Archiv | 11.03.2014

Die FAZ und die Saldenkonfusion – oder: Saldenmechanik ist nicht genug

Wir haben gestern gezeigt (nur im Abo vollständig zu lesen), wie sehr das Dokument der EU-Kommission, in dem Deutschlands Rolle bei der Entstehung der Ungleichgewichte in Europa untersucht werden soll, von inhaltlicher Konfusion und/oder politischer Rücksichtnahme auf Deutschland in der Kommission geprägt ist. Aber machen wir uns nichts vor: Es spiegelt mehr als alles andere die Konfusion in der sogenannten Wissenschaft von der Ökonomie wider. Man kann keine Erklärung für die Veränderung solcher Salden finden, weil man die Salden direkt als Ausdruck eines bestimmten Verhaltens interpretiert anstelle der Bruttoströme, aus denen sich dann die Nettoströme, also die Salden, ergeben.

Ich will versuchen, das noch einmal kurz am Beispiel der Konfusion in der FAZ in der letzten Woche zu erklären. Dort schreibt Holger Steltzner in einem Meinungsbeitrag, „die Überschüsse (seien) kein Ergebnis staatlicher Steuerung, sondern eine Folge marktwirtschaftlicher Entscheidungen von Konsumenten, Arbeitnehmern oder Unternehmen, die täglich überlegen, wofür sie ihr Geld ausgeben oder ob sie es lieber sparen wollen. Da keiner etwa einen Franzosen zwingt, ein deutsches Premiumauto zu kaufen, geht der Vorwurf von keynesianischen Kritikern fehl, Deutschland plündere mit seinen Überschüssen die Nachbarn aus.“

Andererseits stellt Holger Steltzner fest: „Wie abstrus die saldenmechanische Kritik der EU-Kommission ist, zeigt ein Blick auf die Kapitalbilanz. Weil Deutschland mehr ins Ausland verkauft, als es dort einkauft, sparen die Deutschen. Riesige Kapitalexporte sind die Gegenbuchung zu unseren Leistungsbilanzüberschüssen. Auch hierbei handelt es sich um die souveräne Entscheidung eines jeden Wirtschaftsakteurs, der seinen Teil des Volkseinkommens heute konsumieren oder für später zurücklegen kann.“

Es gibt in dieser Sichtweise also autonome Entscheidungen auf beiden Seiten. Die einen wollen autonom sparen, also Geld zurücklegen, die anderen wollen autonom einkaufen und mehr ausgeben, als sie heute haben.

Nur, wieso klappt das immer ganz genau? Wie kommen die beiden Seiten zusammen? Wie gleicht sich das Sparen der einen mit dem Ausgeben (der Verschuldung) der anderen aus? Was ist, wenn beide zufälligerweise sparen wollen? Nehmen wir an, es gäbe nur Frankreich und Deutschland auf der Welt, und in beiden Ländern wollten die Bürger sparen, also mit ihrer autonomen Entscheidung einen Überschuss in der Leistungsbilanz erzielen, weil sie auf diese Weise für die Zukunft vorsorgen wollen.  Was passiert dann? Wir wissen doch, dass das nicht klappen kann, weil die Leistungsbilanz der beiden Länder zusammen (also in dem Fall der ganzen Welt) ausgeglichen sein muss. Die Bürger in beiden Ländern mögen versuchen zu sparen, aber die Bürger in nur einem Land können erfolgreich ihren Wunsch umsetzen (oder beide sind nicht erfolgreich und sparen in Höhe von Null). Wem gelingt es zu sparen? Die Bürger welchen Landes setzen sich mit ihrem autonomen Wunsch durch und welches Land nicht? Und vor allem, auf welche Weise geschieht es, dass sich das eine Land entgegen dem Wunsch seiner Bürger in der Rolle des Nettoschuldners wiederfindet?

Letzteres ist die entscheidende Frage, und auf diese Frage hat die Saldenmechanik keine Antwort (und Holger Steltzner stellt sie nicht einmal). Die Saldenmechanik sagt uns nur, dass es am Ende eines Prozesses einen Ausgleich gibt; sie sagt uns aber nicht, wie dieser Ausgleich zustande gekommen ist. Man kann auch keine Antwort auf diese Frage finden, wenn man sich von vornherein weigert, die Mikroebene zu verlassen. Nur wer die Makroebene in den Blick nimmt, kann erkennen, dass es eine Autonomie für beide Seiten nicht geben kann. Um Antworten zu geben, muss man Mechanismen finden, die in beiden Ländern eine wichtige Rolle bei der Steuerung der Güter- und Kapitalströme spielen und die eines der beiden dazu bringen, weit mehr auszugeben als geplant. In einer verflochtenen Welt kann es autonome Wünsche geben, aber keine autonomen Resultate.

Wie kann ein solcher Ausgleichsmechanismus aussehen? Nun, zunächst muss man feststellen, dass es in einer Währungsunion nicht der Zins ist, der über das relative Sparen oder Verschulden der einzelnen Mitgliedsländer entscheidet, denn der Zins ist unter normalen Umständen in einer Währungsunion für alle etwa gleich. Für Frankreich und Deutschland war er fast absolut gleich. Die Entscheidung der Bürger eines Landes, mehr zu sparen als in einem anderen Land, hat also gerade nichts mit dem von der Neoklassik in dieser Frage als entscheidend angesehenen Preis, eben dem Zins, zu tun. Deswegen sind auch die immer wieder von dieser Seite unternommenen Erklärungsversuche von Professor Hans-Werner Sinn sinnlos.

Nein, ein Mechanismus, der ein Land zwingt, in eine Rolle zu geraten, die es gar nicht will, muss – wie könnte es in einer Marktwirtschaft anders sein? – durch die Preise zustande kommen. Auch in einer Währungsunion können, wie wir in der Eurozone gesehen haben, Güterpreise (und die Lohnstückkosten) auseinanderlaufen. Die deutschen Lohnstückkosten und Preise sind über viele Jahre weniger stark gestiegen als in Frankreich. Im Laufe dieses Prozesses werden deutsche Güter immer billiger im Vergleich zu den französischen. Auf diese Weise werden die Konsumenten in Frankreich „verleitet“ (das ist eigentlich schon zu emotional ausgedrückt, denn hinter den Kaufentscheidungen steckt ja ein rationales Kalkül, wie man sein Budget am besten nutzt), deutsche Produkte zu kaufen. Denn die deutschen Produkte sind billiger als die französischen, und in Deutschland ist es umgekehrt. Die Anonymität der Märkte, die hohe internationale Arbeitsteilung und der Freihandel sorgen ganz automatisch dafür, dass sich die Verbraucher nicht bewusst sind, ob sie mit ihrem Kauf eher die eigene Wirtschaft oder die eines Handelspartnerlandes stärken. Und selbst wenn sie sich dessen bewusst wären, so werden sie deshalb noch lange nicht entgegen der Rationalität handeln, ihre Kaufentscheidungen am Preis zu orientieren.

In Deutschland wird aufgrund der genannten Preiskonstellation in der Exportindustrie mehr produziert und auch in den Bereichen, die mit Importen konkurrieren, weil die Importe relativ teurer sind als die inländischen Substitute. Im Zuge dieser Entwicklung des Außenhandels werden mehr Arbeitsplätze geschaffen. In Frankreich ist es genau umgekehrt. Da die französischen Konsumenten leicht eine Finanzierung für die deutschen Produkte finden, so lange das Land als Ganzes nicht in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, passiviert sich in Frankreich die Leistungsbilanz und in Deutschland entsteht ein Überschuss.

Ob man das Zwang nennt oder Verlust von Autonomie, darüber kann man lange streiten. Wie immer man es nennt, es hat gewaltige wirtschaftliche Konsequenzen. Steht hinter dem deutschen Exporterfolg, wie das im Fall des Euroraumes unzweifelhaft gegeben ist, dass Deutschland (unter politischem Druck) plötzlich seine Löhne nicht mehr der Produktivität und dem Inflationsziel angemessen erhöht, muss Frankreich reagieren. Denn es muss damit rechnen, auf Dauer und immer stärker im Außenhandel gegenüber Deutschland zurückzufallen, übrigens auch international, weil es in Drittländern aus demselben Grund dauernd Marktanteile gegenüber Deutschland verliert. Und – das ist der entscheidende Zusammenhang – Frankreich muss damit rechnen, irgendwann in Schwierigkeiten bei der Finanzierung seiner Leistungsbilanzdefizite zu geraten. Bei dem deutschen Lohndumping geht es also um den Versuch, sich einen (unfairen) Vorteil im Handel zu verschaffen, um eigene Arbeitsplätze zu schaffen auf Kosten des anderen Landes. Das ist der gleiche Mechanismus, mit dem Zölle und Exportsubventionen funktionieren.

Um diese Verzerrung des Handels auszugleichen, muss Frankreich genau das Gleiche tun wie Deutschland, also auch Druck auf die Löhne ausüben, was dazu führt, dass die ganze Übung in der Summe betrachtet sinnlos ist, weil keiner etwas erreicht. Vielmehr führen die überall sinkenden Preise in eine für alle schädliche Abwärtsspirale. Genau um das zu verhindern, muss man sich in einer Währungsunion auf ein gemeinsames Inflationsziel einigen, und alle Teilnehmer müssen sich verpflichten, dieses Ziel genau einzuhalten. Das ist nichts anderes als die Verpflichtung, den Freihandel in einer Währungsunion nicht mit Protektionismus zu behindern. Verstößt einer dagegen, muss er zurückgepfiffen werden, was die Aufgabe der Kommission wäre. Versagt die Kommission, weil auch sie die Zusammenhänge nicht versteht, ist die Währungsunion am Ende.

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