Professor Bernd Lucke und die Europhobie (Teil 1)

Ein Leser hat uns gebeten, uns einen langen Vortrag auf youtube anzuhören und anzusehen, den der Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, Sprecher der Alternative für Deutschland, in Freiburg gehalten hat. Angekündigt wird eine wissenschaftliche Einschätzung („ein argumentativer Sachvortrag“), keine Wahlkampfrede.

Das Ergebnis ist, um es vorweg zu sagen, schockierend: Hier werden Fakten manipuliert, falsche Behauptungen in die Welt gesetzt und Schlussfolgerungen gezogen, die durch nichts zu rechtfertigen sind. Die Stoßrichtung lautet: Der Euro spaltet Europa, denn vor dem Euro gab es einen wirtschaftlichen Aufholprozess der ärmeren Länder in Europa, der seit der Einführung des Euro zum Erliegen gekommen ist für diejenigen ärmeren Länder, die den Euro eingeführt haben. Seitdem seien nämlich die reicheren Euroländer nicht nur stärker gewachsen als die ärmeren, sondern letztere seien sogar geschrumpft, so dass der Abstand beim Wohlstand zugenommen habe. Hingegen hätten ärmere europäische Länder, solange sie nicht der Europäischen Währungsunion (EWU) beigetreten seien, ein stärkeres Wachstum als die reicheren Euroländer zustande gebracht.

Alles gute Argumente gegen den Euro, soll der unbefangene Zuhörer offenbar schlussfolgern und dabei weder fragen, ob diese negative Entwicklung wirklich auf den Euro selbst zurückzuführen ist und was vor der EWU zur positiven Entwicklung beigetragen hat oder gar, wie sich Bernd Lucke die Zukunft Europas – von allen Umstellungsproblemen einmal ganz abgesehen – mit 28 oder auch nur 10 verschiedenen Währungen vorstellt.

Wir auf flassbeck-economics sehen die Euro-Krise genau wie Bernd Lucke als vollkommen ungelöst an. Nur bemühen wir uns um eine Analyse, die den Ursachen der Krise auf den Grund geht, diese klar benennt und daraus ableitet, wie konkrete Lösungsmöglichkeiten aussehen und welche Folgen sie für alle Beteiligten mit sich bringen können. Bernd Lucke hingegen geht es darum, die Ablehnung des Euro zu schüren, ohne dass er ausführt, welch krasse Folgen eine Auflösung der EWU insbesondere für Deutschland hätte und wie diese Folgen zu beherrschen wären.

Doch der Reihe nach mit der Kritik an seinem Vortrag:

Bernd Lucke wechselt in seinen empirischen Betrachtungen, auf die sich die gesamte Argumentation stützt, das Basisjahr für den jeweiligen Index der verwendeten Zeitreihen – seien es die Exportpreise (2005), die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (mal 2003, mal 2007) oder die realen effektiven Wechselkurse (2000) –, ohne dass dafür Begründungen geliefert werden. Das ist schon von vornherein unseriös, denn man kann mit der gezielten Normierung von Indizes alles Mögliche beweisen und viel Unfug anrichten, wenn man seine Zuhörer nicht auf die Basisproblematik explizit hinweist. Wir kommen noch darauf zurück.

In Minute 10 seines Vortrags sagt Bernd Lucke, man rede insbesondere in Brüssel über Deutschland als ein Land, das zu wettbewerbsfähig sei, statt zu sagen, die anderen seien zu wenig wettbewerbsfähig. Das komme daher, dass man die inzwischen eingetretene Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Krisenstaaten nicht als immer noch ungenügend bezeichnen wolle. Er verliert aber kein Wort über die unbestreitbare Tatsache, dass nicht alle Länder in der Eurozone ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern können, weil der Wert des Euro gegenüber anderen Währungen flexibel ist. Auch kein Wort dazu, dass es ein europäisches Inflationsziel gab, das Deutschland unter- und die Südeuropäer überschossen haben und das nur von Frankreich genau eingehalten wurde.

Immerhin stellt er fest, dass „ein Staat, der gesund ist“, ein Leistungsbilanzsaldo von im Schnitt Null haben sollte. Aber was das in Bezug auf Deutschlands Überschüsse und seine gesamte Wirtschaftssituation konkret heißt, wie es zu diesem anhaltenden Ungleichgewicht im Außenhandel gekommen ist und wie es nach Bernd Luckes Ansicht abgebaut werden könnte, das wird den Zuhörern nicht erklärt. Eine solche Analyse wäre aber dringend notwendig, um eine Vorstellung zu gewinnen, wie man aus der gegenwärtigen Sackgasse herausfinden kann.

Minute 19: Die griechischen Preise müssten fallen, möglichst unter das Niveau in Deutschland, weil Griechenland zu teuer und damit nicht wettbewerbsfähig sei. Die Löhne in Griechenland sänken, weil die Arbeitslosigkeit dort hoch sei. In einer funktionierenden Volkswirtschaft würden die Preise den Löhnen folgen. Das sei in Griechenland aber nicht der Fall, wie anhand der Exportpreisentwicklung demonstriert wird. Würden die Preise den Löhnen folgen, wäre laut Bernd Lucke alles viel besser, weil dann das Land wettbewerbsfähiger würde, „man verlangt aber dieselben Preise“, was dazu führe, dass sich nichts verbessere.

Das ist für einen Neoklassiker wie Bernd Lucke zunächst einmal eine beeindruckende Erkenntnis. Man kann versuchen, über sinkende Nominallöhne die Reallöhne zu senken. Das gelingt aber nur, wenn die Preise nicht ebenfalls im gleichen Umfang sinken, also bis zu einem gewissen Grad rigide sind. Diese Rigidität benötigt die Neoklassik, weil ja nach ihrer Auffassung eine Reallohnsenkung notwendig ist, um die Beschäftigung zu erhöhen. Das Problem dabei ist aber, dass parallel zu einer Reallohnsenkung die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland weniger steigt als bei voll flexiblen Preisen, die die Reallöhne konstant ließen. So ist mit einer Reallohnsenkung im Inland automatisch eine geringere Erholung der Exporte verbunden. Zwar können sich die Gewinne im Außenhandel bei fallenden Reallöhnen erhöhen, aber nicht unbedingt die abgesetzten Mengen.

Als Neoklassiker gerät man hier also in eine beachtliche Zwickmühle, was nun eigentlich wünschenswert ist zur Sanierung einer Volkswirtschaft und ihres Arbeitsmarktes: sinkende Reallöhne oder steigende Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland? Eigentlich sollte man erwarten können, dass Bernd Lucke diesen Widerspruch, wenn schon nicht auflöst (was ja nicht geht, weil die Neoklassik hier versagt), so doch klar benennt. Doch nichts davon.

Interessant ist an dieser Stelle des Vortrags noch etwas anderes. Bernd Lucke schlussfolgert aus der Rigidität der griechischen Preise, dass die Marktwirtschaft in Griechenland nicht richtig funktioniere. Blickt man auf Deutschland, muss man allerdings Ähnliches feststellen: Auch hierzulande sind die Reallöhne in den Jahren, in denen die Nominallöhne vergleichsweise schwach stiegen, dank rigider Preise gesunken bzw. hinter dem Produktivitätszuwachs zurückgeblieben. Das hat sich empirisch in einer Preisentwicklung niedergeschlagen, die bei weitem nicht so exakt den Lohnstückkosten gefolgt ist, wie das nach Bernd Luckes Auffassung eine ‚funktionierende‘ Marktwirtschaft offenbar auszeichnet (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1

LStK Pr D GrMan sieht hier, dass bis zum Jahr 2010 die Entwicklung der griechischen Preise nicht stärker von der der Lohnstückkosten abweicht als in Deutschland. Erst ab 2011 öffnet sich die Schere zwischen beiden Größen in Griechenland immer stärker – die Lohnstückkosten fallen rasant, die Preise nur ein wenig –, während sich die besagte Schere in Deutschland wieder etwas mehr schließt.

Die Abweichung von Lohnstückkosten- und Preisentwicklung in Deutschland, besonders ausgeprägt in den Jahren 2005 bis 2007, in denen die deutschen Lohnstückkosten absolut fielen, erwähnt Bernd Lucke nicht. Warum nicht? Weil seine Zuhörer dann fragen könnten, ob es um den Wettbewerb in Deutschland nicht gut bestellt ist? Und ob die Preisrigiditäten dann doch nicht die Ursache dafür sein können, dass es Griechenland so schlecht geht, wenn doch ähnliche Rigiditäten in einem Land wie Deutschland vorliegen, dem es vergleichsweise deutlich besser geht?

Wir weisen auf dieser Seite und in unseren Büchern seit Langem auf den mittel- bis langfristig recht engen empirischen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten und der Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus in einer Volkswirtschaft hin, begründen ihn theoretisch und ziehen daraus zentrale Schlussfolgerungen hinsichtlich der in einer Währungsunion erforderlichen Lohnpolitik. Und wir gestehen auch zu, dass es erhebliche Abweichungen zwischen Preisentwicklung und Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland und anderswo gegeben hat. Wir können uns auch vorstellen, woran das gelegen haben mag, nämlich nicht nur am möglicherweise mangelnden Wettbewerb zwischen Unternehmen, sondern auch an spekulativen Preisentwicklungen auf vielen Rohstoff- und Immobilienmärkten dank liberalisierter Finanzmärkte. In Deutschland mag noch hinzugekommen sein, dass nach einer ausgedehnten Lohn-Preis-Dumping-Phase (etwa in den Jahren 1999 bis 2004) der Preisabstand zu konkurrierenden Gütern aus dem Ausland so groß geworden ist, dass sich deutsche Unternehmen eine Nicht-Weitergabe von Kostenentlastungen in den Preisen eine ganze Weile leisten können ohne Gefahr zu laufen, Marktanteile an die ausländische Konkurrenz zu verlieren.

Doch diese möglichen Erklärungen für Preisrigiditäten diskutiert Bernd Lucke genau so wenig, wie er versäumt darauf hinzuweisen, dass sie kein griechisches Spezifikum sind. Wenn man genau hinhört und hinsieht, fällt noch etwas anderes an dieser Stelle des Vortrags auf: Bernd Lucke bezieht sich in seinen Vortragsfolien auf die Exportpreise Griechenlands, spricht aber im Vortrag selbst im Laufe dieser Passage irgendwann nur noch von den griechischen Preisen, unter denen man sich landläufig eher das gesamte Preisniveau vorstellt als nur die Exportpreise. Daher hatten wir auch in Abbildung 1 den Vergleich der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten mit dem Deflator des Bruttoinlandsprodukts, also der Preise aller produzierten Güter eines Landes, gezogen. Jetzt sehen wir uns zusätzlich die griechischen Exportpreise an (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2

BIP Exppreise GrEs zeigt sich, dass die Exportpreise ab 2011 erheblich stärker zulegen als das allgemeine Preisniveau. Die Rigidität der Exportpreise ist also wesentlich höher als die der übrigen Preise in Griechenland. Für die Frage, wie sich der Außenhandel eines Landes entwickelt – und um den geht es in den Krisenstaaten –, ist es wenig sinnvoll, nur die Exportpreise in den Blick zu nehmen. Denn Importwaren konkurrieren mit inländischen Erzeugnissen, deren Preise im Index der Exportpreise in der Regel nicht miterfasst werden, im Deflator des Bruttoinlandsprodukts hingegen schon. Sinken die Preise inländischer Erzeugnisse, die für den inländischen Markt hergestellt werden und insoweit nicht im Exportpreisindex auftauchen, nimmt die Wettbewerbsfähigkeit der entsprechenden inländischen Produzenten zu. Daher ist es sinnvoller, für die Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes das gesamtwirtschaftliche Preisniveau bzw. dessen Veränderung anzusehen und nicht (nur) den Teilindex der Exportpreise.

Da sich obendrein die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten auf die Kostensituation der gesamten Volkswirtschaft auswirken und nicht allein auf die des Exportsektors, ist es für die Beurteilung der Preisrigiditäten in einem Land angebrachter, den gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten nicht allein die Exportpreise gegenüber zu stellen, sondern das gesamtwirtschaftliche Preisniveau.

Wieso verwendet Bernd Lucke dann in seiner Vortragsfolie die griechischen Exportpreise und nicht oder wenigstens auch die gesamtwirtschaftlichen Preise? Etwa weil die Preisrigiditäten dann noch deutlich dramatischer aussehen und der Satz von der in Griechenland nicht funktionierenden Marktwirtschaft noch plausibler erscheint? Oder weil dann eine Lösung der Krise durch eine vernünftige Lohnpolitik als von vornherein aussichtslos abgetan werden kann? Oder weil dann überhaupt das Management einer Währungsunion durch eine zwischen den Mitgliedsstaaten koordinierte Lohnpolitik sinnlos wirkt?

Wie dem auch sei, es bleibt festzuhalten, dass die Kritik an der mangelnden Flexibilität der Preise Griechenlands einseitig und darüber hinaus in makroökonomischer Hinsicht nicht so gerechtfertigt ist, wie das aus einer marktliberalen Perspektive der Fall zu sein scheint. Außerhalb der neoklassischen Modellwelt können nämlich Preisrigiditäten in einer Marktwirtschaft bis zu einem gewissen Grad als „normal“ angesehen werden (Mengenreaktionen sind für Unternehmen oft viel naheliegender als Preisanpassungen).

Minute 25: Bernd Lucke zeigt in einigen Schaubildern, dass die realen Exporte in allen Ländern Südeuropas (ab dem Basisjahr 2003) schlechter gelaufen sind als in Deutschland. Dagegen seien sie in allen ärmeren, vornehmlich osteuropäischen Ländern, die den Euro nicht haben oder zumindest solange sie ihn nicht hatten, stärker gewachsen als in Deutschland. Bernd Luckes Beispiel: Slowenien hat den Euro seit 2007, vorher wuchsen die slowenischen Exporte stärker, seitdem schwächer. Wer den Euro nicht hat – dazu gehören Länder wie Bulgarien, Rumänien, Litauen, bis Ende 2010 auch Estland und bis Ende 2013 Lettland – ist besser als Deutschland gefahren. Und der Grund dafür sei, so Bernd Lucke, dass Länder wie Estland, Rumänien und Lettland einen flexiblen Wechselkurs gegenüber dem Euro hätten (Minute 30), so dass sie sich ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Staaten wie Deutschland erhalten konnten mittels Abwertung.

Einen flexiblen Wechselkurs? Sieht man sich die Zeitreihen der Wechselkurse an oder liest man die Veröffentlichungen zur Geldpolitik der genannten Länder, dann stellt sich diese Aussage als falsch heraus: Estland hat, bevor es dem Euro 2011 beigetreten ist, seinen Wechselkurs gegenüber dem Euro 12 Jahre lang nicht verändert, obwohl erhebliche Inflationsdifferenzen zum Euroraum bestanden. Litauen hat seinen Wechselkurs seit 2004 ebenfalls konstant gehalten. Lettland, das dem Eurogebiet seit Januar diesen Jahres beigetreten ist, hat zwischen 2006 und 2011 seinen Wechselkurs zum Euro in einer Bandbreite von weniger als einem halben Prozent pro Jahr verändert und 2012 um 1,3 Prozent aufgewertet – und das, obwohl sich die gegenüber den EWU-Handelspartnern aufgelaufene Inflationsdifferenz seit 2006 auf rund 40 Prozent summiert hat. Die baltischen Länder sind durch schwere Krisen gegangen, gerade weil sie die schon lange bestehende Parität zum Euro nicht ändern wollten, obwohl sie wegen hoher Inflationsraten massiv an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ihren europäischen Handelspartnern verloren haben. Von einem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit dank Wechselkursflexibilität, wie Bernd Lucke sie diesen Ländern zuschreibt, kann also nicht im Mindesten die Rede sein.

Ähnliches gilt für Bulgarien: Dieses Land hat seinen Wechselkurs zum Euro ab dem Jahr 2000 nur noch minimal verändert (plus/minus 0,2 Prozent) und seit 2006 in einem currency board ganz fixiert, was fast eine so starke Bindung wie eine gemeinsame Währung bedeutet. Gleichzeitig beläuft sich die Inflationsdifferenz gegenüber dem Euroraum, die Bulgarien zwischen 2000 und 2013 aufgebaut hat, auf fast 50 Prozent, d.h. bulgarische Güter sind rund die Hälfte teurer als Güter aus der EWU.

Weiß Bernd Lucke das alles nicht oder will er es nicht wissen? Mit solchen Ländern als Vertretern „flexibler Wechselkurse“ zu argumentieren, die diesen Staaten Exporterfolge ermöglicht hätten, ist einfach unsinnig.

Lesen Sie im zweiten Teil dieses Beitrags, welche empirischen Tricks der Sprecher der AfD in seinem „argumentativen Sachvortrag“ noch anwendet, um seine ablehnende Haltung gegenüber dem Euro zu untermauern.

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