP Bank zitiert. „Deutsche Produkte sind damit für viele Kunden aus den Schwellenländern weitaus teurer geworden. Der einstige Segen, in Form von starken Handelsbeziehungen mit den aufstrebenden Volkswirtschaften, erweist sich für die deutschen Konzerne derzeit als Fluch.“ Hingewiesen wird auch darauf, dass Siemens und Linde heftig über die Aufwertung des Euro klagen.

Das ist erstaunlich. Wo doch die einen die ganze Zeit betonen, Preise hätten mit dem Außenhandel eigentlich nichts zu tun, und die anderen sagen, die deutschen Exporterfolge wären Folge der hohen deutschen Produktivitätszuwächse, der enormen Qualität deutscher Exportprodukte sowie deren monopolartiger Unersetzlichkeit, nicht aber der im Vergleich dazu geringen deutschen Lohnsteigerungen. Zehn Prozent Aufwertung tun den deutschen Unternehmen weh? Aber zwanzig Prozent interner deutscher Abwertung durch Lohndumping in den ersten zehn Jahren der Währungsunion sollen ihnen nicht massiv geholfen haben? Weil die Produkte ja ohnehin so überlegen waren? Warum sind die Produkte, die seit 1999 um zwanzig Prozent billiger wurden, jetzt aber um zehn Prozent teurer werden, nicht immer noch so überlegen, dass ihnen ein so kleiner Preissprung nichts ausmacht?

Man sieht: Die Argumente werden immer so hingedreht, wie es gerade nützlich ist. Weil derzeit Lohnverhandlungen sind, ist es opportun, über hohe Kosten zu klagen. Wenn die anderen Europäer über niedrige deutsche Kosten klagen, sagt man, die Kosten hätten gar nichts mit dem eigenen Erfolg zu tun. Ein aktuelles Beispiel für diese Art von virtuosem Umgang mit Fakten liefert der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann. In einem Vortrag in Kiel sagte er kürzlich, dass die hohen Kosten der anderen in der Eurozone entscheidend zu den Ungleichgewichten beigetragen hätten. Dass die niedrigen deutschen Kosten damit auch etwas zu tun haben könnten, erwähnt er nicht. Weil in Deutschland hohe Arbeitslosigkeit herrschte, die Alterung drohte und die Deutschen deshalb viel sparten, musste es seiner Meinung nach einfach so kommen.

So stellt Jens Weidmann bezüglich der anderen Länder fest: „…Die günstigen Finanzierungsbedingungen in den Euro-Ländern mit zuvor höheren Zinssätzen stimulierten jedoch deren Binnennachfrage. Ein prozyklischer Realzinseffekt kam zum Tragen. Die höhere Inlandsnachfrage führte in den jeweiligen Ländern zu überdurchschnittlichen Preissteigerungen, während die nominalen Zinsen im Eurogebiet kaum variierten. Dadurch sanken die realen Zinssätze in den betroffenen Ländern noch weiter.“ Mit ‚prozyklischem Realzinseffekt‘ meint der Bundesbankpräsident, dass niedrige Realzinsen die Investitionsnachfrage anheizen in einer Konjunkturphase, in der die Preissteigerungsrate dank guter Auslastung zulegt, so dass die konjunkturelle Aufwärtsbewegung verstärkt wird.

Das klingt einleuchtend, ist aber eine sehr einseitige Betrachtung. Denn waren es wirklich die unterschiedlichen Realzinsen, die die Investitionen in den anderen Eurostaaten anregten und in Deutschland bremsten? In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre bis 1990 lagen beispielsweise die Realzinsen in Frankreich und Spanien ungefähr gleich auf und über denen in Westdeutschland. Trotzdem war damals die deutsche Investitionstätigkeit schwächer als in Frankreich und Spanien, die spanische darüber hinaus mit Abstand am höchsten von allen drei Ländern. Das weckt doch gewisse Zweifel, wie stark man sich auf den einfachen Zusammenhang zwischen Investitionstätigkeit und Realzinsen zumindest in internationalen Quervergleichen verlassen sollte, um Unterschiede in der Investitionsentwicklung verschiedener Länder zu erklären. Auch die Tatsache, dass Frankreich überhaupt nicht in das von Jens Weidmann aufgestellte Schema (gleiche Nominalzinsen, aber unterschiedliche Preisentwicklung und damit abweichende Realzinsen, was zu unterschiedlicher Investitionstätigkeit führt) passt (in Frankreich fand ja kein Bauboom statt) und nun doch in großen Schwierigkeiten ist, wird einfach vergessen.

Dann aber widmet er sich den von ihm vermuteten Folgen der hohen Lohnsteigerungen: „Zugleich stiegen infolge der höheren Nachfrage auch die Löhne, wodurch der reale Wechselkurs stieg und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit abnahm. Der dämpfende Effekt des Anstiegs des realen Wechselkurses auf die Exporte reichte jedoch nicht aus, um die Lohnentwicklung in den betroffenen Ländern zu mäßigen. Mit anderen Worten: Der Zinseffekt dominierte den Wechselkurseffekt. Somit kam es trotz geringerer Exporte nicht zu einer Anpassung, und die Leistungsbilanzdefizite bestanden fort. In der Folge bauten sich zunehmend höhere Auslandsverbindlichkeiten der Defizitländer auf.“ Wieder wird Frankreich vergessen, wo die Löhne gewiss nicht übermäßig gestiegen sind. Fest steht aber auch hier, dass steigende Preise im Außenhandel ein großes Problem schaffen.

Jens Weidmann sagt jedenfalls, und das ist interessant, dass es keinen Automatismus zugunsten niedriger Lohnsteigerungen gibt, nur weil zuvor stark gestiegene Löhne in einem Land zu einem negativen Außenhandelseffekt führten. Daraus kann man nur folgern, dass sich alle Mitgliedsländer einer Währungsunion von vorneherein an einen gemeinsamen Maßstab halten müssen für ihre Lohnentwicklung bzw. die Veränderung ihrer Lohnstückkosten. Und der einzige Maßstab, der dafür in Frage kommt, ist das gemeinsam vereinbarte Inflationsziel. Man darf dann diese Zielvariable weder unter- noch überschreiten, weil es dafür ja keine Korrektur außer einer großen Krise gibt. Das wäre der nächste logische Schritt, den Jens Weidmann in seiner Rede allerdings vermeidet. Und er muss ihn vermeiden, weil anderenfalls die ganze deutsche Strategie schnell durchschaut wäre und obendrein der Monetarismus aufgegeben werden müsste.

Stattdessen widmet er sich der Rolle Deutschlands und macht eine bemerkenswerte Feststellung: „Das Euro-Währungsgebiet setzt sich jedoch nicht nur aus Ländern zusammen, die ein Zahlungsbilanzdefizit verzeichnen, sondern auch aus Überschussländern, allen voran Deutschland. Der Überschuss Deutschlands gegenüber den restlichen Euro-Ländern ist spiegelbildlich zur Verbesserung der Defizitländer gesunken. Im vergangenen Jahr war er etwa halb so hoch wie sein vorheriger Höchststand.“ Daraus kann oder muss man sogar schließen, dass der steigende Überschuss Deutschlands in den ersten Jahren der Währungsunion spiegelbildlich zu den steigenden Defiziten der anderen zu sehen ist. Immerhin. Offenbar haben Überschüsse und Defizite in Europa etwas miteinander zu tun. Das ist schon ein Fortschritt gegenüber der offiziellen Auffassung in Berlin und Brüssel, wo man Defizite und Überschüsse unterschiedlich betrachtet und unterschiedlich sanktioniert.

Dann aber kommt Herr Weidmann zu den (unseren) Forderungen an Deutschland: „Ungeachtet dessen wurde wiederholt gefordert, dass Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit senken soll, um die Ungleichgewichte im Euro-Währungsgebiet zu reduzieren. Ein möglicher Lösungsansatz sah eine deutliche Lohnsteigerung vor, also einen stärkeren Anstieg, als es die Lage am deutschen Arbeitsmarkt rechtfertigt.“ Das genau folgt auch aus seiner eigenen Analyse, denn wenn die zu hohen Lohnsteigerungen in den Defizitländern verantwortlich für die Probleme dort sind und folglich die Löhne dort sinken müssen, dann kann das bei der hohen Handelsverflechtung ja nur funktionieren, wenn in Deutschland die Löhne relativ steigen. Das muss allerdings zu einem deutlich stärkeren Anstieg der deutschen Löhne als in der Vergangenheit führen, weil es in Europa ein von der EZB (Herr Weidmann vertritt im Rat dieser Organisation, dem EZB-Rat, die Deutsche Bundesbank!) festgelegtes Inflationsziel gibt, das nur eingehalten werden kann, wenn die Angleichung der Löhne (der Lohnstückkosten) so erfolgt, dass nicht nur die anderen senken, sondern Deutschland kräftig erhöht. Das ist reine Logik, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie eng der Zusammenhang zwischen Lohnstückkosten und Preisen ist.

Ob die Lohnsteigerung dann für den deutschen Arbeitsmarkt angemessen ist, kann man unterschiedlich beurteilen, je nachdem, ob man an die neoklassische Theorie der Beschäftigung glaubt oder nicht. Glaubt man wie Herr Weidmann an sie, dann muss man trotzdem sagen, dass in einer Währungsunion nur alle Länder gemeinsam eine neoklassische Therapie (also Lohnsenkung) anwenden können. Schließlich war zu Beginn der Währungsunion die französische Arbeitslosigkeit genauso hoch wie die deutsche. Und man muss sagen, dass ein Fall wie der jetzt eingetretene, dass nämlich nur ein einzelnes Land wie Deutschland die Neoklassik anwendet, während alle anderen das nicht tun, schief gehen muss, weil es zu unüberwindlichen Ungleichgewichten im Handel führt. Wer das nicht weiß oder wegen seiner ideologischen Ausrichtung nicht sagen will, ist in der EZB (wie in jeder anderen europäischen Institution) vollkommen fehl am Platz.

Jens Weidmann fährt dann mit der interessanten Überlegung fort: „Dahinter steckt die Idee, dass Wettbewerbsfähigkeit relativ ist: Verluste des einen Landes sind die Gewinne des anderen. In Bezug auf den Euro-Raum würde dies jedoch nur dann funktionieren, wenn das Eurogebiet eine Insel in der Weltwirtschaft wäre und nicht mit der restlichen Welt konkurrieren würde.“ Danke! Das ist das finale Zugeständnis, dass unsere Analyse richtig ist und dass die der Bundesbank in der Vergangenheit falsch war. Denn der Euroraum ist in der Tat eine Insel. Womit wir wieder beim Anfang wären, also dem Thema der Aufwertung und der Probleme, die sie für die Europäer verursacht. Der Euroraum ist eine Insel, weil er eine eigene Währung hat und einen Wechselkurs, der sich gegenüber dem Rest der Welt je nach den wirtschaftlichen Gegebenheiten anpasst. Weil der Euroraum aktuell in eine Deflation gerät (die Löhne und die Lohnstückkosten sinken in einigen Ländern schon absolut), wertet der Euro auf. Und das genau ist der Insulierungseffekt (das ist kein übliches deutsches Wort, aber in der englischen Literatur wurde das Wort „Insulation“ lange Zeit genau für die Beschreibung dieses Effekts genutzt) einer eigenen Währung. Soweit die Währungen den Inflationsdifferenzen folgen, tragen sie zu einer Verinselung der Wirtschaftsräume bei. Jeder Versuch, über Lohn- und Preissenkung die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu Lasten anderer zu verbessern, ist dann sinnlos.

Der Euroraum ist eine große und weitgehend geschlossene Volkswirtschaft, die zudem über die veränderlichen Wechselkurse gegenüber dem Rest der Welt eine Isolierung hinsichtlich der Wirkung von Inflationsdifferenzen erfährt. Hier gilt, und Herr Weidmann bestätigt das mit seinen Überlegungen, dass Überschüsse und Defizite im Außenhandel spiegelbildlich entstehen und auch spiegelbildlich abgebaut werden müssen. Wenn es richtig ist, dass zu hohe Lohnsteigerungen für Defizite verantwortlich sind, dann sind zu niedrige Lohnsteigerungen auch für Überschüsse verantwortlich. Aus dieser einfachen Logik können wir uns nicht herausmogeln. Die europäischen Politiker können das nicht, die EZB und die Bundesbank nicht, und auch nicht Jens Weidmann.

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