Die Deflationsleugner

Vor einem Monat hatte ich auf das wundersame Phänomen hingewiesen, dass es eine starke Asymmetrie in der Beurteilung von Inflations- und Deflationsgefahren in Deutschland gibt. Ich schrieb damals: „Stellen wir uns vor, die Inflationsrate in Europa würde um genauso viel nach oben von dem 1,9-Prozent-Ziel der EZB abweichen, wie sie derzeit nach unten abweicht. Dann hätten wir rein rechnerisch Inflationsraten von 3,3 Prozent. Man kann ganz sicher sein, dass in den Gazetten das Ende der Welt ausgerufen würde.“

Nun ist im Mai die Preissteigerungsrate im Euroraum noch einmal niedriger als die für April gemeldeten 0,7 Prozent, sie liegt, wie Eurostat gerade in seiner „Schnellschätzung“ des Harmonisierten Verbraucherpreisindexes (HVPI) meldet, nur noch bei 0,5 Prozent, wobei selbst in Deutschland ein historisches Tief von 0,6 Prozent (bei der europäisch harmonisierten Messung) erreicht wird. Die obige Rechnung für den Inflationsfall bleibt also gültig, aber die Zahl der Leugner und Abwiegler einer Deflationsgefahr in Deutschland steigt täglich. Besonders hervor tun sich dabei diejenigen, für die auch schon ein Zehntel Abweichung bei der Inflationsrate nach oben den Beginn einer Katastrophe bedeutet.

In der FAZ (hier ein Link zu dem Bericht über den Aufsatz, hier der gesamte Text) schreibt heute Jürgen Stark, früherer EZB-Chefvolkswirt, eine Inflationsrate von 0,7 Prozent bedeute Preisstabilität. Damit erfülle die EZB ihr Mandat und alle anderen Deutungen seien irreführend. Der Rückgang der Inflationsrate sei in Europa wie anderswo überwiegend auf einen Rückgang der Rohstoffpreise zurückzuführen. Warum dann nach der heutigen Meldung von Eurostat der Gesamtindex ohne Energie auch nur um 0,6 Prozent gestiegen ist und die Preissteigerungsrate für „Industriegüter ohne Energie“ bei 0,0 Prozent liegt, bleibt Jürgen Starks Geheimnis. Der Mann, um es klar zu sagen, war einer der härtesten Inflationsbekämpfer, der jederzeit hinter jedem Busch Inflation vermutete. Er hat aber während seiner Zeit bei der EZB nicht ein einziges Mal das von der EZB auf knapp unter zwei Prozent festgelegte Inflationsziel in Frage gestellt, was zu seiner heutigen Akzeptanz von 0,7 Prozent überhaupt nicht passt. Lohnstückkosten kommen in seiner Argumentation natürlich nicht vor, und die einfache Tatsache, dass im Euroraum dort die Preise am wenigsten steigen oder sogar schon fallen, wo Lohnkürzung betrieben wird, die verschweigt er selbstverständlich auch.

Schön ist auch, was man im Institut für Weltwirtschaft in Kiel über Japan weiß. Joachim Scheide, ebenfalls langjähriger Falke in Sachen Inflation, warnt vor den Argumenten der Deflationswarner. Er schreibt: „Immer wieder wird das Beispiel der japanischen Wirtschaft herangezogen, um die vermeintlich negativen Wirkungen zu belegen. Tatsächlich ist das Preisniveau in Japan in den vergangenen zwei Jahrzehnten leicht gesunken. Dies war aber nicht die Ursache für die schwache Zunahme der Produktion, vielmehr war die Deflation ein Symptom für fundamentale Probleme. Vor allem die unbewältigte Krise im Bankensektor war für das mäßige Wachstum der Wirtschaft verantwortlich. Ferner konnte die japanische Notenbank nicht vermitteln, dass sie ein Inflationsziel hatte, an dem sich die Erwartungen hätten orientieren können. Im Euroraum ist das anders: Die EZB hat ein Ziel, und die Inflationserwartungen liegen fast punktgenau dort. Auch das spricht gegen eine drohende Deflation.“ Dass die Deflation in Japan zwei Jahrzehnte lang eindeutig mit fallenden Lohnstückkosten einherging (wir haben das hier gezeigt, allerdings nur im Abo), interessiert Herrn Scheide offenbar nicht. Denn wenn er sich mit diesem Zusammenhang befassen würde, täte er sich mit dem Abwiegeln in Hinblick auf die Situation im Euroraum erheblich schwerer. Warum die EZB bei angeblich stabilen Inflationserwartungen so gewaltige Anstrengungen zur Deflationsbekämpfung macht – und wir werden diesen Donnerstag erleben, dass sie noch viel größere zu machen gedenkt –, das kann Herr Scheide nicht erklären.

Die Löhne dürfen in solchen Debattenbeiträgen überhaupt nur vorkommen, wenn es um einen „freien Fall bei Preisen und Löhnen“ geht. Stark schreibt, im Euroraum bestehe derzeit nicht die Gefahr von „deutlich fallenden Löhnen und Preisen“. Insofern stärke ein niedriges Preisniveau die real verfügbaren Einkommen. Zwar fallen die Löhne in Euroland bisher nur in einigen Ländern in Südeuropa sehr deutlich, da aber woanders die Löhne nicht sozusagen spiegelbildlich entsprechend steigen, droht genau das japanische Szenario langfristig fallender Lohnstückkosten für den Euroraum. Natürlich ist es auch eine glatte Lüge zu behaupten, die niedrigen Preise stärkten die verfügbaren Einkommen, wenn es – unter dem Diktat der Troika – eine markante Einkommensschwäche ist, die mit den weniger steigenden Preisen einhergeht. In Südeuropa führt der geringere Preisanstieg oder der Rückgang der Preise zu einem etwas abgeschwächten Rückgang der verfügbaren Realeinkommen, dramatisch zurückgegangen sind sie dennoch.

Etwas ehrlicher ist da schon Professor Hans-Werner Sinn in einem Interview, das man dank der Bemühungen eines unserer Leser jetzt auf youtube anschauen kann. Allerdings bemerkt es der Interviewer nicht, weil es so schnell geht. Herr Sinn sagt, die anderen müssten ihre Löhne senken, aber er sagt auch ganz knapp, Deutschland müsse mehr Inflation akzeptieren, allerdings ohne hier die Löhne zu erwähnen. Immerhin! Was den Deflationsleugnern niemals über die Lippen käme – er erwähnt es. Daraus aber folgt, dass es vor allem die deutsche Inflationsrate und die deutsche Lohnstückkostenentwicklung ist, die Anlass für die EZB ist, all die Kopfstände zu machen, die wir von ihr bereits gesehen haben und noch sehen werden. Wenn die anderen sich schon deflationär anpassen, indem sie Druck auf ihre Löhne ausüben (was Frankreich und Italien ja noch vor sich haben), muss der inflationäre Ausgleich (der Lohnausgleich) von Deutschland kommen. Würde Professor Sinn, der in dem Interview ja so stark seine Unabhängigkeit betont („ich stehe über der Sache“), dies einmal klar und deutlich in der Öffentlichkeit sagen, dann könnten die Verschweiger und Leugner nicht so leicht weitermachen wie bisher.

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