Archiv | 29.04.2014

Thomas Piketty und die Kapital-Einkommens-Relation: Much ado about nothing

In den letzten Wochen gibt es einen erheblichen Hype um ein neues Buch (bzw. dessen englische Übersetzung) von Thomas Piketty, einem Pariser Ökonomen, der sich mit den Relationen von Vermögen (bzw. Kapital) und Einkommen auseinandersetzt. Der Titel des Buches lautet „Capital in the Twenty-First Century“. Der Wirbel, der um das Buch veranstaltet wird, hat uns von vorneherein skeptisch gemacht. Denn normalerweise werden die wirtschaftswissenschaftlichen oder -politischen Bücher von den Medien in den Himmel gehoben, die der herrschenden Meinung entsprechen und den von ihr Profitierenden dienen.

Wir haben, statt das dicke Buch zu lesen, einen ganz aktuellen Aufsatz des Autors mit dem sprechenden Titel „Capital ist back: Wealth-Income Ratios in Rich Countries 1700-2010“ herangezogen, den man hier findet. Dessen theoretische Basis hält uns davon ab, uns einer ausführlichen Lektüre des besagten Buches zu widmen. (Für alle konkreten Hinweise unserer Leser, dass sich das Buch auf eine ganz andere theoretische Basis stützt als der Aufsatz, sind wir nichtsdestotrotz dankbar.) Der empirische Befund, der untersucht wird, besteht hauptsächlich darin, dass die Relation von Vermögen (also Kapital) zu Einkommen in reichen Industrieländern in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen ist von um die 200-300% im Jahr 1970 bis zu 400-600% im Jahr 2010. Das wird – und das ist der springende Punkt – als Ergebnis dreier Faktoren dargestellt: einer langfristigen Erholung von Vermögenspreisen („a long run asset price recovery“), einer Verlangsamung des Produktivitätswachstums und einer Verlangsamung des Bevölkerungswachstums („the slowdown of productivity and population growth“).

Wohlgemerkt: Es wird nicht einfach von einem definitorischen Zusammenhang dieser Größen gesprochen, sondern explizit eine Kausalität behauptet („This can be explained by…“), und zwar in der genannten Richtung, also von der Verringerung des Produktivitätswachstums und der Relativpreisverschiebung zugunsten der Vermögenswerte hin zu einer Steigerung der Vermögens-Einkommens-Relation. Kritische Leser fragen sich schon bei der Lektüre der Einleitung des genannten Aufsatzes, warum nicht auch die umgekehrte Kausalität zumindest zur Diskussion gestellt wird, also eine Steigerung der Vermögens-Einkommens-Relation als Grund für eine sinkende Wachstumsrate der Produktivität in Betracht gezogen wird.

Darauf findet sich umgehend eine Antwort. Piketty argumentiert nämlich durchweg auf der Basis der sogenannten Harrod-Domar-Solow-Formel, wonach sich die Relation des eingesetzten Kapitals zum aktuell erzielten Einkommen einer Volkswirtschaft (die sogenannte Capital-Income Ratio) so verhält wie die Sparquote einer Volkswirtschaft geteilt durch die Wachstumsrate dieser Volkswirtschaft. Rein rechnerisch besagt diese Formel, dass zum Beispiel bei einer durchschnittlichen Sparquote der Volkswirtschaft von 10 Prozent und einer Wachstumsrate des Einkommens von 1,5 Prozent das Verhältnis von eingesetztem Kapitalstock zu aktuellem Einkommen 666 Prozent (also 10 geteilt durch 1,5) beträgt. Man braucht also einen Kapitalstock in der Größenordnung des Sechsfachen des aktuellen Einkommens, um dieses Einkommen erwirtschaften zu können. Beträgt die Wachstumsrate hingegen doppelt so viel (3 Prozent), dann ist bei einer Sparquote von 10 Prozent nur halb so vie Kapital nötig, nämlich nur ungefähr das Dreifache des Einkommens (10 geteilt durch 3), um dieses Einkommen zu erwirtschaften.

Das für den Laien Ungewohnte an dieser Formel ist, dass das Verhältnis zweier Veränderungsraten (die Sparquote stellt hier die Veränderungsrate des Kapitalstocks dar) dem Verhältnis einer Bestandsgröße (Kapitalstock) zu einer Stromgröße (Einkommen) gegenübergestellt wird. Das wirkt intellektuell anspruchsvoll, so dass man gleich den Eindruck hat, dieses Thema sei nur etwas für Fachleute und die entsprechenden Ergebnisse daher auch von Laienseite unangreifbar. Und vor allem führt es dazu, dass man die oben geschilderte Gegenfrage (um nicht zu sagen Gretchenfrage!), wie es denn mit der Kausalitätsrichtung steht, oder gar, ob hier überhaupt mehr als ein tautologischer Zusammenhang beschrieben wird, vergisst oder nicht mehr zu stellen wagt.

Wir wollen hier ein Geländer bieten, sich durch den Fachwald hindurch zu hangeln und ihn trotz aller Bäume noch zu sehen und in Frage stellen zu können.

Hintergrund der genannten Harrod-Domar-Solow-Formel sind „Wachstumsmodelle“ von Harrod, Domar und Solow, denen gemeinsam ist, dass sie alle das Investieren nicht als das Hauptproblem einer Marktwirtschaft auffassen mit allen konjunkturellen Folgen und damit automatisch auch allen Konsequenzen für den (langfristigen) Wachstumsprozess der Volkswirtschaft, sondern als ein über den Zinssatz gelöstes oder zumindest lösbares Randthema. Investitionen werden ganz einfach als mehr oder weniger automatisches Ergebnis von Ersparnissen angesehen und nicht umgekehrt, wie wir es auf flassbeck-economics immer wieder zu erklären versuchen, Ersparnisse als Ergebnis von Investitionen.

Wegen dieses Grundfehlers der genannten „Wachstumsmodelle“ taugen sie in unseren Augen auch nicht für die Erklärung von Wachstumsprozessen in einer Marktwirtschaft. Denn der spannende Punkt, warum wann wie viel investiert wird oder eben nicht investiert wird, ist in diesen Modellen wegdefiniert. Wer diese Modelle als Grundlage seiner Aussagen wählt, der verschreibt sich automatisch der Kausalrichtung vom Sparen zum Investieren. Alle wirtschaftspolitischen Aussagen, die derjenige dann explizit macht oder implizit nahelegt, laufen darauf hinaus, sich um die Sparquote, sozusagen den Verhaltensparameter der Menschen in einem Land, zu kümmern, und schon funktioniert in diesem Land alles bestens.

Zumindest laut Modell. Leider nur nicht in der Realität.

Und weil man die Aussagen, die Piketty in seinem Aufsatz auf die genannte Formel stützt, so simpel für die Untermauerung der neoliberalen Wirtschaftspolitik der letzten dreißig Jahre und die Forderung, sie weiter fortzusetzen, heranziehen kann, ist es wichtig, sich mit ihr kritisch auseinanderzusetzen.

Fasst man die Formel als Kausalaussage auf, die die Sparquote als weitgehend exogenen Faktor enthält, dann liest sich der eigentlich rein definitorische Zusammenhang folgendermaßen: Je höher die Sparquote einer Volkswirtschaft, desto höher ist ihre Wachstumsrate bei gegebener Kapital-Einkommens-Relation (was das gleiche ist wie eine gegebene Kapitalproduktivität, also die umgekehrte Verhältniszahl, Einkommen zu Kapital). Das kann rechnerisch ja auch nicht anders sein: Wenn viel gespart wird und (in der Logik der Neoklassik) dann auch automatisch viel investiert wird, der Kapitalstock also schnell wächst, dann kann das Verhältnis zwischen Kapitalstock und Einkommen nur konstant bleiben, wenn auch das Einkommen schnell wächst. Eine banale Erkenntnis.

Oder andersherum: Sinkt aus welchen Gründen auch immer die Kapitalproduktivität (d.h. nimmt die Kapital-Einkommens-Relation zu), dann kann die Volkswirtschaft nur dann die gleiche (hohe) Wachstumsrate erzielen wie zuvor, wenn die Sparquote zunimmt. Das ist ein ebenso simpler, rein definitorischer Zusammenhang wie der vorherige: Kann man aus zusätzlich investiertem Kapital immer weniger zusätzliche Produktion herausholen (sinkt die durchschnittliche Kapitalproduktivität also), dann muss man eben immer mehr investieren, d.h. für den Neoklassiker: mehr sparen (!), um die Produktion (also das Einkommen) so zügig wachsen lassen zu können wie zuvor. Hält man diese banale Aussage bereits für wissenschaftliche Erkenntnis, ist es recht einfach, die eigentlich wichtige Frage, warum denn die Kapitalproduktivität sinkt, ob sie das durchgehend tut oder ob sie zyklisch etwa mit der Kapazitätsauslastung schwankt und warum letztere denn schwankt, nicht zu stellen. Man kann sie vielmehr als technologische und damit exogene Gegebenheit unter den Tisch einer wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtung fallen lassen.

In dem Aufsatz von Piketty und seinem Ko-Autor Gabriel Zucman heißt es wörtlich: „ … capital is back because low growth is back.” (Kapital ist zurück, weil niedrige Wachstumsraten zurück sind). Das ist aber genau die oben beschriebene Definitorik, denn sie erklärt weder, warum die Wachstumsraten niedrig sind, noch findet man mit einer solch einfachen ‚Begründung’ Zugang zu der entscheidenden Frage, was die im Nachhinein gemessene Sparquote bestimmt hat. Auch ist vollkommen unklar – das gestehen die Autoren allerdings explizit zu –, welche Rolle Bewertungseffekte dabei spielen, also die Frage, wie aufgebläht die „Werte“ an den Kapitalmärkten in den letzten Jahrzehnten sind.

Dass sich Piketty unter bestimmten Umständen für eine höhere Besteuerung von Kapital ausspricht, macht ihn offenbar auch für linke Kreise interessant. Seine Theorie ist aber, soweit man das neben der aus der Neoklassik kommenden Definitorik erkennen kann, ebenfalls streng neoklassisch. Das gilt auch hinsichtlich der Annahme, Arbeit und Kapital seien Substitute im Produktionsprozess, würden also alternativ eingesetzt, je nachdem wie sich die Preise von Arbeit und Kapital relativ zueinander entwickeln. Das aber ist empirisch vollkommen falsch und kann niemals die Basis für eine sinnvolle Theorie sein. Wir haben das in unserem Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ an verschiedenen Stellen, u.a. im Kapitel „Beschäftigungsmotor Investitionen“ (Seite 237 ff), erklärt und empirisch belegt (vgl. etwa die Grafik dort auf Seite 242): Investitionsschübe gehen regelmäßig mit Beschäftigungswachstum einher, und umgekehrt nimmt die Beschäftigung über kurz oder lang ab, wenn die Investitionsnachfrage einbricht. Beide empirischen Beobachtungen sind mit einer neoklassischen Produktionsfunktion, wie sie Piketty verwendet, unvereinbar, weil die beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital eben offenbar nicht substitutiv, sondern komplementär eingesetzt werden.

Damit schließt sich der Kreis unserer Kritik an Pikettys Arbeit: Innerhalb der neoklassischen Modellwelt lassen sich keine realitätsnahen Aussagen zur Investitionsdynamik treffen und damit automatisch nicht zur Entwicklung des Kapitalstocks, des Einkommens und der Wachstumsrate einer Marktwirtschaft. Folglich bleibt die Interpretation der empirischen Fakten, so verdienstvoll deren Zusammenstellung auch sein mag, mangels relevanter theoretischer Basis für eine Wirtschaftspolitik bedeutungslos, die bereit ist, die tatsächlichen Krisen unseres Wirtschaftssystems zu verstehen und zu lösen.

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