Archiv | 13.05.2014 (editiert am 25.05.2016)

Wohlstand durch Nachfrage

„Die Kapitalisten verdienen, was sie ausgeben, und die Arbeiter geben aus, was sie verdienen.“

Michal Kalecki

Michal Kalecki stammte aus der polnischen Industriestadt Lodz. Im Jahre 1899 als Kind einer verarmten jüdischen Familie geboren, studierte er in Warschau und Danzig Zivilingenieurswesen, mußte die Hochschule aber 1923 kurz vor dem Abschluß wegen Geldmangels verlassen. Zum Nationalökonomen wurde er daher fast ausschließlich durch Selbststudium, wobei auch dies hauptsächlich darin bestand, daß er als Wirtschaftsjournalist Fakten beobachtete und Statistiken analysierte.

Im Jahre 1929 wurde Kalecki Mitarbeiter des Institutes für Konjunktur- und Preisforschung in Warschau. Nach einigen Jahren stellte er den attraktiven Posten zur Verfügung, um damit gegen den politisch motivierten Hinauswurf von Kollegen zu protestieren. Während des Zweiten Weltkrieges war er am Oxford Institute of Statistics der führende Theoretiker des dortigen Forschungsteams. Nach dem Kriege arbeitete er im Sekretariat der Vereinten Nationen in New York und verfaßte den „World Economic Report“. Als die Aktionsfreiheit des überzeugten Sozialisten durch den Antikommunismus der McCarthy-Ära immer mehr eingeschränkt wurde, gab er zum zweiten Mal unter Protest seine Stellung auf und kehrte 1955 in das nunmehr kommunistische Polen zurück.

In Warschau arbeitete Kalecki anfänglich als Regierungsberater und widmete sich später ganz der Forschung. Er schuf in der Hochschule für Planung und Statistik eine ökonomische Schule, die sich in erster Linie mit den Problemen des Wachstums, der Planung und der Wirtschaftsentwicklung beschäftigte. Kalecki war die zentrale Figur dieser Schule kraft seiner wissenschaftlichen Autorität, aber auch seiner Integrität. Kalecki war sich der Grenzen ökonomischer Analysen und Schlußfolgerungen durchaus bewußt; innerhalb dieser Grenzen jedoch verlangte er Präzision und Konsequenz und war zu politischen Konzessionen nicht bereit.

Entsprechend schwer war das Leben dieses unabhängigen Intellektuellen in der autoritären Volksdemokratie. Kalecki und seine Schule wurden im März 1968 zur Zielscheibe einer wilden antisemitischen und antiintellektuellen Kampagne. Wieder einmal protestierte er gegen den Hinauswurf seiner Kollegen und Mitarbeiter, diesmal durch vorzeitige Emeritierung. Zwei Jahre später starb er, tief enttäuscht, aber bis zuletzt wissenschaftlich tätig.

Kaleckis wissenschaftliches Denken war entscheidend durch die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise geprägt. Er suchte eine Erklärung für die Massenarbeitslosigkeit und wandte zu diesem Zweck das volkswirtschaftliche Kontensystem an, in dem sich alle Ausgaben auch als Einkommen darstellten und umgekehrt.

Damit konnte Kalecki das sogenannte Sparparadoxon erklären: Die Tugend der Sparsamkeit hatte in der orthodoxen Wirtschaftstheorie höchsten Stellenwert. Dennoch kann sie für die gesamte Volkswirtschaft leicht zum Übel werden, nämlich dann, wenn alle weniger ausgeben: Die Nachfrage fällt, unverkäufliche Lager häufen sich, Fabriken schließen und müssen Arbeiter entlassen. Was für den einzelnen gut ist, muß nicht zwangsläufig der Gesellschaft nützen. Für einen liberalen Ökonomen ist es äußerst schwierig, diese Schlußfolgerung nachzuvollziehen, und genau darauf zielte Kalecki in seiner grundlegenden Kritik am Marktmechanismus ab. Er bedient sich derselben Logik auch für ein anderes Argument: Senkt ein einzelnes Unternehmen die Löhne, so steigt sein Gewinn. Eine allgemeine Lohnsenkung hingegen senkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit die Gewinne. Mit den Worten Kaleckis: „… eines der Hauptmerkmale des kapitalistischen Systems ist das Faktum, daß das, was für einen einzelnen Unternehmer vorteilhaft ist, den Unternehmern in ihrer Gesamtheit nicht unbedingt nützt. Senkt ein Unternehmer die Löhne, vermag er ceteris paribus seine Produktion auszuweiten, sobald jedoch alle dies tun, hat es ganz andere Folgen.“

Die Höhe von Produktion und Beschäftigung hängt in einer Marktwirtschaft also entscheidend von der Gesamtnachfrage ab. Diese „keynesianische“ Theorie vertrat Kalecki im Jahre 1933, also drei Jahre vor dem Erscheinen der Allgemeinen Theorie von John Maynard Keynes. In Polen erschienen damals seine „Umrisse einer Theorie des Konjunkturzyklus“, ein dünnes Buch, in dem er mit seltener Präzision die Theorie der aggregierten Nachfrage formuliert und die Investitionen als entscheidend für die Gesamtnachfrage identifiziert. Darauf aufbauend erklärt er Konjunkturschwankungen und entwickelt so eine Theorie über den Kapitalismus als nachfragebestimmendes System. Die „Keynesianische Revolution“ war damit gewissermaßen vor Keynes geboren, ungeachtet dessen, daß Kaleckis Buch erst im Jahr 1966 ins Englische übersetzt wurde.

In seinen Frühschriften entwickelte Kalecki auch seine Profittheorie. Danach bestimmen die Investitionen und der Konsum der Kapitalisten den Umfang der im Privatsektor anfallenden Gewinne: Investieren sie nämlich mehr, steigt die effektive Nachfrage noch stärker als die Investitionssumme, weil die Arbeiter in der Investitionsgüterproduktion ebenfalls mehr verdienen und mehr für Konsumgüter ausgeben. Damit steigt auch das Einkommen der Arbeiter in der Konsumgüterproduktion, und der gesamte Prozeß setzt sich so lange fort, bis die Gewinne so hoch wie die Summe aus Investitionen und Kapitalistenkonsum sind. Die Kurzformulierung dieses Zusammenhangs wurde zum geflügelten Wort: „Die Kapitalisten verdienen, was sie ausgeben, und die Arbeiter geben aus, was sie verdienen.“ Die Theorie bedeutete eine radikale Abkehr sowohl von der Marxschen Erklärung der Profite über den „Mehrwert“ als auch von der orthodoxen Interpretation der Gewinne als Lohn der Kapitalisten für Konsumverzicht.

Kalecki zeigte, daß schuldenfinanzierte Staatsausgaben auf die Gewinne in gleicher Weise wie Investitionen wirken. In einer Depression würden höhere Staatsschulden etwa für staatliche Investitionen nicht nur die Arbeitslosigkeit vermindern, sondern auch zu höheren Einkommen und Ersparnissen im Unternehmenssektor führen, und zwar in Höhe des Budgetdefizites. In diesem Sinne tendiert das Budgetdefizit dazu, sich selbst zu finanzieren. Diese Schlußfolgerung war eine Ohrfeige für die orthodoxe Vorstellung, Grundlage gesunder Staatsfinanzen sei ein ausgeglichenes Budget.

Damit verstieß Kalecki wiederum gegen die Analogie zwischen Individuum und Gesellschaft, die für die liberale Ökonomie als etwas Selbstverständliches galt.

Kaleckis und Keynes’ Erkenntnis, daß im Kapitalismus die Nachfrage das Geschehen bestimmt, gilt heute genauso wie damals. Die Orthodoxie vermochte sich dieser Erkenntnis dennoch niemals anzuschließen. Sie wurzelt in der Vorstellung, die Marktwirtschaft sei angebotsbestimmt und tendiere automatisch zur Vollbeschäftigung. Viele nationalökonomische Schulen ignorieren die Probleme des Nachfragemangels und greifen auf die althergebrachten Tugenden des Sparens und Gürtel-enger-Schnallens zurück. Die Inflationsangst verhilft einer solchen Austerity-Politik zu sozialer Akzeptanz.

Die orthodoxe Vorstellung von der Bedeutung des Angebots gilt nur, wenn sich die Volkswirtschaft der Vollbeschäftigung nähert und die Kapazitäten ausgelastet sind. Ein höheres Budgetdefizit verbunden mit einer Politik des billigen Geldes, würde in solch einer Situation zweifellos höhere Inflation und ein Loch in der Zahlungsbilanz bewirken. Der Fehler der orthodoxen Theorie besteht darin, daß sie diesen Fall generalisiert und gleichzeitig ignoriert, daß bei Unterbeschäftigung Nachfrageausweitung die Beschäftigung zu steigern vermag, ohne aber gleichzeitig eine nennenswerte Inflation zu bewirken.

Orthodoxe Ökonomen verschrieben den postkommunistischen osteuropäischen Staaten Austerity und nichts als Austerity. Das wirtschaftliche Desaster, das daraus erwuchs – zusätzlich zu den unvermeidlichen Schwierigkeiten beim Zusammenbruch der Kommandowirtschaft ist heute offensichtlich. Die Nachfrage wurde auf jede erdenkliche Weise beschränkt: durch eine extreme Politik des knappen Geldes, durch Kürzung der Staatsausgaben und durch eine Beschränkung der Löhne. Als Folge leiden Polen, die ehemalige Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und andere Länder unter einer wissentlich in Kauf genommenen Depression, die nur mit der Großen Krise der dreißiger Jahre vergleichbar ist. Es ist ein unberechtigter Optimismus zu hoffen, all diese fragilen osteuropäischen Demokratien könnten eine Depression dieses Ausmaßes überstehen – falls sie noch länger anhält. Tatsächlich könnte im heutigen Osteuropa eine Politik der Nachfrageexpansion die Beschäftigung steigern, ohne die Inflation zu beschleunigen.

Die Inflation könnte sogar zurückgehen, denn wenn sich die Kapazitätsauslastung erhöht, sinken die Produktionskosten pro Stück, die in den großen verstaatlichten Betrieben meist die Basis der Preisfestsetzung bilden. Übrigens war es wiederum Kalecki, der als erster die Theorie kostenbestimmter Preise in das Konzept der nachfragebestimmten kapitalistischen Wirtschaft einbaute. Heute muß dieses Konzept auch auf Osteuropa angewandt werden, um Rezession und Inflation zu bekämpfen.

In einer Hinsicht ist Kaleckis Theorie allerdings zu modifizieren. Die Nachfragegestaltung ist in einer entwickelten Volkswirtschaft nicht mehr so einfach, da sich höhere Nachfrage leicht auf ausländische Märkte verlagern und ein Außenhandelsdefizit verursachen kann. Schlimmer noch: Angesichts des eng verflochtenen und deregulierten weltweiten Kapitalmarkts droht eine massive, spekulative Flucht aus der Inlandswährung. Das Desaster der französischen Wirtschaftspolitik Anfang der achtziger Jahre ist ein Beispiel dafür. In Osteuropa würde heute eine Nachfrageerhöhung schon aufgrund der höheren Qualität westlicher Güter die Importe und die Kapitalflucht steigern. Ohne massiven Zustrom ausländischer Hilfe und ausländischer Investitionen gibt es nur einen einzigen Ausweg aus diesem Dilemma: eine vorübergehende Kontrolle der Importe und Kapitalabflüsse. Das ist sicherlich nichts sehr Erfreuliches – aber für die neu erstandenen, fragilen Demokratien vermutlich doch noch erfreulicher als die Konsequenzen einer lange währenden schweren Wirtschaftsdepression.

Die Entwicklung der Wirtschaftstheorie gleicht manchmal einer Modeschau: In ein paar Dekaden herrscht die Vorstellung vor, der Staat mische sich zu sehr in die Wirtschaft ein, bis das Pendel dann in die andere Richtung ausschlägt und es heißt, der Staat tue zu wenig. Für Inflation und Stagnation in den siebziger Jahren hatte man, obgleich sie hauptsächlich durch die Ölkrise und einige weitere spezielle Faktoren verursacht waren, schnell eine Erklärung parat: hohe Löhne und Einmischung des Staates. Damit kamen in den achtziger Jahren Thatcherismus und Reaganomics in Mode.

Es muß allerdings auch die schönste Mode verblassen, wenn der rauhe Wind der Wirklichkeit ständig gegen sie bläst. Der amerikanische Präsident Bill Clinton vertrat den Standpunkt, der Staat sei nicht schuld an den amerikanischen Wirtschaftsproblemen, sondern könne zu deren Lösung beitragen, und hat so den Präsidentschaftswahlkampf gewonnen. Es ist zu hoffen, daß dieser Sieg den Rückzug des Marktfundamentalismus ankündigt, ganz im Sinne von Kalecki.

Michal Kalecki: Krise und Prosperität im Kapitalismus. Ausgewählte Essays 1933–1971 Metropolis, Marburg 1987; 316 S., 29,80 DM

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Anmerkung von Stefan Dudey

Dieser Text ist erstmals am 14.5.1993 in der ZEIT erschienen, also vor 21 Jahren. Er ist heute so aktuell wie damals, und wir drucken ihn mit Zustimmung der Autoren unverändert nach.

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