Archiv | 16.05.2014

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühjahr 2014: Gemischte Zeichen, aber keine Besserung in Euroland

Wir haben uns entschlossen, die Konjunkturberichte, die wir sonst in kleinen Stücken getrennt veröffentlicht haben, immer zur Monatsmitte zusammenzufassen, weil man dadurch – auch hinsichtlich der Entwicklung in Europa – leichter den Überblick behält über das, was aktuell von Bedeutung ist und welches Gesamtbild sich daraus ergibt.

Gestern meldete das Statistische Bundesamt, dass nach seiner ersten Schätzung die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal um 0,8 Prozent gewachsen ist (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1

BIP D sb

Das sieht erfreulich aus. Das Bundesamt relativiert diese Zahl jedoch: „Bei diesem kräftigen Wachstum zum Jahresbeginn spielte allerdings auch die extrem milde Witterung eine Rolle“, ist im vierten Satz der Pressemitteilung zu lesen. Das Wetter dürfte also die Bauinvestitionen gestützt haben. Die Inlandsnachfrage war zum ersten Mal seit langer Zeit spürbar erhöht, was zu den Umsätzen des realen Einzelhandels in den ersten drei Monaten passt (vgl. Abbildung 2) – wir waren darauf bereits vor einem Monat kurz eingegangen.

Abbildung 2

Einzelhandel D

Gestern gab es von Eurostat auch eine erste Schätzung für die saisonbereinigte Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts in der Eurozone (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3:

BIP Euroraum vj sb

Quelle: Eurostat.

Sollte sich die veröffentlichte Wachstumsrate von 0,2 Prozent für die Europäische Währungsunion (EWU) im ersten Quartal 2014 bestätigen – für einige kleinere Länder liegen offenbar noch keine Daten vor –, gleicht diese Meldung einer Katastrophe für die anderen Länder der Eurozone. Denn bei einer Wachstumsrate von 0,8 Prozent für Deutschland, das ja innerhalb der Eurozone für mehr als ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts steht, bedeutet das rein rechnerisch, dass die übrigen Länder zusammen genommen gerade mal eine Null beim Wachstum zustande gebracht haben, also nicht über die Stagnation hinausgekommen sind – und das bei fast 17 Millionen Arbeitslosen bzw. einer Arbeitslosenquote von über 12 Prozent dort.

Ausweislich der Schätzung von Eurostat war jedenfalls Stagnation angesagt in Frankreich, das die geringe Belebung im vierten Quartal 2013 (+0,2 Prozent) nicht fortsetzen oder gar steigern konnte. Und Italien hat mit -0,1 Prozent das ohnehin dürftige Plus vom Vorquartal (+0,1 Prozent) schon wieder verloren. Von einer wirklichen Besserung der Lage in der Eurozone ausschließlich Deutschlands kann keine Rede sein.

Und selbst aus der Zahl für Deutschland kann man nicht sicher auf eine durchgreifende Belebung hierzulande schließen. Denn die Einkommensverhältnisse der Mehrheit der Menschen haben sich nicht in einer Weise verbessert bzw. werden das in naher Zukunft angesichts der getroffenen Lohnvereinbarungen auch nicht so tun, dass man blind auf einen anhaltenden Schwung beim privaten Verbrauch zählen könnte (jedenfalls nicht ohne eine Senkung der Sparquote der privaten Haushalte). Darüber hinaus lässt die Schuldenbremse den öffentlichen Konsum wie die öffentlichen Investitionen nicht aus ihrem starren Korsett. Abgesehen von Witterungseffekten mag der Wunsch nach Betongold als Reaktion auf die Eurokrise in Verbindung mit den extrem niedrigen Zinsen den Bauinvestitionen auf die Sprünge geholfen haben und auch noch in naher Zukunft eine gewisse Rolle spielen.

Doch schon im März – das ist der letzte verfügbare Berichtsmonat – ist der von uns am meisten beachtete Indikator für die laufende monatliche Entwicklung in Deutschland, die Auftragseingänge in der Industrie, erheblich zurückgegangen (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 4

Auftragseingang D

Die Aufträge aus dem Ausland sind deutlich gesunken, die Inlandsaufträge leicht. Obwohl man einen einzelnen Monat nicht überbewerten sollte, versetzt das den Hoffnungen auf eine rasche Belebung in Deutschland und in Europa einen kräftigen Dämpfer.

Die Klagen, die inzwischen von den Vertretern des Groß- und Außenhandels bzw. der Arbeitgeber insgesamt über die Aufwertung des Euro zu hören sind, korrespondieren mit dem Bild der Auftragseingänge von außerhalb der Eurozone (vgl. die grüne Linie in Abbildung 5), die seit einem einem halben Jahr nicht von der Stelle kommen. Dass aus den EWU-Partnerländern nicht mit großen Nachfragesteigerungen für die deutsche Industrie zu rechnen ist, dürfte niemanden wundern, der die dortige Lage nicht durch eine rosarote Hoffnungsbrille betrachtet. Dass nun aber auch die Konjunkturstützen Deutschlands von außerhalb Europas nicht recht ziehen wollen, müsste all denen zu denken geben, die immer betont haben, Deutschlands Exportstärke beruhe ganz wesentlich auf nicht-preislicher Wettbewerbsfähigkeit und habe herzlich wenig mit lohnbedingten Dumpingpreisen zu tun. Wenn dem so wäre (was wir immer vehement bestritten haben, da sich alle „weichen“, d.h. „nicht-preislichen“ Faktoren in „preisliche“ umrechnen lassen und die deutschen Güter in so einer Betrachtung erst recht konkurrenzlos billig sind), dann dürfte sich eine wechselkursbedingte Verteuerung deutscher Waren ja nicht so klar bemerkbar machen, wie das nun das Lamento der Unternehmerseite offenlegt.

Abbildung 5

Auftragseingang D Ausl

Der Einbruch bei den Auftragseingängen aus der Währungsunion passt zur Industrieproduktion im Euroraum (vgl. Abbildung 6). Obwohl Deutschland (vgl. die rote Linie) seit fast drei Jahren ein industrielles Produktionsniveau erreicht hat (und dort vor sich hindümpelt), das knapp unter dem Höchstwert vom Frühjahr 2008 vor Ausbruch der Finanzkrise liegt, verharrt das Niveau der EWU insgesamt (also einschließlich Deutschlands!) rund 14 Prozentpunkte unter dem damaligen Spitzenwert und damit sogar noch unter seinem Niveau von Anfang 2005.

Abbildung 6

Indprod EWU

Die hartnäckige Stagnation lässt sich insbesondere für Frankreich und Italien konstatieren, wo immer noch keinerlei Aufwärtstendenz zu erkennen ist. Italien liegt jetzt ganz nahe bei seinem absoluten Tiefpunkt aus dem Jahr 2009.

Schaut man die am stärksten von der Krise betroffenen Länder in Südeuropa an, bietet sich ein ähnlich desaströses Bild (vgl. Abbildung 7). Griechenland stürzt wieder so weit ab, dass es den bisher absoluten Tiefpunkt von Anfang 2013 erneut erreicht. Damit liegt die griechische Industrieproduktion real um 30 Prozent unter dem Niveau im Jahr des Beitritts Griechenlands zur EWU 2001.

Abbildung 7

Indprod Südeuropa

Spanien verharrt fast unverändert auf seiner Talsohle vom Jahr 2013. Und Portugal hatte im März wieder einen massiven Rückschlag zu verkraften, der die leichte Erholung im Verlauf des letzten Jahres zunichte macht.

Aber auch andere Länder in Europa, von denen man es üblicherweise nicht erwartet, haben mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen (vgl. Abbildung 8). Die baltischen Staaten haben zwar nach ihrer extrem tiefen Rezession in der Finanzkrise wieder eine deutliche Aufwärtsbewegung erlebt, tun sich derzeit aber sehr schwer. In Lettland und Litauen ist die Produktion stark rückläufig und nimmt inzwischen das Niveau vom Jahr 2011 ein. Nur Estland kann sich etwas besser behaupten, kommt aber seit Sommer 2011 auch nicht weit über Stagnation hinaus. Sogar die Industrieproduktion in einem Land wie Slowenien, das wir hier einmal herausgreifen, stagniert seit Sommer 2010.

Abbildung 8

Indprod Balt Sl

Davon zu reden, die Eurozone habe ihre Krise überwunden, gleicht dem berühmten Pfeifen im Walde und muss wohl als Augenwischerei vor der Europawahl eingestuft werden.

Die Lage am Arbeitsmarkt in Deutschland hat sich weiter leicht verbessert. Die Zahl der Arbeitslosen ist im April um 25 000 gesunken und auch die Zahl derjenigen, die zur Unterbeschäftigung gezählt werden (also Arbeitslose plus die Menschen, die in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen vorübergehend untergekommen sind), ist rückläufig. Allerdings verbessert sich die Lage bei den offenen Stellen nur sehr verhalten, was nicht darauf schließen lässt, dass die konjunkturelle Belebung derzeit an Fahrt gewinnt.

Die Preise im Euroraum sind wiederum sehr schwach gestiegen (0,7 Prozent gegenüber Vormonat im April nach 0,5 im März), was die Europäische Zentralbank (EZB) dazu brachte, wegen der, wie sie es nennt, „zu langen Phase niedriger Preissteigerungen“, laut über neue unorthodoxe Maßnahmen im nächsten Monat nachzudenken. Entsprechend wird besonders von europa- und eurokritischen Parteien im Europawahlkampf Stimmung mit der Zahl von 1000 Mrd. Euro gemacht, in deren Umfang die EZB Staatsanleihen aufkaufen könnte, um die Deflationstendenz zu bekämpfen. Das ist eine sehr ungute politische Entwicklung. Natürlich sind viele Menschen von einer solchen Zahl schwer beeindruckt, ja sogar schockiert, und es verfestigt sich der Eindruck, in Europa würde von Seiten der Zentralbank mit der Geldordnung Schindluder getrieben. Auf diese Weise rächt sich, dass sich die EZB nach wie vor weigert, die eigentliche Ursache der Deflationsgefahr zu benennen.

Dabei ist nicht zu übersehen, dass die deflationären Tendenzen im Euroraum insgesamt (aber auch außerhalb wie etwa in Ungarn und Kroatien) von den Ländern in Südeuropa herrühren, die auf Veranlassung durch die Troika versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit mittels Lohnstückkostensenkung, ja sogar Lohnsenkung zu verbessern. Abbildung 9 aus der Pressemitteilung von Eurostat zeigt die offene Deflation in den drei EWU-Ländern Griechenland, Zypern und Portugal.

Abbildung 9

Infl Eurostat

Quelle: Eurostat

Dieses Problem hat Mario Draghi vor Kurzem auch angesprochen, als er im April sagte:

„Finally, given the need for relative wage and price adjustments between parts of the euro area, the crisis has made it more necessary to recall that monetary policy is geared to the euro area as a whole. During an adjustment in relative prices, there will always be some jurisdictions where inflation rates fall substantially below the euro area-wide objective, while inflation rates will naturally have to exceed the objective elsewhere.“ („Schließlich hat die Krise angesichts der Notwendigkeit relativer Lohn- und Preisanpassungen zwischen Teilen der Eurozone es noch notwendiger gemacht, sich daran zu erinnern, dass die Geldpolitik nur auf die Eurozone insgesamt ausgerichtet ist. Während einer Relativpreisanpassung wird es immer Gebiete geben, in denen die Inflationsrate merklich unter die Eurozonen weite Zielrate fallen wird, während die Inflationsraten anderswo naturgemäß über den Zielwert steigen müssen.“ Übers. d. Verf.)

Hätte Mario Draghi noch gesagt, dass mit „elsewhere“ vorwiegend Deutschland gemeint ist, und hätte er die Bedeutung des Lohnwachstums für die Inflationsrate genannt und explizit auch im Falle Deutschlands erwähnt, wären wir ein großes Stück weiter. Würde er sich hinstellen und ausdrücklich sagen, dass Deutschland in der Vergangenheit falsch lag (was sich ja aus seiner obigen Aussage implizit ohne Zweifel ergibt), dann würde er zwar einen Sturm der Entrüstung in Deutschland ernten, er könnte aber die Diskussion in die richtige Richtung (nämlich in Richtung Lohnstückkosten) lenken, statt sie auf der Geldschiene weiterlaufen zu lassen. Aus dem jüngsten Monatsbericht der EZB kann man unmittelbar ablesen, wie sich die Lohnstückkostenzuwächse nach unten bewegen (siehe die Originaltabelle unten).

LStK EZB Eurostat

Würde sich die Produktivität (vorletzte Zeile in der Tabelle) noch stärker nach oben entwickeln (worauf ja alle Hoffnungen in Sachen Investitionsbelebung gerichtet sind), würden die Lohnstückkosten absolut ins Minus fallen. Aber da kann Mario Draghi wohl doch nicht über seinen monetaristisch-neoklassischen Schatten springen, der ihm klar sagt, dass die Löhne nicht für die Inflation verantwortlich sein können und dass sie auf Märkten zustande kommen, in die die Politik nicht eingreifen darf, wenn eine Richtungsänderung nach oben dringend erforderlich wäre (während politische Eingriffe zugunsten von Lohnsenkungen jederzeit gerechtfertigt zu sein scheinen, wie man am Agieren der Troika ablesen konnte).

Der Preis für diese mutlose Haltung des Chefs der EZB besteht darin, dass er damit leben muss, dass das Vertrauen der Bürger Europas in die Geldpolitik und deren Krisenmanagement weiter sinkt. Laufende Hinweise, die Geldpolitik sei eigentlich nicht zuständig für die Krise, wirken nur planlos. Denn entweder die EZB ist nicht zuständig, dann sollte sie wenigstens in der Lage sein, eine Analyse vorzulegen, die die Zuständigkeiten der anderen Politikbereiche klar benennt. Zu denen gehört eben nicht nur die Fiskalpolitik, sondern auch die Lohnpolitik. Beiden Bereichen müsste die EZB einen gangbaren Weg zur Krisenlösung aufzeigen, der aus der Sackgasse des seit fünf Jahren scheiternden Maßnahmenbündels an „Strukturreformen“ herausführt. Oder die EZB ist doch zuständig für die Preissteigerungsrate, und dann muss sie sich Versagen vorwerfen lassen.

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